Donnerstag, August 18, 2022
Best of: BIM

Building Information Modeling ist nicht nur die Zukunft des Bauens, sondern oft auch schon die Gegenwart. Der Bau & Immobilien Report zeigt ausgewählte Referenzen und spannende Projekte.


Tunnelbau am Flughafen Salzburg

Der Tunnelbau am Flughafen Salzburg im Frühjahr 2021 zeigte, wie eine effiziente Verbindung aus BIM-Modellen und NFC-Tags aussehen kann. »Aktuell sorgen unterschiedliche Formate und Standards bei CAD-Programmen für Schwierigkeiten beim Datentransfer zwischen den Beteiligten und erschweren in weiterer Folge die Abfrage von BIM-Modellen und deren Bearbeitung«, erklärt Rudi Pistora, Head of Sales bei PlanRadar.

Einer der größten Vorteile der PlanRadar-App ist die ortsunabhängige Verwendung. Dies ermöglicht eine detaillierte Visualisierung aller Bauteile und die direkte Verortung von Daten im BIM-Modell. Jene werden über NFC-Tags gespeichert und von PlanRadar ausgelesen. Zukünftige Mängel, welche sich im Baugeschehen ergeben, werden unmittelbar dokumentiert.

Im Falle des Tunnelprojekts am Flughafen Salzburg war es wichtig, eine eindeutige Bauwerksdokumentation, Schadensbegutachtung und Mängelbegehung zu gewährleisten. Durch die direkte Dateneinspielung in das BIM-Modell konnten zum Beispiel Schäden vor Ort eindeutig positioniert und gleichzeitig in der App auf einem digitalen Lageplan vermerkt werden. Der vollständige Bericht kann innerhalb von Sekunden und ohne Internetverbindung mit einem einzigen Klick erstellt werden. So wurde durch PlanRadar eine einfache Kommunikation und ein transparenter Austausch von Informationen zwischen den Projektbeteiligten ermöglicht sowie eine große Zeitersparnis bei der Begehung des Bauwerks herbeigeführt.

Innovationen für Kreislaufwirtschaft und TGA

Bei der Errichtung des neuen Bürogebäudes von Drees & Sommer in Stuttgart setzen die Bauherrn neben Lean Construction auch auf BIM. Noch bevor ihre Arbeiten auf der Baustelle tatsächlich beginnen, arbeiten alle Baubeteiligten die Angaben zu ihren Gewerken in ein digitales BIM-Modell ein. Damit erhält das dreidimensionale Abbild nicht nur diverse Daten, wie etwa zu Material, Kosten oder Brandschutz, sondern es können auch Bau-, Montage- oder Terminabläufe virtuell durchgespielt werden. So lassen sich Widersprüche bei Planung oder Bauausführung frühzeitig feststellen und im Vorfeld zu geringen Kosten beheben.



In Bezug auf das Thema Kreislauffähigkeit ermöglicht die BIM-Methode eine konsequente Umsetzung des Cradle-to-Cradle-Designprinzips. Denn die im Modell hinterlegten Informationen zu Materialien und Mengen liefern die Grundlage für den Building-Circularity-Passport. Er gibt detaillierte Auskunft darüber, welche verwendeten Materialien sich einfach trennen lassen und welche chemische Zusammensetzung die verbauten Produkte besitzen. Auch die monetären Werte der verbauten Konstruktionen in den Gebäuden lassen sich damit leicht ermitteln. Während des Planungsprozesses bietet eine Visualisierung der Cradle-to-Cradle-Eigenschaften direkt im Koordinationsmodell die Möglichkeit, Optimierungspotenziale zu identifizieren und wahrzunehmen.

Auch im Bereich der technischen Gebäudeausrüstung sorgt BIM für Innovationen. Gemeinsam haben Drees & Sommer und die Adolf Würth GmbH & Co. KG ein neues, innovatives TGA-Modul entworfen. Es beinhaltet Elemente der technischen Gebäudeausrüstung, wozu beispielsweise Heizungs-, Klima- und Elektrotechnik zählen.

»Unsere TGA-Module mit allen zugehörigen Daten und Informationen zu Abmessungen, Material oder technischen Eigenschaften fügen sich problemlos in die BIM-Modelle ein. In die Zukunft gedacht werden diese Daten aus dem Modell dann direkt an Maschinen oder 3D-Drucker für die Produktion von standardisierten Serienelementen übermittelt«, erklärt Johannes Wiesinger, Senior Projektpartner und TGA-Experte bei Drees & Sommer.

BIM to FIM

Das Viega Seminar- und Vertriebscenter in Attersee ist ein ökologisches Vorzeigeprojekt: Das von ATP Wien und ATP sustain integral mit BIM geplante Gebäude erzeugt mehr Energie als es verbraucht. Dafür wurde das Gebäude mit dem DGNB Platin-Zertifikat und mit der Gold-Auszeichnung der österreichischen Regierungsinitiative »klimaaktiv« ausgezeichnet.



Mit dem Neubau setzen die Viega GmbH und ATP ein beispielhaftes Zeichen für die Zukunft des Bauens. Denn das Gebäude wurde bereits von Planungsbeginn an funktional und energetisch über den gesamten Lebenszyklus hinweg gedacht. Hier fand der global führende Anbieter von Installationstechnik den passenden Partner in ATP. Durchgängig integral und mit Building Information Modeling geplant, konnten präzise Vorhersagen sowohl für die Bau- als auch die gesamten Lebenszykluskosten des Gebäudes gemacht werden. Sämtliche Gebäudedaten stehen dem Bauherrn außerdem auch im Betrieb für das Facility-Management zur Verfügung.

Als Best-Practice-Beispiel wird das rund 3.000 m2 große Seminarcenter in Zukunft selbst zum Schulungsinhalt: Wasser- und Energiebedarf, externe Wärmeeinträge und interne Kühllasten sowie Geothermiedaten werden einem umfassenden Monitoring unterzogen. Anschließend können die Teilnehmer*innen diese bewerten. Das Gebäude wird so zum »lebendigen« Beispielobjekt.

Innovativer Holz-Hybrid, umgesetzt mit BIM und Lean

Die Karlsruher Vollack Gruppe setzt als Generalplaner und Bauunternehmen schon seit vielen Jahren auf neue Methoden wie Lean Construction oder BIM. So auch bei der Errichtung eines Holz-Hybridgebäudes im Passivhausstandard für den Bauherrn generic.de. Das Besondere an dem Projekt ist eine neu entwickelte, vorgefertigte Holz-Hybriddecke mit oberflächennaher Bauteilaktivierung, die tragende Holzbalken nutzt, um so die Dicke der Betonplatte zugunsten des CO2-Footprints signifikant um 60 Prozent zu reduzieren. Die regenerative Haustechnik reduziert die CO2-Emissionen weiter und leistet einen Beitrag zum klimaneutralen Gebäudebestand.



Bei der Umsetzung setzt Vollack auf BIM und Nevaris Bausoftware. Dank BIM und attribuierten Bauteilen können mittels der modellbasierten Kostenberechnung Gewerke frühzeitig preislich abgesichert und mengenmäßig zügig ausgeschrieben werden.

Gerade in Zeiten von erschwerter Planbarkeit, z.B. durch Material- oder Lieferengpässe, gilt es, Prozesse von Beginn der Aufgabenklärung über die Planung bis zur Baustelle und Nutzungsphase maximal stabil zu gestalten. Rückgrat für einen durchgängigen Prozess ist für Vollack die Kombination von BIM und Lean, Transparenz sowie Kollaboration.


Best Practice: BIM im Architekt*innenalltag

ine modellbasierte Planung und das gute Zusammenspiel aller Beteiligten können beim Bauen mit einem Generalunternehmer entscheidend für das Ergebnis sein. Architekt*innen sind in diesem Kontext aber nicht immer versierte Prozesssteuerer – doch sie können es werden. Das betont Sirri El Jundi, wenn er über seinen Berufsstand spricht. Er ist Partner bei JSB Architekten Stuttgart und Leonberg. Vor fünf Jahren gestartet, fußt das Geschäftsmodell der drei Gründer seit der ersten Minute auf dem Einsatz digitaler Planungsmethoden.



Ihre BIM-Modelle entstehen in der Software Archicad auf Basis von 2D-CAD-Plandaten. Zum Architekturmodell kommt die Koordinierung der Fachmodelle und das Zusammenführen der Planungen im Gebäudemodell hinzu. Mit diesen Leistungen wird JSB oft direkt über einen Werkvertrag von einem Generalunternehmer beauftragt, in dem sowohl Modellierungsgrad, Geometrieumfang, Bauteileigenschaften und Klassifizierungen sowie die Lieferung von Leitdetails als Modelldaten beschrieben sind.

Die eigenen Leistungen und Arbeitsaufwände werden ständig optimiert. Sirri El Jundi: »Wir haben lange an unserem Modellierungsstandard in Archicad gearbeitet. Dazu war es nötig, wesentliche Parameter zu definieren, bei denen der Fokus nicht mehr auf dem IFC-Austauschmodell liegt. Wir fokussieren uns auf die Ausführungs- und die Detailplanung im Rahmen der WP1 und WP2. Viel Zeit und Know-how sind hier in Standards, Richtlinien und interne Prozesse geflossen. Doch das zahlt sich für uns und unsere Auftraggeber aus: Unsere Modelle sind tip top!«


Wohnbauprojekt mit BIM aus der Cloud

Das Architekturbüro Dörfer Grohnmeier Architekten Partnerschaft dg.a aus Darmstadt realisiert in seiner Heimatstadt den Bau von 102 Wohneinheiten, verteilt auf sieben miteinander verbundene Häuser rund um einen begrünten Innenhof. Die gesamte Planungsphase mit umfassender Mengen- und Kostenermittlung sowie der Ausschreibungsprozess wurde durchgängig mit Hilfe von BIM umgesetzt. Eine Grundvoraussetzung war die reibungslose Verarbeitung großer Projekte in der Cloud. Zum Einsatz kam NOVA AVA.



»Auch die hohe Flexibilität bei der Zusammenarbeit des Teams war uns wichtig bei diesem Großprojekt«, sagt Jan Janzen vom Büro dg.a. »Die effektive Zuarbeit aus dem Homeoffice hat sich gerade 2020 als unschätzbarer Vorteil erwiesen, weil die Software als Webanwendung eben überall verfügbar ist.« Zudem hat die klare und praxisorientierte Benutzeroberfläche die intuitive und somit zügige Einarbeitung der Mitarbeiter*innen unterstützt.

Die Gebäudedaten wurden aus der CAD-Software per IFC-Schnittstelle an NOVA AVA übergeben. Nun zahlte sich der Aufwand aus, der im Vorfeld der Erstellung des detaillierten Gebäudemodells entstanden war: Mit Hilfe intelligenter Auswertungsfunktionen konnten in NOVA AVA sofort detaillierte Mengen- und Kostenermittlungen aufgestellt werden, auch unter Berücksichtigung unterschiedlicher Ausstattungsvarianten für die jeweiligen Wohneinheiten.


Neu im BIM-Tagebuch: Wer qualifiziertes Personal will, muss ausbilden

Die Suche nach »BIM-qualifizierten« Mitarbeitern wird zunehmend schwierig. Abgängern von Universitäten und Hochschulen fehlt nicht nur die Praxiserfahrung, sie sind aufgrund der rasanten Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung auch nicht immer am neuesten Stand der Technik. Unternehmen müssen die Aus- und Weiterbildung selbst in die Hand nehmen.