Freitag, September 24, 2021
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BIM ohne Auftrag

Der BIM-Einsatz beim Projekt Schlossgalerie soll der Strabag neue Erkenntnisse liefern: von einer verbesserten Logistikplanung bis zu einer auf den tatsächlichen Maßen beruhenden Angebotserstellung direkt aus dem Modell.

Im Verkehrswegebau wird BIM von den Auftraggebern noch kaum nachgefragt, geschweige denn gefordert. Dennoch kommt BIM bei vielen Bauvorhaben zum Einsatz, aus eigenem Antrieb der Bauunternehmen. So auch beim Strabag-Projekt »Schlossgalerie« in Tirol. »Rechnen« muss sich so ein Einsatz beim Projekt nicht. Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln und sich für die Zukunft zu rüsten. 

In Ausgabe 3 des Bau & Immobilien Report konnten wir mittels Auftragnehmer-Befragung bestätigen, was ohnehin ein offenes Geheimnis ist. Im Verkehrswegebau spielt BIM in Österreich nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Während etwa in Deutschland seit Ende 2020 der Einsatz von BIM bei öffentlichen Infrastrukturbauten verpflichtend ist, hinkt man in Österreich ein gutes Stück hinterher. Gründe gibt es viele: Zum einen sind die aktuell herrschenden Vergaberichtlinien und -gesetze noch nicht ausreichend für BIM gerüstet, zum anderen schreckt der Mehraufwand in einer frühen Planungsphase ab.
Aber natürlich gibt es auch in Österreich Verkehrswegebauprojekte, bei denen BIM eingesetzt wird. Nicht unbedingt, weil es vom Bauherrn verlangt und beauftragt wurde, sondern weil die Bauunternehmen selbst einen Mehrwert für sich darin sehen. Etwa beim Bau der »Schlossgalerie« an der Landecker Landstraße in Tirol. Das komplexe alpine Projekt ist eine Kombination aus einer talseitigen Hangbrücke und der namensgebenden Galerie. Um die geplante Straßenbreite zu erreichen muss in einem Teilbereich eine Hangbrücke mit mehr als 25m hohen Stützscheiben in steilen Hängen errichtet werden. Oberhalb der bestehenden Fahrbahn müssen in Teilbereichen die Felswände bis zu einer Höhe von über 50m abgetragen und gesichert werden.
Obwohl vom Auftraggeber, dem Land Tirol, nicht gefordert, setzt Auftragnehmerin Strabag bei diesem Projekt auf BIM. »Gerade im Verkehrswegebau ist es fast ausschließlich der interne Antrieb, der dazu führt, mit BIM zu arbeiten. Von Seiten der Auftraggeber gibt es noch kaum konkrete Nachfrage«, erklärt Bernhard Neuhauser, BIM-Experte für den Verkehrswegebau bei der Strabag. Zwar zeige man sich durchaus aufgeschlossen und die Potenziale von BIM können überzeugen, aber sobald es um zusätzliche Zeit oder Kosten geht, wird Zurückhaltung spürbar.

Vorteile von Anfang an
Interne Pilotprojekte wie die Schlossgalerie haben bei der Strabag zwei Aufgaben. »Sie sollen Entwicklungsthemen auf die Baustelle bringen und die Praxiserfahrungen der Baustellen in die Entwicklungsabteilung zurückspielen«, erklärt Neuhauser. Aktuell gibt es bei der Strabag im Verkehrswegebau 15 echte Pilotprojekte, aber deutlich mehr Projekte, bei denen BIM zum Einsatz kommt.
Für den Auftraggeber bedeutet der BIM-Einsatz weder mehr Aufwand noch mehr Kosten, wohl aber eine Qualitätsverbesserung. Der Bau der Schlossgalerie ist aufgrund der topographisch und geologisch ungünstigen Verhältnisse besonders herausfordernd. Es muss an steil abfallenden und schwierigen Felshängen auf sehr beengten Platzverhältnissen gearbeitet werden. Für die Erstellung des BIM-Modells hat die Strabag das Gelände im Zuge der Baustellenvorbereitung mit einer Drohne vermessen. Während bei der klassischen Messmethode viel interpoliert wird, liefert die Drohne bei einer Genauigkeit von 1 bis 2 cm ein deutlich exakteres Modell. »So konnten wir feststellen, dass das Urgelände am Plan nicht mit dem Urgelände am Baufeld übereinstimmt«, erklärt Peter Haberfellner, BIM-Verantwortlicher der Strabag Direktion Tirol und Vorarlberg. In Absprache mit dem Land Tirol wurde beschlossen, für den weiteren Projektverlauf mit den Daten der Drohne zu arbeiten.

Erwartungen und Herausforderungen
Im Anschluss an den Drohnenflug wurden die Daten an die BIM-Experten in der Konzernzentrale übergeben. »Die große Herausforderung war, dass das Projekt neben dem Straßenbau auch ein Ingenieurbauwerk umfasst und es bislang keine BIM-Software gibt, die für beides gleichermaßen geeignet ist«, erklärt Haberfellner. Während im Hoch- und Ingenieurbau die Anzahl der Softwarelösungen überschaubar ist, gibt es im Verkehrswegebau eine Fülle an Anwendungen. »Sogar konzernintern wird mit unterschiedlichen Programmen gearbeitet«, weiß Haberfellner. Schließlich wurde das Ingenieurbauwerk mit Revit modelliert, für den Straßenbau kam ProVi zum Einsatz. Danach wurde über IFC-Schnittstellen ein Gesamtmodell erstellt. »Das war schon ein ganz wesentlicher Use-Case, zu sehen, welche Informationen durch die Migration verloren gehen und wie hoch der Aufwand für die Qualitätskontrolle ist, um ein Gesamtmodell entstehen zu lassen«, erklärt Neuhauser.
Wesentliche Erkenntnisse und Vorteile erhofft sich die Strabag auch in Sachen zeitliche Abläufe und Terminplanung. Denn die Bauabläufe sind sehr komplex, zudem musste das Projekt nach einem Felssturz in zwei Baufelder geteilt werden, mit direkten Auswirkungen auf die Bauzeit. »Mit dem BIM-Modell wollen wir dem geplanten Soll den Ist-Zustand gegenüberstellen. Damit werden auch Nachträge und Mehrkostenforderungen einfacher und transparenter«, sagt Haberfellner. Auch für die Logistikplanung ist der BIM-Einsatz von Vorteil. Massen können aus dem Modell ausgespielt werden und das Massenband mit der Bauzeit verknüpft werden. »Wir sehen, welche Massen wann anfallen und können die Logistikplanung entsprechend anpassen«, erklärt Haberfellner. Es soll auch untersucht werden, wie die Massen direkt aus dem Modell in die Ausschreibungssoftware transferiert werden können, um irgendwann Angebote mit den tatsächlichen Massen zu kalkulieren.

Fazit
Ziel des Projekts ist in erster Linie, weitere Erfahrungen mit BIM in der Praxis zu sammeln. Der Einsatz von BIM im Verkehrswegebau ist bei der Strabag stark entwicklungsgetrieben. »Wenn wir in der Entwicklungsabteilung ein Thema definieren, machen wir uns auf die Suche nach einem konkreten Projekt zur Umsetzung. Die Schlossgalerie wurde aufgrund der Komplexität und herausfordernden Rahmenbedingungen ausgewählt«, sagt Neuhauser. Rechnen oder lohnen müsse sich der BIM-Einsatz beim Projekt selbst nicht. Vielmehr gehe es darum, jetzt zu investieren, um für später gerüstet zu sein. 

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