Warum Zukunft mehr mit Führung als mit Rahmenbedingungen zu tun hat?
Wenn über Wettbewerbsfähigkeit gesprochen wird, richtet sich der Blick schnell auf die bekannten strukturellen Themen: Regulierung, Kapitalmärkte, fragmentierte Märkte oder langsame Entscheidungsprozesse. Vieles davon ist richtig — und dennoch erklärt es nicht das ganze Bild.
Denn es gibt sie: Unternehmen, die unter genau diesen Bedingungen weltweit Maßstäbe setzen. Unternehmen, die technologisch führen, globale Nischen dominieren und bemerkenswerte Innovationskraft entwickeln. Sie bewegen sich im selben wirtschaftlichen Umfeld wie viele andere — und kommen dennoch zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, warum Innovation angeblich so schwer ist. Die interessantere Frage ist: Warum gelingt sie manchen Organisationen — und anderen nicht?
Rahmenbedingungen erklären viel. Sie erklären aber nie alles.
Der Unterschied entsteht häufig innerhalb der Organisation. Genauer gesagt: in der Logik, nach der Unternehmen geführt werden.
Viele Organisationen verfolgen heute ein scheinbar widerspruchsfreies Ziel. Sie wollen maximale Effizienz erreichen und gleichzeitig hochinnovativ sein. Doch bei näherer Betrachtung handelt es sich um zwei unterschiedliche Systeme mit unterschiedlichen Anforderungen.
Effizienz lebt von Stabilität, Vorhersagbarkeit und möglichst geringer Varianz. Innovation hingegen entsteht dort, wo Unsicherheit akzeptiert wird, wo Experimente möglich sind und Abweichung nicht sofort als Fehler gilt.
Organisationen, die beides gleich führen wollen, geraten zwangsläufig unter Spannung. Wer Innovation mit den Instrumenten der Produktion steuert, wird kaum echte Neuerung hervorbringen. Statt Zukunft entsteht Optimierung — also die konsequente Verbesserung dessen, was bereits bekannt ist. Optimierung ist wichtig, aber sie ersetzt keine Erneuerung.
Erfolgreiche Organisationen scheinen diesen Unterschied verstanden zu haben. Sie trennen bewusst zwischen Bereichen, in denen Prozesse stabil laufen müssen, und solchen, in denen Exploration ausdrücklich erwünscht ist. Dort wird Unsicherheit nicht als Störung betrachtet, sondern als notwendige Bedingung für Erkenntnis.
Andere Organisationen gehen einen schwierigeren Weg. Sie überziehen das gesamte System mit denselben Steuerungsmechanismen: mehr Kennzahlen, mehr Reporting, mehr Kontrolle. Die Folgen sind selten sofort sichtbar, aber langfristig deutlich spürbar. Hochqualifizierte Menschen lernen schnell, was erwartet wird — und liefern zuverlässig genau das. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Das eigentliche Problem liegt daher oft nicht in fehlendem Talent, nicht in mangelnden Ideen und auch nicht ausschließlich in äußeren Bedingungen. Viele Organisationen verfügen über kluge Köpfe, Zugang zu Wissen und ausreichend Erfahrung.
Was häufig fehlt, ist nicht die Fähigkeit zur Innovation — sondern die Konsequenz, sie organisatorisch zu ermöglichen.
Vielleicht sollten wir die Debatte deshalb etwas anders führen. Weniger mit dem reflexhaften Blick auf äußere Rahmenbedingungen — und stärker mit der Frage nach unserer eigenen Organisationsrealität.
Welche Logiken prägen unsere Unternehmen heute? Was belohnen wir tatsächlich — und was verhindern wir unbeabsichtigt? Und vor allem: Sind wir bereit, Unsicherheit dort zuzulassen, wo Zukunft entstehen soll?
Organisationen bekommen nicht die Zukunft, die sie sich wünschen. Sie bekommen die Zukunft, die ihr System ermöglicht.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Bedingungen perfekt sind.
Sondern ob wir bereit sind, die Bedingungen in unserem eigenen Verantwortungsbereich zu verändern.
Zukunft ist kein Standortfaktor. Sie ist eine Führungsentscheidung.
Wir sollten reden.
Werner
Der Beitrag ist am 16. 2. 2026 erschienen unter https://www.linkedin.com/pulse/unternehmen-bekommen-die-zukunft-sie-erm%25C3%25B6glichen-werner-illsinger-v2kpf/