Dienstag, Oktober 04, 2022
»Wenn man einen Gipfel erreicht, sucht man sich den nächsten«

Seit 1976 ist Wolfgang Kristinus Geschäftsführer der Baustoff + Metall GmbH. Im Vorjahr hat das Unternehmen im Besitz der Familie Kristinus erstmals die Umsatzmilliarde geknackt. Im Interview erklärt er, wie es dazu kam, welche Vorteile ein Hybridunternehmen aus Handel und Industrie bringt und kündigt an, wann die zweite Milliarde fällig sein soll.


Report: Die Baustoff + Metall GmbH ist 2021 um 22 Prozent gewachsen und hat erstmals die Umsatzmilliarde geknackt. Ist dieses starke Wachstum vor allem auf die gestiegenen Preise zurückzuführen oder gibt es auch andere Gründe?

Wolfgang Kristinus: Das Wachstum ist etwa zu einem Drittel preisgetrieben, ein weiteres Drittel ist auf die Konjunktur zurückzuführen, die nach 2020 in allen Ländern angesprungen ist. In Ländern wie Italien oder den Benelux-Staaten gab es im ersten Jahr der Pandemie regelrechte Bausperren. Und das dritte Drittel entfällt auf gewonnene Marktanteile. Da ist uns auch unser langer Atem zu Gute gekommen.

Speziell nach der Finanzkrise 2008/2009 haben viele Mitbewerber die Märkte in Südost- und Osteuropa verlassen, wir sind geblieben, haben auch Dürrezeiten durchgemacht, waren aber immer vom Potenzial überzeugt. Jetzt konnten wir die Früchte ernten. Aber auch Westeuropa, speziell Deutschland, hat im letzten Jahr stark performt, ebenso wie der Heimmarkt Österreich.

Report: Wie verteilt sich der Umsatz regional und produktspezifisch? Wo und mit welchen Produkten machen Sie die meisten Umsätze?

Kristinus: Regional ist es so, dass 55 Prozent unseres Umsatzes auf Deutschland entfallen. Das ist unser wichtigster Markt. Dass wir stärker als der Markt gewachsen sind, liegt auch an unserer Unternehmensstruktur. Wir sind eine Mischung aus Fachhandel und Fachindustrie. Umsatzmäßig sind wir zu 90 Prozent Fachhandel und zu zehn Prozent Industrie. Das klingt wenig, ist aber gerade in Zeiten von Verknappung und Materialengpässen ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Report: Wie genau profitieren Ihre Kunden davon, dass Sie ein Hybridunternehmen aus Fachhandel und Industrie sind?

Kristinus: Industrien leben davon, dass sie neue Produkte entwickeln und patentieren. Der Handel kann nur das verkaufen, was die Industrie erzeugt. Da sind alle Händler gleichgestellt. Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir eigene Produkte wie unsere Klimadecken oder spezielle Zargen selbst erzeugen. Wir haben über 50 Patente und Gebrauchsmuster. Die haben andere Händler nicht im Sortiment. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil unseres Unternehmenskonzepts, der nicht so leicht kopierbar ist. Das ist auch strategisch sehr wichtig. Auch wenn die Industrie nur rund zehn Prozent des Umsatzes ausmacht, die indirekte Wirkung ist deutlich stärker. Die Kunden sehen, dass wir technologisch ganz weit vorne sind und kaufen beim Schmied und nicht beim Schmiedl.

Report: Das Unternehmen ist seit 1953 in Familienbesitz, sie selbst sind seit 1976 Geschäftsführer von Baustoff + Metall und damit der wahrscheinlich längstdienende Geschäftsführer der Branche. Was waren die wichtigsten Highlights in dieser Zeit?

Kristinus: Als ich die Geschäftsführung übernommen habe, hatten wir mit Wien genau einen Standort. Wir haben als Dämmstoffhandel angefangen. Die Eröffnung eines zweiten Standortes in Graz im Jahr 1986 war ein ganz wesentlicher Schritt für mich und die Grundlage für die spätere Expansion. Ein weiterer wichtiger Meilenstein war natürlich der Eintritt in den deutschen Markt im Jahr 1996. Mit der Insolvenz der Firma Krug, dem damaligen Marktführer im Trockenbaufachhandel Deutschlands, hat sich für uns ein historisches Fenster geöffnet.

Wir waren damals noch ein kleiner Fisch, haben aber gleich vier Standorte übernommen. Das war ein großer Brocken. Ein drittes Highlight war der Einstieg in die Industrie. Auch dafür war eine Insolvenz verantwortlich, und zwar unseres Hauptlieferanten für Profile, den wir dann übernommen haben. Das war unser erster Schritt in die Produktion. Da haben wir sehr viel gelernt. In der Industrie wird ganz anders gedacht als im Handel, viel langfristiger.

Report: In der Industrie geht es immer auch um Innovationen und Neuentwicklungen. Wo liegen aktuell ihre F&E-Schwerpunkte?

Kristinus: Von den sieben Industriebetrieben sind sechs metallverarbeitend. Das Portfolio reicht von der Unterkonstruktion für Trockenbau über Glastrennwände und Metalldecken bis zu Zargen. Aktuell liegt ein Schwerpunkt auf der Weiterentwicklung unserer Heiz- und Kühldecken. Unser Ziel ist es, diese Klimadecken auch im Wohnbau zum Standard zu machen.

Unsere Vision ist es, eine so preisgünstige Variante auf den Markt zu bringen, die auch im sozialen Wohnbau zum Einsatz kommen kann. Da investieren wir viel Geld. Erst kürzlich haben wir wieder ein neues System patentieren lassen, das eine Abhängung inklusive Platte von nur 7 cm ermöglicht.

Das ist speziell im sozialen Wohnbau sehr wichtig, wo es klare Vorgaben gibt. Da ist auch das richtige Lobbying gefragt, um diese Decken dann auch in der Sanierung unterzubringen. Damit wird vielleicht die Mindestraumhöhe unterschritten, aber die Mieter gewinnen ein hohes Maß an Behaglichkeit. 

Report: Wie erfolgreich ist dieses Lobbying?

Kristinus: Da gibt es sicher noch Luft nach oben. Da sind wir noch nicht ganz perfekt organisiert. Aber daran arbeiten wir intensiv. 

Report: Da geht es aber vermutlich nicht nur um Ihr Unternehmen. Da wird man sich sicher breiter aufstellen wollen.

Kristinus: Auf jeden Fall. Wir wollen uns da auch mit anderen Unternehmen und Verbänden, die Heizen und Kühlen über Decke und Wand anbieten, zusammenschließen, um das Thema salonfähig zu machen.

Report: Welche Erwartungen haben Sie an 2022? Wird sich das Vorjahr wiederholen lassen?

Kristinus: Ich denke, dass wir die Umsätze weiter steigern werden. Das liegt sicher auch an den Preissteigerungen. Das ist natürlich auch unangenehm für uns, aber viel schwieriger ist es für Kunden, diese Preissteigerungen im Markt unterzubringen. Zum Glück gibt es nicht unendlich viele Trockenbauer und die Generalunternehmer sind durchaus bereit, für gute Qualität auch zu zahlen. Ich denke auch, dass genug Projekte in der Pipeline sind, um weiteres Wachstum zu ermöglichen.

Welche mittel- und langfristigen Auswirkungen der Krieg in der Ukraine haben wird, traue ich mich aktuell nicht einzuschätzen. Das gesamtwirtschaftliche Wachstum wird auf jeden Fall geringer ausfallen als angenommen. Stahl könnte wieder knapp werden. Da gibt es viele Unbekannte und das wird auch auf die Bauwirtschaft abfärben. Es wird vermutlich weniger Geld im Markt geben, und damit auch weniger Geld für Immobilienprojekte. Dennoch bin ich in Summe optimistisch, dass wir das heurige Jahr ähnlich gut abschließen werden wie das letzte.

Report: Wie sehen Ihre kurz-, mittel- und langfristigen Pläne für Baustoff + Metall aus?

Kristinus: Unser Ziel ist weitere Expansion. Sobald man einen Gipfel erreicht hat, sucht man sich als Bergsteiger den nächsten aus. Nach der geknackten Umsatzmilliarde ist das naheliegende Ziel zwei Milliarden. Das wollen wir in einem Zeitraum von zehn Jahren schaffen, nicht mit Gewalt und großen Zukäufen, sondern organisch. In Deutschland haben wir mit Holz eine neue Schiene im Portfolio, die wir weiter ausbauen wollen. Die Expansion wird also sowohl im Produktbereich als auch bei den Standorten vorangetrieben werden. 

Außerdem wollen wir in allen Märkten, in den wir vertreten sind, in unserem Segment Marktführer sein und diese Position auch laufend ausbauen.

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