Freitag, August 19, 2022

Die Industrie braucht weniger Strom. ­Überschüssige, fix eingekaufte Strommengen werden nun vermehrt an den Strombörsen gehandelt.

Von Cornelia Mayr

Noch vor kurzem zeigten sich die großen Stromversorger Europas krisensicher. Nun haben aber auch sie mit einer geringeren Nachfrage zu kämpfen. Die Industrie produziert weniger und deshalb wird auch weniger Strom gebraucht. Ähnlich ist die Situation in Österreich: Durch die Drosselung der Produktion überlegen viele, was sie mit dem eingekauften überschüssigen Strom tun sollen. Am Spotmarkt verkaufen? Und aus RWE-Kreisen in Deutschland erfährt man: Großverbraucher, die 2008 bei RWE fix Energie einkauften, möchten diese nun zum Teil den Versorgern nicht abnehmen. Der Markt wird mit überschüssiger Energie überflutet, die vermehrt an den Strombörsen wieder verkauft wird. In der Folge sinken die Preise. Das ist ein Szenario, das alle 15 europäischen Strombörsen betrifft, egal ob sie European Energy Exchange (EEX), die Leipziger Strombörse, oder APX in den Niederlanden heißen. Die Stromentgelte dürften aber laut Analysten in Europa dennoch hoch bleiben.

Richtwert für Markt
Ein stärkerer Andrang ist auch bei der Wiener Strombörse EXAA (Energy Exchange Austria) zu erwarten. Bereits in den letzten fünf Monaten ist der Umsatz der Wiener Strombörse um fast 40 Prozent gestiegen. »Wir sind ein Nischenplayer«, sagt Jürgen Wahl, Mitglied des Vorstandes bei der EXAA. Der Strom wird über Auktionen am Spotmarkt gehandelt. Und gerade das habe sich in Zeiten wie diesen bewährt. »Wir sind froh, dass wir unserem Kerngeschäft treu geblieben sind und keine Finanzprodukte aufgelegt haben«, so das Vorstandsmitglied. Im Vergleich zu anderen europäischen Börsen, die neben Auktionen am Spotmarkt auch Finanzprodukte wie Futures und Options am Terminmarkt anbieten, ist die EXAA eine reine Warenbörse. Das, was heute gehandelt wird, wird morgen in das Stromnetz eingespeist.

Freies Spiel zwischen Angebot und Nachfrage
Etwa vier Prozent des jährlichen Stromverbrauchs werden in Österreich über die EXAA gehandelt. Das sind 2,49 Terawattstunden (TWh) pro Jahr. Insgesamt werden in Österreich etwa 70 TWh Strom pro Jahr benötigt. Und die EXAA hofft, ihren Marktanteil um 0,5 bis ein Prozent pro Jahr steigern zu können. An der Börse entwickeln sich die Preise im freien Spiel zwischen Angebot und Nachfrage. »Die so genannten Referenzpreise sind dann ein Richtwert für den österreichischen Markt, was eine Megawattstunde kostet«, erklärt Wahl. Noch im Herbst lag der Strompreis bei der EXAA auf hohem Niveau. Eine Megawattstunde kostete 80 bis 90 Euro für Base (Grundlast), 110 bis 120 Euro für Peak (Spitzenlast). Im März dieses Jahres kostete Base etwa 40 Euro, Peak 50.

Preise sinken
Ein Preisverfall ist auch auf der Leipziger Börse zu beobachten. Die Spitzenlast kostete dort zum Beispiel im Herbst 150 Euro pro Megawattstunde (MWh) sofort verfügbaren Stroms, der Preis ist nun teilweise auf 42 Euro im März he­runtergefallen. Im Februar 2009 kostete die Spitzenlast im Monatsmittel (Phelix Peak Month) am Strom-Spotmarkt noch 60,76 Euro pro MWh. Grundlast kostete in Leipzig im Juli 2008 etwa 90 Euro, im März 2009 rutschte sie unter 50 Euro. Auf dem Strom-Spothandel wurde ein Volumen von 11.217.182 MWh umgesetzt. Insgesamt setzte die EEX im Februar im Stromhandel am Spot- und Terminmarkt ein Volumen von 97,4 TWh um. Leipzig gilt vielfach als Basis für andere Indizes. Der Strompreisindex (ÖSPI) der Österreichischen Energieagentur wird zum Beispiel auf Basis der Notierungen der EEX in Leipzig berechnet.

Niedrige Strompreise auch im April
Grundlage des ÖSP sind die Marktpreise für Strompreis-Futures der kommenden vier Quartale. Sie sind gleichzeitig ein Indikator für die zu erwartende Entwicklung des Strompreises. Konkret werden neben den Werten für Grundlast, also die regelmäßige, bandförmige Stromlieferung, auch die Werte für Spitzenlast zur Berechnung herangezogen. Der von der Österreichischen Energieagentur berechnete Strompreisindex beträgt für April dieses Jahres 138,6 (Basisjahr 2006 = 100). Der Index für Grundlast macht 137,8, jener für Spitzenlast 140,4 Punkte aus. Für Grundlast wird gegenüber dem Vormonat eine Verminderung um 3,7 Prozent berechnet, ebenso bei Spitzenlast. Der ÖSPI bildet nur die reine Energiekomponente ab, die 35 bis 40 Prozent am gesamten Strompreis ausmacht. Der Rest entfällt auf Netzgebühren, Steuern und Abgaben. Beschaffungsstrategien der Energieversorger werden darin nicht berücksichtigt. Ein Steigen bzw. Fallen des ÖSPI lässt daher nur eine entsprechend geringere Erhöhung bzw. Senkung des gesamten Strompreises erwarten. Auf keinen Fall kann mit dem ÖSPI eine Aussage getroffen werden, wie die Ener­gieanbieter ihre Preise gegenüber den Endkunden tatsächlich gestalten.
Die Wiener Strombörse hat sich seit ihrer Entstehung 2001 gut entwickelt. Den Spothandel mit elektrischer Energie nahm sie 2002 auf. Damit konnten nun Handelsmöglichkeiten genutzt werden, die die liberalisierten Energiemärkte in Zentraleuropa bieten. Bereits 2005 hat die EXAA auch den Handel von Emissionsrechten eröffnet, 2008 erweitert und optimiert. Die Handelsmengen stiegen kontinuierlich an. Im Jahr 2006 wurde ein durchschnittliches Handelsvolumen pro Tag von 4.500 MWh gehandelt, im ersten Quartal 2009 bereits 10.600 MWh. Die Handelsteilnehmer wurden im gleichen Zeitraum von 29 auf 49 aufgestockt. Der Händler braucht für die Auktion am Strom-Spotmarkt nur ein IT-System und den theoretischen Hintergrund, erklärt Wahl. Es wird also keine eigene Software benötigt, wie dies bei anderen Börsen üblich ist. Die Zugangssicherung erfolgt durch elektrische Schlüssel (Key Fobs) und damit ohne jeglichen Hardwareanschluss am Computer des Traders. Und das System soll so sicher wie Internetbanking sein.

 


Fünf Tage Handel
Die tägliche Auktion findet bei der EXAA um 10.15 Uhr statt. Europaweit ist der siebentägige Handel im Trend. »Die EXAA in Wien bleibt bei fünf Tagen. Umfrageergebnisse bei Händlern bestätigen, dass unsere Entscheidung richtig war«, so Wahl. Denn kleinere und mittlere Betriebe müssten dann einen Wochenenddienst organisieren, der einen ungleich höheren Aufwand mit sich brächte. Der Bedarf für die Wochenendtage inklusive Montag wird jeweils am Freitag vor dem entsprechenden Wochenende gehandelt. Im Fall eines Feiertages erfolgt der Handel für diesen und den daran anschließenden. Das Handelssystem der EXAA erzeugt nach Abschluss jedes Handelstages die Daten für die kaufmännische Abwicklung der Geschäfte. Diese werden an die Österreichische Kontrollbank AG übermittelt. Die stellt Rechnungen bzw. Gutschriften für alle Handelsteilnehmer elektronisch bereit und wickelt die Geldkontentransfers automatisch ab. Die Clearing-Gebühren sind hierfür vollständig in den Transaktionsgebühren von EXAA enthalten. Zu allererst ist eine einmalige Eintrittsgebühr von 10.000 Euro zu begleichen. Die Jahresgebühr macht je nach Umsatz zwischen 7.500 und 15.000 Euro aus. Zusätzlich werden für jede Transaktion 7,5 Cent pro Megawattstunde verrechnet.

24 Stunden einzeln handelbar
Grundsätzlich sind alle 24 Stunden einzeln handelbar. Als Blockprodukte, also als Zusammenfassung mehrerer Stunden, wurden beispielsweise Base, Peak, Offpeak definiert. Es gibt aber auch weitere, den Bedürfnissen der Marktteilnehmer entsprechende Spezialblöcke. Die physische Erfüllung der Geschäfte, also dass am nächsten Tag Strom fließt, erfolgt wahlweise in einer der Regelzonen von APG (Verbund-Austrian Power Grid), TIWAG (Tiroler Wasserkraft), VKW (Vorarlberger Kraftwerke), E.ON oder RWE. Jedes Land hat sein Übertragungsnetz in Regelzonen unterteilt, die von einem Bilanzgruppenkoordinator bestimmt werden. In Österreich sind das APG, Tiwag und VKW, in Deutschland E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW. Die Marktteilnehmer der EXAA kommen zu je einem Drittel aus Österreich und Deutschland, der Rest aus den umliegenden Ländern. Auch die Schweiz ist gut vertreten. »Es ist leicht, zwischen Österreich und Deutschland zu handeln, da es keine Engpässe beim Netz gibt. Anders ist das in Italien und Zentraleuropa«, so Wahl. In Osteuropa, wo etwa 20 Prozent der Händler herkommen, sieht Wahl auch einen Wachstumsmarkt, wenn auch noch die Infrastruktur und die rechtlichen Strukturen an das europäische System angepasst werden müssen.

 

Mitglieder der Europäischen ­Strombörse
Europäische Strombörse: www.europex.org
APX B.V. (Niederlande): www.apxgroup.com
Belpex SA (Belgien): www.belpex.be
Borzen, organizator trga z elektricno energijo, d.o.o. (Slowakei) www.borzen.si/slo/
Endex European Energy Derivatives Exchange N.V. (Niederlande): www.endex.nl
European Energy Exchange AG (Deutschland): www.eex.com
EXAA Abwicklungsstelle für Energieprodukte AG (Österreich): www.exaa.at
Gestore del mercato elettrico S.p.a. (Italien): www.mercatoelettrico.org
Nord Pool ASA (Norwegen): www.nordpool.com
Nord Pool Spot AS (Norwegen): www.nordpoolspot.com
Operador de Mercado Ibérico de Energia (Pólo Português), SA (Portugal): www.omip.pt
Operador del Mercado Ibérico de Energía – Polo Español, S.A. (Spanien): www.omel.es
Operátor trhu s elektrinou, a.s. (Tschechien): www.ote-cr.cz
Operatorul Pietei de Energie Electrica OPCOM SA (Rumänien): www.opcom.ro
Powernext SA (Frankreich): www.powernext.fr
Towarowa Gielda Energii SA (Polen): www.polpx.pl


Händlerdiplom erforderlich
Voraussetzung für die Teilnahme als Händler sowohl an der Wiener als auch an anderen Strombörsen, wie zum Beispiel der Leipziger, ist eine Schulung. Die EXAA (Energy Exchange Austria) bietet eine eintägige Schulung zum EXAA Energiehändler an. Die Schulung inklusive Händlerprüfung dauert sieben Stunden. Der Preis für einen Teilnehmer kostet 500 Euro exklusive Mehrwertsteuer. Der zweite Teilnehmer desselben Unternehmens zahlt nur mehr die Hälfte, der dritte geht frei. Gelehrt werden Allgemeines über die EXAA, der Handel sowie die finanzielle Abwicklung als auch das Risk Management. Seit Jahresbeginn wurde das Schulungsgeschäft erweitert. Mit einem »Training for Energy and Environmental Markets (TEEM) wird Energieunternehmen und branchenrelevanten Institutionen in Österreich und Deutschland ein spezielles Programm angeboten.

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