Sonntag, April 18, 2021
»Wir müssen die Kräfte bündeln«

Im Interview mit dem Bau & Immobilien Report erklärt Christian Höberl, Geschäftsleitung Vertrieb und Technik Röfix, warum es wenig sinnvoll ist, einzelne Förderungsschienen voneinander zu trennen, welchen Beitrag Röfix zur Produktivitätssteigerung auf Baustellen leistet und warum es notwendig ist, dass alle am Sanierungsprozess beteiligten Player enger zusammenarbeiten sollten. Außerdem erklärt er, warum Lean Construction für den Baustoffproduzenten einen hohen Stellenwert hat und gleichzeitig BIM in der Praxis noch kaum eine Rolle spielt.

Report: Wie ist das abgelaufene Jahr für Röfix gelaufen?

Christian Höberl: Wir hatten einen sehr starken Start in das Jahr 2020. Mit dem Ausbruch der Coronakrise kam es zu starken Umsatzrückgängen. Röfix Österreich ist dann mit 1. April in Kurzarbeit gegangen. Völlig überraschend hat aber nach Ostern die Nachfrage enorm zugenommen und wir hatten dann plötzlich einen Personalnotstand. Deshalb konnten wir mit 30. April die Kurzarbeit auch wieder beenden. Es folgte ein sehr starkes Restjahr.

Den Verlust, den wir zwischen Mitte März und Mitte April zu verzeichnen hatten, konnten wir sehr schnell aufholen. Im Oktober gab es einen zweiten Einbruch, der aber vermutlich nicht coronabedingt war. Das kam überraschend, aber viele Marktbegleiter haben ähnliche Erfahrungen gemacht. In Summe war 2020 ein gutes Jahr für uns, gegenüber 2019 sind wir sogar leicht gewachsen.

Report: Wie hat Röfix die Zeit der geringeren Nachfrage und des Stillstands genutzt?

Höberl: Wir haben uns in dieser Zeit anderen Themen gewidmet, die sonst nicht so im Vordergrund stehen, und an neuen Strategien gearbeitet. Diese neuen Strategien sollen uns durch die nächsten Jahre führen, um weiterhin erfolgreich zu sein. Die Herausforderungen werden auch nach Corona nicht weniger werden, Stichwort Ökologie und Nachhaltigkeit.

Report: In welche Richtung ging diese Strategieentwicklung? Mit welchen Innovationen seitens Röfix darf die Branche rechnen? Woran wird aktuell gearbeitet?

Höberl: Bei Innovationen geht es nicht nur um neue Produkte, sondern auch um Prozesse und Produktion. Wir bauen auch die F&E-Abteilung in unserem Haus aus.

Wir haben schon 2019 begonnen, unsere Sackgebinde von 30, 35 und 40 Kilogramm-Gebinde auf 25 Kilogramm-Gebinde zu vereinheitlichen. Das wird jetzt kontinuierlich am Markt umgesetzt. Bei diesem 25-Kilogramm-Säcken handelt es sich um verschweißbare Säcke, um die Staubentwicklung zu reduzieren. Außerdem haben wir die Kunststofffolien entfernt und reduzieren so den Kunststoffmüll. Wir arbeiten auch daran, unser Sortiment im Bereich schnell verarbeitbarer Produkte zu verbessern. Das ist vor allem im Putz- und Estrichbereich ein großes Thema.

Wir arbeiten auch an Neuentwicklungen im Bereich begrünte Fassaden auf Wärmedämmverbund- und Grundputzsystemen und setzen auf Aerogel-Dämmputze. Das sind ökologische Dämmputze, die im Vergleich zu Dämmplatten, fugen- und hohlraumfrei appliziert werden und dabei noch bessere Dämmwerte erzielen. Da gibt es schon einige schöne Referenzen in ganz Österreich.

Wir arbeiten auch intensiv an Schaummörtelprodukten für unterschiedlichste Anwendungen wie bspw. Dämmlagen unter Estrichen, unter Fundamentplatten, auf Flachdächern oder als Poolhinterfüllung. Wir versuchen also, mit Produkten, die wir regional selbst herstellen können, innovativ zu sein.

Report: Mit der Regierungsbeteiligung der Grünen gab es große Hoffnung, dass sich endlich mehr in Richtung nachhaltiges Bauen und Steigerung der Sanierungsrate tut. Wie bewerten Sie die diesbezüglichen Aktivitäten der türkis-grünen Regierung?

Höberl: Die Coronakrise hat da sicher einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber die Anstrengungen waren schon von Beginn an spürbar. Das sieht man an der Raus-aus-dem-Öl Förderung ebenso wie an der Forcierung der thermischen Sanierung durch die Sanierungsoffensive und die Stärkung der nachwachsenden Rohstoffe.

Gerade für uns als Verarbeiter mineralischer Rohstoffe ist es aber sehr wichtig, nicht das eine gegen das andere auszuspielen. Auch unsere Produkte sind ökologisch und regional verfügbar. Lange Transportwege gibt es bei unseren Produkten nicht.

Die aktuellen Maßnahmen sind auf jeden Fall zu begrüßen und werden auch der Bauwirtschaft als Ganzes helfen, durch diese Krise zu kommen. Was mich allerdings stört, ist die Trennung der thermischen Sanierung von der Raus-aus-dem-Öl-Kampagne. Denn das eine ist ohne das andere nicht viel wert. Ein neuer ökologischer Heizkessel ist gut und wichtig, aber wenn die Energie dann durch undichte Fenster und schlecht gedämmte Wände entweicht, ist das nur bedingt sinnvoll.

Ganzheitliche Sanierung sollte der Slogan sein. Dafür wäre es auch sinnvoll, wenn die unterschiedlichen Player gemeinsam am Markt auftreten würden.

Report: Es wurde immer wieder kritisiert, dass der Sanierungsscheck vor allem Mitnahmeeffekte erzeugt und ein Körberlgeld für diejenigen ist, die ohnehin sanieren und es sich auch leisten können. Menschen mit geringeren finanziellen Mittel werden damit weder erreicht noch können sie aufgrund der geringen Dotierung zum Sanieren animiert werden. Wie sehen Sie das?

Höberl: Da liegt es auch an uns, das Thema richtig zu kommunizieren. Da sind Interessensvertretungen ebenso gefragt wie die Kommunen. Auch Unterstützung durch die Bausparkassen könnte sinnvoll sein. Wenn man das alles entsprechend erklärt, können wir auch diese Bevölkerungsschichten erreichen und unterstützen. Auch da geht es darum, die Kräfte zu bündeln.

Report: Sie haben jetzt mehrmals davon gesprochen, dass Kräfte gebündelt und die verschiedenen Player zusammen arbeiten müssen. Sehen Sie diese Bereitschaft oder denkt sich der Fensterhersteller, was kümmert mich die Dämmung?

Höberl: Zum Thema »Bündeln von Kräften« stehen wir noch ganz am Anfang. Gerade in der Qualitätsgruppe Wärmedämmsysteme versuchen wir aber in diese Richtung zu arbeiten. Auch mit neuen Sichtweisen, die durch neue Führungskräfte einzelner Mitglieder eingebracht werden. Es ist immer gut, über den Tellerrand zu blicken. Wir arbeiten aktuell an Informationen für Kommunen und Bausparkassen und werden auch versuchen, andere Player abseits der Dämmindustrie ins Boot zu holen. Wir werden sehen, wie gut uns das gelingt.

Report: Welchen Beitrag kann Röfix zur Produktivitätssteigerung auf Baustellen leisten?

Höberl: Auf Produktebene sind das vor allem die vorhin angesprochenen schnell verarbeitbaren Produkte. Auch der Schaummörtel erhöht die Produktivität. Da haben Pilotprojekte gezeigt, dass man im Vergleich zum Einbau einer gebundenen Leichtschüttung unter dem Estrich die Arbeitstage von elf auf zwei reduzieren konnte.

Wir arbeiten auch an einem intelligenten Logistikverfahren, wo Sensoren auf den Silos den Füllstand auch aus der Ferne abrufbar machen und rechtzeitig für Nachschub sorgen können, um Stillstände zu vermeiden.

Report: Mit Trendthemen wie BIM oder Lean Construction wurden in den letzten Jahren schon viele Bau-Revolutionen angekündigt. Inwieweit haben sich aus Ihrer Sicht Arbeit und Abläufe auf den Baustellen tatsächlich geändert?

Höberl: Vereinzelt kommen Anfragen von Generalunternehmern, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Unsere Kunden sind aber in erster Linie die Subunternehmen und da ist der Bedarf derzeit noch eher gering. Trotzdem sind diese Themen bei uns ganz oben angesiedelt. Wir haben im Konzern eine Expertengruppe auf CEO-Ebene, die sich damit beschäftigt. Es soll nicht jede Marke und jedes Land einen eigenen Weg gehen. Unsere Aufgabe ist es, den Markt zu beobachten und zu berichten. Wir sind auf jeden Fall vorbereitet.

Report: Welche Erwartungen haben Sie an 2021?

Höberl: Das ist schwer zu sagen und natürlich vom Verlauf der Pandemie abhängig. Ich rechne aber nicht mit einem Einbruch der Nachfrage. Corona war schon 2020 für die Bauwirtschaft kein großer Hemmschuh. Ich erwarte mir viel von der thermischen Sanierung. Dafür haben wir die richtigen Produkte und die Fördertöpfe sind gut gefüllt. Auch die Auftragsbücher unserer Kunden sind gut gefüllt.

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