Samstag, Juli 24, 2021
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»Zugesagte Mengen werden geliefert«

»Wir schauen stark darauf, dass unsere Produkte beim Rückbau nicht auf der Deponie landen. Glasflaschen schmeißt man ja auch nicht in den Restmüll«, sagt Michael Allesch.

Im Interview mit dem Bau & Immobilien Report spricht Michael Allesch, Direktor für Marketing und Vertrieb bei Saint-Gobain Rigips und Isover, über aktuelle Lieferengpässe und die Auswirkungen der Materialknappheit. Er erklärt, in welchen Bereichen Saint-Gobain in den letzten Monaten die größten digitalen Sprünge gemacht hat und woran die F&E-Abteilungen aktuell tüfteln.  

Report: Wie sind die ersten Monate im Jahr 2021 für Rigips und Isover gelaufen?

Michael Allesch: Es war sehr bis sehr, sehr intensiv. Der Materialbedarf im Hochbau im ersten Trimester hat uns sehr überrascht. Es war durch Corona ohnehin schon schwierig, ein vernünftiges Budget zu erstellen, aber mit dieser überproportionalen Nachfrage haben wir und auch die meisten anderen Unternehmen der Baubranche nicht gerechnet. Sämtliche Werke sind an der Kapazitätsgrenze.

Report: Wie sehen die konkreten Folgen für Ihre Kunden aus?

Allesch: Kurzfristigen Mehrbedarf können wir im Moment nicht bedienen. Aber dank der modernen Werke und hohen Autonomie in Österreich können die zugesagten Mengen geliefert werden. Wir sind in Österreich bei vielen Produkten glücklicherweise nicht von Asien abhängig. Was passiert, wenn ein Frachtkahn stecken bleibt, hat man ja gesehen. Aber das hat natürlich Grenzen. Viele Händler hätten aktuell gern mehr Ware, als geliefert werden kann.
Es werden bei uns auch keine Kunden bevorzugt. Wir kommunizieren aber proaktiv im Vorfeld, mit welchen Mengen ein Kunde rechnen kann. Es ist uns wichtig, den Markt nicht noch mehr aus der Balance zu bringen.

Report: Wenn man mehr verkaufen könnte, als man produzieren kann, liegt die Überlegungen nahe, die Preise zu erhöhen. Wie sieht Ihre aktuelle Preispolitik aus?

Allesch: Nach der Party ist vor der Party. Aber natürlich müssen wir Kosten weitergeben, die uns auch selbst betreffen. Bei unseren Hauptprodukten Mineralwolle und Gipskartonplatten reden wir von geringen Preissteigerungen im ersten Halbjahr. Das ist im Gegensatz zu anderen Produkten sicher überschaubar und auch fair.

Report: Hat die aktuelle Situation Auswirkungen auf die Zukunft? Wird etwa die Vertragsgestaltung in Zukunft eine andere sein?

Allesch: So wie es der Generalunternehmer mit seinen Subunternehmen macht, bekommen auch wir Anfragen, ob wir nicht Zweijahrespreise machen könnten.

Die aktuelle Situation hat uns aber alle gelehrt, dass Preise innerhalb kürzester Zeit verrückt spielen können. Das wird uns und anderen Firmen sicher eine Lehre sein und man wird die Verträge entsprechend anpassen.

Report: Sie sind seit Anfang des Jahres Direktor für Marketing und Vertrieb bei Rigips und Isover. Was sind die wesentlichsten Effekte dieser Personalunion?

Allesch: Peter Giffinger vor einigen Jahren passiert. Mit Anfang des Jahres wurden jetzt auch die Vertriebsstrukturen geändert. Das ist gerade bei komplementären Produkten, wie sie Rigips und Isover im Angebot haben, absolut sinnvoll. Wir können mit One-Face-to-the-Customer alles aus einer Hand in einem Rahmenvertrag anbieten. Damit wird jetzt auch der Servicelevel gegenüber unseren Händlern vereinheitlicht. Das ist aber gerade jetzt gar nicht so einfach, weil man mit dem Tagesgeschäft wirklich am Anschlag arbeitet.

Report: Die Digitalisierung hat mit der Coronakrise noch einmal ordentlich Fahrt aufgenommen. In welchen Bereichen hat Saint-Gobain in den letzten 15 Monaten die größten digitalen Sprünge gemacht?

Allesch: Wir haben uns schon 2019 mit dem Thema Webinare beschäftigt, waren aber nicht wirklich überzeugt. Corona hat da einen ordentlichen Schub gebracht, weil durch die Auflagen die Schulungszentren plötzlich leer waren. Mit internem Know-how und externer Expertise haben wir dann versucht, rasch die Realisierung voranzutreiben. Wir haben ein eigenes Studio eingerichtet, von wo aus wir live unsere Seminare senden können. Das Feedback ist enorm positiv. Darauf bin ich sehr stolz, weil sich die Mannschaft die dafür nötigen Skills in kürzester Zeit angeeignet hat.

Ein weiterer Meilenstein ist unser Mengenermittlungstool »Horst«, mit dem man nicht nur das Produkt, sondern das System suchen kann. Das wird auch von unserem Außendienst entsprechend kommuniziert und die Kunden geschult. Damit unterstützen wir unseren verlängerten Arm des Verkaufs, den Händler, beim Weiterverkauf.

Report: Von BIM wird in der Branche seit vielen Jahren gesprochen, heute ist auch Lean Construction in aller Munde. Inwiefern prägen solche Trendthemen auch den Alltag bei Saint-Gobain?

Allesch: BIM ist natürlich seit Längerem Thema und wir bieten auch für Revit und Archicad entsprechende Plug-ins an, die tausende Systeme beinhalten. Das läuft. Allerdings könnte die Nachfrage der planenden und ausführenden Seite größer sein. Bei Lean Construction sind wir noch eine Stufe davor. Da gibt es auch in unserem Bereich sehr interessierte Verarbeiter, wirklich umgesetzt hat das aber nur eine Handvoll von Betrieben.

Report: An welchen Themen wird aktuell geforscht? Womit können Saint-Gobain Kunden in Zukunft rechnen?

Allesch: Die F&E-Aktivitäten konzentrieren sich derzeit sehr stark auf die Themen Kreislaufwirtschaft, Wiederverwertung und Recycling. Da sind wir aber auch nicht alleine. Nachhaltigkeit ist sicher gerade eines der zentralen Branchenthemen. Wir schauen sehr stark darauf, dass unsere Produkte beim Rückbau nicht auf den Deponien landen, wo sie mit anderen Substanzen vermischt werden und unwiderruflich verloren gehen. Deshalb wollen wir diese Rückbaumaterialien wiederverwerten.

Gerade bei Gipskartonplatten haben wir da eine langjährige Tradition, dass wir Platten zurücknehmen und in unserem Werk in Bad Aussee wieder zu neuen Platten verarbeitet. Das ist wie bei Glasflaschen, die schmeißt man auch nicht in den Restmüll. Allerdings landen derzeit noch rund 90 Prozent der Gipskartonplatten auf der Deponie. Das ist sehr schade, weil Gipskartonplatten theoretisch beliebig oft wiederverwertet werden können. Da muss sich sicher noch einiges ändern, dass Kreislaufwirtschaft nicht nur als Gedanke schön, sondern auch wirtschaftlich ist. Das Potenzial ist auf jeden Fall enorm.

Report: Mit welchen kurz-, mittel- und langfristigen Entwicklung rechnen Sie? Was wird am Bau nach Corona anders sein als vorher?

Allesch: Ich denke, dass Themen wie Automatisierung, Robotik oder Exoskelette an Bedeutung gewinnen werden. Auch vor dem Hintergrund des vorherrschenden Facharbeitermangels. Da wird es sicher mittelfristig enorme Sprünge geben. Kurzfristig wird sich auf Planerseite etwas tun. Man wird die Frage stellen, ob Großraumbüros weiter der Weisheit letzter Schluss sind. Auch die Frage, wie viele Büroflächen wir durch Homeoffice in Zukunft vielleicht gar nicht mehr brauchen. Und ich denke, dass sich durch die Learnings des letzten Jahres die Hygienestandards auf den Baustellen erhöhen könnten. 

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