Freitag, Juli 19, 2024
»Wir sind eine Autokorrektur, eine digitale Zweitmeinung«
»Die Architektur ist die letzte Kunstdisziplin, die sich zu einer Ingenieurdisziplin wandelt«, ist Matthias Standfest überzeugt.

Matthias Standfest, CEO des Datenanalysespezialisten Archilyse und einer der Key-Note-Speaker bei den Future Brick Days, erklärt im Gespräch mit dem Bau & Immobilien Report, wie er die Qualität von Architektur und Immobilien digital und objektiv messbar und vergleichbar macht und warum er die Branche mitten im Paradigmenwechsel sieht, aber wenig von Disruption hält.


Report: Sie haben einmal gesagt, dass man nichts besser machen kann, was man nicht messen kann. Am Ende Ihres Vortrages in Wien hieß es: »Daten sind mehr als ein Spielzeug – Daten sind überlebenswichtig«. Wie kann man Bauen messen? Wie kann man Bauen besser machen?

Matthias Standfest: Das stammt nicht von mir, das steht in großen Lettern über der Produktionshalle des CERN, wo die Magnetspulen hergestellt werden. Die Grundidee unserer Philosophie und der Kern der Digitalisierung ist das Messen. Wenn man etwas messen kann, kann man Varianten vergleichen und sehen, was besser ist. Ein objektiver Vergleich ist möglich.

Im Bauwesen und der Architektur gibt es viele Parameter. Wer Architektur im Gesamten ändern will, muss die Architektur im Gesamten messen. Dafür müssen auch alle Parameter hinterlegt werden. Wenn man alle Dimensionen des Bauens überlagert, kann man sehr gut erkennen, was besser funktioniert und was schlechter. Der Architekturwettbewerb ist nichts anderes. Unser Ansatz ist, alles zu messen, und die Expertenmeinung der Jury mit objektiv messbaren Daten zu ergänzen.


Report: Was genau messen Sie?

Standfest: Da gibt es heute viele Möglichkeiten. Wir wissen aus der Forschung etwa ganz genau, wie der Raum Menschen beeinflusst. Wie wirkt das Tageslicht, wo wird Stress erzeugt oder Aggression und wo wirkt ein Raum beruhigend. Wie viele Sonnenstunden hat eine Außenfläche, kommt es zu einer Überhitzung, und, und, und. Das kann man prädiktiv berechnen und miteinander vergleichen.


Report: Sie entromantisieren damit ein wenig die Architektur und machen daraus eine exakte Wissenschaft?

Standfest: Absolut, das ist unser Ziel. Wir sind mitten in einem Paradigmenwechsel. Die Architektur ist die letzte Kunstdisziplin, die sich zu einer Ingenieurdisziplin wandelt. Dafür hat es gewisse Technologien und sogenannte Technology-Support-Networks, gebraucht. Die haben jetzt die Reife, dass sie für die Architektur nutzbar sind.


Report: Auf wie viel Widerstand stoßen sie mit Ihren Ideen?

Standfest: Auf Widerstand nicht, aber wir bewegen uns im Treibsand. Die Branche ist nicht innovationsaffin. Dort wo Kostendruck herrscht, wo man entlang der Wertschöpfungskette expandieren will, rennen wir aber offene Türen ein.


Report: Disruptive Veränderungen wurden schon oft vorhergesagt, ich denke an BIM, Automatisierung oder Robotik. Meist zeigt sich die Branche aber davon unbeeindruckt. Warum soll das jetzt anders sein?

Standfest: Das stimmt. Ich glaube aber gar nicht an den Begriff der Disruption. Es geht um kontinuierliche Verbesserungsprozesse, um Trends, die sich über Technologie fortsetzen. Ob das jetzt wir machen oder jemand anderer, ist egal.

Im Endeffekt geht es darum, die Kosten zu reduzieren und den Ertrag zu erhöhen. Mit unserer Lösung kann man objektiv und zuverlässig vorhersagen, welcher Grundriss an welchem Standort den besten Ertrag bringt und welcher Grundriss welche Kosten verursachen wird. Das gab es bislang noch nicht.


Report: Sie haben sich mit Ihrer Lösung sicher auch vergangene Architekturwettbewerbe angesehen. Kann man sagen, dass im Großen und Ganzen das objektiv beste Projekt in der Regel auch gewinnt?

Standfest: Das funktioniert in der Regel schon sehr gut. Unser Vorteil ist, dass wir das Bauchgefühl mit objektiven Daten stärken können. Viele Auslober, für die wir arbeiten, nutzen unsere Daten in der direkten Kommunikation mit den Architekten. Das beginnt meist am zweiten Jury-Tag, um eine zusätzliche Diskussion anzustoßen. Das wird sehr gut angenommen. Die meisten Architekten spüren ohnehin instinktiv, wenn es bei einem Entwurf Probleme gibt. Wir können diese Probleme visualisieren und greifbar machen.

Wir wurden kürzlich zu einem Projekt hinzugezogen und haben den Entwurf förmlich zerrissen. Und wie hat der Architekt reagiert? Er war dankbar! Denn anscheinend hatte er den Bauherrn schon gewarnt, dass dieser an der falschen Stelle sparen will, ist damit aber auf taube Ohren gestoßen. Jetzt konnte er diese Warnung mit objektiven Fakten untermauern.


Report: Das heißt, in der Regel liefern Sie unterstützende, harte Fakten für das Bauchgefühl der Architekten und Experten.

Standfest: Wir sind eine Art Autokorrektur, eine digitale Zweitmeinung, die sehr gut angenommen wird.


Report: Wird es in Zukunft mehr in Richtung Standardlösungen gehen, von denen man weiß, dass sie dem Algorithmus gefallen?

Standfest: Nein, gar nicht. Je größer die Diversität umso resilienter ist ein Entwurf. Speziell in Sachen ESG, das laufend an Bedeutung gewinnt. Damit wird das Bauwesen in Summe reichhaltiger und weniger monoton.


Report: Wie wird das Planen und Bauen in fünf oder zehn Jahren aussehen?

Standfest: Man wird sich endlich von der Idee emanzipieren, dass man mit einer leeren Fläche beginnt. Der Entwurf ist nie ex nihilo. In Zukunft wird am Anfang der 08/15-Entwurf eines Algorithmus stehen, gespeist von dem Weltwissen, was an einem gewissen Standort das Naheliegendste ist. Der Architekt muss also keine Probleme mehr lösen, die schon zigfach gelöst wurden. Er wird von der gesamten existierenden Umwelt lernen können. Seine Hauptaufgabe besteht darin, etwas Neues zu schaffen, vom Standard abzuweichen.


Report: Wird es in Zukunft auch Entwürfe von Computerprogrammen, die von anderen Computerprogrammen bewertet werden?

Standfest: Das Bewerten ist einfach, deshalb machen wir das auch (lacht). Das Planen selbst ist viel schwieriger.


Report: Aber wenn man alle Parameter einfließen lässt, findet dann nicht ein Computerprogramm viel schneller die perfekte Lösung als ein Mensch?

Standfest: Da gibt es so viel zu beachten, etwa die zeitliche Komponente. Es gibt ja nicht die perfekte Lösung, sondern nur die perfekte Lösung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Auch soziale Faktoren spielen eine große Rolle, da stehen wir noch ganz am Anfang.

Vielleicht wird in 15 bis 20 Jahren ein Algorithmus besser planen können als ein Mensch, aber bis dahin gibt es noch viele Probleme zu lösen. Was wir aber heute schon können, ist zu vermeiden, dass schlechte Grundrisse und Gebäude gebaut werden.

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