Das war die Enquete "Chance Hochbau 2017"

Volles Haus bei der 14. Auflage des Branchen-Events Enquete "Chance Hochbau" im Gironcoli-Kristall im Strabag-Haus. Volles Haus bei der 14. Auflage des Branchen-Events Enquete "Chance Hochbau" im Gironcoli-Kristall im Strabag-Haus. Milena Krobath/Report Verlag

Am 18. Oktober lud der Bau & Immobilien Report zum 14. Mal zur Enquete »Chance Hochbau«. Ein hochkarätig besetztes Podium diskutierte die aktuellen Brennpunkte der Branche: Dabei wurde der Bogen gespannt von der Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten über die Wohnbauinvestitionsbank und das Stadt-Land-Gefälle im Wohnbau bis zum Megathema Digitalisierung und der neuen Datenschutzgrundverordnung. Außerdem wurde eine exklusive Studie des Bau & Immobilien Report zum Verhältnis von Auftragnehmern und Auftraggebern bei Bauprojekten präsentiert.


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Es ist einer der traditionellen Treffpunkte der heimischen Baubranche. Zum 14. Mal veranstaltete der Bau & Immobilien Report die Enquete »Chance Hochbau«. Und wieder folgten rund 180 Entscheidungsträger aus der Bau- und Immobilienwirtschaft der Einladung in den Gironcoli-Kristall im Strabag-Haus. Damit wurde einmal mehr die hohe Akzeptanz unterstrichen, die die Veranstaltung in der Branche genießt.
Nach der Begrüßung durch den Hausherrn Markus Engerth, Direktionsleitung Strabag, diskutierten im ersten Teil unter der Leitung von Report-Herausgeber Alfons Flatscher Michael Steibl, Geschäftsführer der Geschäftsstelle Bau in der Wirtschaftskammer, Karl Wurm, Obmann des Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen GBV, Jakob Dunkl, Querkraft Architekten und Andreas Pfeiler, Geschäftsführer des Fachverband Steine-Keramik.

>> Arbeiter und Angestellte  <<
Michael Steibl klärte über die Auswirkungen der unmittelbar vor der Nationalratswahl beschlossenen Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten auf. Die für die Branche nicht unerhebliche Nachricht: Für Saisonbranchen wie den Bau gibt es auch in Zukunft Ausnahmeregelungen. Es greifen nicht die gesetzlich vorgeschriebenen längeren Kündigungsfristen, der Bauarbeiter-Kollektivvertrag hat nach wie vor Vorrang. »Das ist eine enorm wichtige Entscheidung. Denn die Flexibilität des Arbeitseinsatzes ist für uns eine absolute Notwendigkeit«, so Steibl. Außerdem wurden die kurzen Kündigungsfristen kollektivvertraglich und gesetzlich abgefedert, etwa durch die Schlechtwetterregelung oder das vergleichsweise hohe Lohnniveau. »Es ist gut, dass diese sozialpartnerschaftlichen Errungenschaften vom Gesetzgeber berücksichtigt wurden.« Langfristiges Ziel müsse aber eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit sein.

>> Entsenderichtlinie <<
Kritisch äußerte sich Steibl zur aktuellen Diskussion um die EU-Entsenderichtlinie. Vieles von dem, was die neue Richtlinie bringen soll, sei in Österreich bereits umgesetzt. »Das Problem sind insbesondere die ineffizienten und unzureichenden Kontrollmöglichkeiten.« Deshalb wäre es unter anderem wichtig, dass der Sozialversicherungsstatus von entsendeten Bauarbeitern europaweit von den Kontrollbehörden abgefragt werden könnte. Außerdem sei das Lohnniveau in vielen Ländern so tief, dass es sich für die Mitarbeiter sogar lohnt, wenn sie in Österreich nur die Hälfte des gesetzlichen Mindestlohns erhalten. »Damit habe ich immer eine Allianz aus Entsendefirmen und den entsandten Arbeitern«, so Steibl.

>>Wohnbau und Stadt-Land-Gefälle <<
Zum Thema Wohnbau gab Karl Wurm zu bedenken, dass nicht nur die Anzahl der fertiggestellten Wohnungen wichtig sei, sondern auch, in welcher Preisklasse die Wohnungen sind. Die hohen Mietkosten seien vor allem auf die steigenden Grundstückspreise zurückzuführen. Es werde auch immer schwieriger, Mieter für die frei finanzierten Wohnungen zu finden, die den Grundstücksanteil übernehmen, den die geförderten nicht zahlen dürfen. »Da werden wir um gewisse ordnungspolitische Eingriffe nicht herumkommen, sonst steigen die Preise weiter. Wir produzieren schon jetzt zu viel teuren Wohnraum, der nicht mehr gebraucht wird.« Eigentums­interessen müssten gegenüber dem öffentlichen Interesse zurücktreten. Er empfiehlt einen Blick nach in Bayern, wo der Vorrang des Allgemeininteresses vor dem Interesse des Einzelnen sogar verfassungsrechtlich verankert ist. Noch im Jänner hätte die jetzt scheidende Regierung angekündigt, dass Länder rechtlich abgesichert die Möglichkeit bekommen sollten, in raumordnungspolitischen Fragen einzugreifen und etwa Grundstückspreise festzusetzen zu dürfen. »Aber davon hat sich im Wahlkampf natürlich niemand sprechen getraut.« Auf die Kritik, dass es in Österreich im Gegensatz zu anderen Ländern zu wenig Wohneigentum gäbe, meinte Wurm. »Das muss man differenziert sehen. Im ländlichen Raum brauchen wir tatsächlich mehr Eigentum, aber in Städten wie Wien produzieren wir jetzt schon zu viel Eigentum.«  
Das große Stadt-Land-Gefälle thematisierte auch Andreas Pfeiler. »Wir müssen endlich aufhören, die ländlichen Regionen auszuhöhlen.« Deshalb müsse die Infrastruktur in den dezentralen Regionen verbessert werden, von der Verkehrsinfrastruktur bis zu Bildungseinrichtungen und Kinderbetreuungsplätzen. Dazu könne auch der Konsument beitragen, der Produkte aus der Region kauft. »Da meine ich nicht nur das Brot beim Bäcker ums Eck, sondern warum nicht auch den Baustoff, egal aus welchem Material.« Damit könne man auch die Verwurzelung der Menschen mit der Regionen vertiefen. Aus diesem Grund fordert Pfeiler auch schon lange einen Herkunftsnachweis für Baustoffe. »Wir wissen aus einer aktuellen Umfrage, dass beim Bau neuer Wohnungen und Häuser für 80 Prozent Regionalität klar vor dem Preis geht. 95 Prozent sehen darin die Stärkung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt sowie die Entlastung der Umwelt.« Es gäbe nicht viele Bereiche, wo sich reale Potenziale, politische Interessen und die Wünsche der Bevölkerung so gut verbinden ließen.
Das Problem der Mobilität thematisierte Jakob Dunkl. »Wohnen ist ein Menschenrecht, Autofahren nicht.« Die Stellplatzverpflichtung im Wohnbau sei »absoluter Humbug«. Er fordert ein radikales Umdenken in Richtung eines stark geförderten Car-Sharings. Ein Wohnbauträger könne in Zukunft auch ein Mobilitätsanbieter sein, indem jeder Mieter auch automatisch Zugang zum Car-Pool des Wohnbauträgers bekommt. Außerdem kritisiert er die Zersiedelung. »Die Ortskerne stehen immer öfter leer, aber im Umfeld wird fleißig gebaut. Da muss eingegriffen werden.« Statt Zersiedelung am Ortsrand zu fördern, müsse Geld in die Verdichtung der Ortskerne und Sanierung der Leerstände fließen.  Da seien auch die lokalen Politiker gefragt. »Man kann auch dafür kämpfen, dass ein Supermarkt im Ortszentrum bleibt oder dort eröffnet und damit verhindern, dass an der Ortsausfahrt auf der grünen Wiese gebaut wird.« Alles, was die Ortskerne stärkt, sei ein Segen.

>> Wohnbauinvestitionsbank <<
Mit einem Thema, »das schmerzt«, wurde Karl Wurm konfrontiert. Die Wohnbauinvestitionsbank sei zwar eine hervorragende Idee, dass sie immer noch nicht gestartet ist, ist zum Teil aber auch hausgemacht. »Man hätte Brüssel die WBIB auch als Ergänzung unserer Wohnbauförderung verkaufen könne. Das hätte vieles vereinfacht.« Die Prüfung für eine sogenannten Notifikation durch Brüssel, um absolute Rechtssicherheit zu erlangen, ist natürlich sehr aufwendig. Der EU-Kommission ist daran gelegen, dass wirklich jene Gruppe von Mietern profitiert, die sich sonst am freien Wohnungsmarkt womöglich nicht bedienen kann – und auch daran, dass es bei den Geldflüssen über die WBIB nicht zu Mitnahmeeffekten Dritter kommt, also etwa Kommerzbanken oder Bauträger. Das darzulegen ist Aufgabe Österreichs bis Ende Oktober, danach hat Brüssel zwei Monate Zeit, zu entscheiden. »Wir müssen also froh sein, wenn die WBIB überhaupt kommt und es Anfang nächsten Jahres so weit ist.«

>> Auftraggeber vs. Auftragnehmer  <<
Die Ergebnisse einer Exklusivstudie des Bau & Immobilien Report über das mitunter komplizierte Verhältnis von Auftragnehmer und Auftraggeber (Details siehe Seite 22) diskutierten Stefan Graf, CEO Leyrer + Graf Baugesellschaft m.b.H., als Vertreter der Auftragnehmerseite und Hubert Hager, Geschäftsbereichsleiter der ÖBB-Infrastruktur AG, als Vertreter der Auftraggeberseite.
Beide können die Studienergebnisse auch aus persönlicher Erfahrung in weiten Teilen bestätigen. »Punkte wie Vertragstreue und hohe Produktqualität sind für uns als Auftraggeber natürlich enorm wichtig«, sagt Hager. Überraschend sei hingegen, dass die BIM-Fähigkeit der Auftragnehmer für die meis­ten Auftraggeber kaum eine Rolle spielt.
Stefan Graf interpretierte das Ergebnis auch dahingehend, dass menschliche Faktoren eine enorm große Rolle in der Zusammenarbeit spielen. »Ein gutes Gesprächsklima und Handschlagqualität sind überall dort wichtig, wo Menschen zusammenkommen.«
Das bestätigt auch die Frage nach den Ursachen, wenn die Erwartungen an das Gegenüber nicht erfüllt werden. Auch da rangieren neben »mangelndem Fachwissen« und »schlechter Qualifikation« Themen wie »Missverständnisse« oder eine »schlechte Kommunikation« ganz oben. »Das Personal muss gut qualifiziert sein, ohne Zweifel. Wir stellen aber immer mehr fest, wie wichtig die soziale Kompetenz der Mitarbeiter ist«, sagt Hager. Es brauche in Zukunft verstärkt eine offene und transparente Kommunikation, Unternehmens- und Projektkultur würden in Zukunft für eine erfolgreiche Projektabwicklung noch deutlich an Bedeutung gewinnen.
Auch für Stefan Graf ist »Kommunikation das Erfolgskriterium schlechthin, sowohl intern als auch extern«. Technische Probleme seien immer zu lösen. Wenn es Probleme auf der Baustelle gibt, sei der Grund fast immer ein Mangel an Sozialkompetenz. »Dazu kommt, dass Projekte immer komplexer werden, mit immer mehr Schnittstellen.« Das werde man aber nicht über Regelungen in den Griff bekommen, dafür brauche es den »gesunden Menschenverstand«.

>> Digitalisierung und Datenschutz  <<
Im letzten Panel der Veranstaltung bat Alfons Flatscher zu den Themen Digitalisierung und Datenschutzgrundverordnung Strabag-Vorstand Manfred Rosenauer, Digido-Geschäftsführer Werner Knausz und Mathias Preuschl, PHH Rechtsanwälte auf die Bühne. »Die Digitalisierung ist nicht neu, das hat vor Jahrzehnten begonnen. Was sich ändert, ist die enorme Geschwindigkeit mit der sie heute vonstatten geht«, erklärte Rosenauer. Durch die umfassende digitale Durchdringung in allen Bereichen, von der Planung über die Prozesssteuerung bis zur Produktion, sei die Bauwirtschaft auch erstmals überhaupt mit disruptiven Entwicklungen konfrontiert. Es sei ein absolutes Novum, dass mithilfe von Building Information Modeling digitale Modelle heute das spätere Gebäude exakt abbilden können. »Wir als Strabag wissen, dass es zu BIM keine Alternative gibt, auch wenn die Bauherrn noch zurückhaltend sind.« Kompliziert werde es durch die Vielzahl an Stakeholdern bei Bauprojekten, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen. »Unser Vorteil ist, dass wir vom Bauträger über Bauausführung bis zum Facility Management alles im Haus haben und uns deshalb in dieser Entwicklungsphase, in der BIM immer noch ist, in einem relativ geschlossenen Umfeld bewegen und Erfahrungen sammeln können.«    
Ein idealtypisches Beispiel für die Vorteile der Digitalisierung abseits von BIM stellte Werner Knausz mit Digido vor. Dabei handelt es sich um eine digitale Transportdatenplattform für alle Branchen, Waren- und Güterströme. »Digido ist eine Art intelligenter elektronischer Briefträger«, fasste Knauz zusammen. Digido erhält die Daten von einem an einem Transport beteiligten Akteur digital und leitet diese ebenfalls digital und in Echtzeit an den Transporteur und den Empfänger der Waren weiter. Die vom Übergeber, Transporteur oder Übernehmer eingegebenen Lieferscheindaten werden dabei an alle am Transportprozess Beteiligten automatisch übermittelt. »Damit haben etwa Baufirmen ihre Lieferscheindaten bereits in ihrem ERP-System, während der Lkw noch unterwegs ist«, erklärte Knausz.
Einen durchaus besorgniserregenden Einblick in die Zukunft des Datenschutzes gewährte Mathias Preuschl. »Es gibt mit der Datenschutzgrundverordnung ein ziemlich drakonisches Gesetz, das uns ab Mai heimsuchen wird.« Weder die Gesellschaft noch die Wirtschaft sei auf das Gesetz ausreichend vorbereitet. Sicherheitsvorkehrungen müssen getroffen, vorhandene Daten sortiert, analysiert und gegebenenfalls gelöscht werden. Bei Daten, die man in Zukunft erhält, müsse man sich von Beginn an Gedanken machen, was mit den Daten gemacht werden darf und was der Zweck der Datenübertragung war. »Ist der Zweck nicht mehr gegeben, müssen die Daten gelöscht werden.« Als Beispiel nennt Preuschl etwa Bewerbungsschreiben, die sich mit Lebenslauf, Foto und anderen Informationen irgendwo in den Untiefen der HR-Abteilungen befinden. Bei Zuwiderhandeln gibt es seitens der Datenschutzbehörde eine Strafe in der Höhe von vier Prozent des weltweiten Umsatzes oder 20 Millionen Euro. »So schlimm wird es aber in der Praxis vermutlich nicht sein. Garantie gibt’s dafür aber natürlich keine.«  

Last modified onMontag, 23 Oktober 2017 12:33
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