»Das Netzwerk ist eine strategische Komponente geworden«

Foto: Hans Greiner, Cisco: »So wie beim Skifahren brauchen wir die Sicherheitsbindung im Business-Umfeld auch bei IoT-Lösungen.« Foto: Hans Greiner, Cisco: »So wie beim Skifahren brauchen wir die Sicherheitsbindung im Business-Umfeld auch bei IoT-Lösungen.«

Bei der Vernetzung der Welt – vom kleinsten Sensor bis ins Rechenzentrum – spielt der Netzwerk- und Security-Spezialist Cisco eine wichtige Rolle. Hans Greiner, General Manager für Österreich, spricht über den Wandel zu IoT, über Bandbreitenbedarf und wie Netzwerke bereits heute für die Möglichkeiten von 5G vorbereitet werden.

Report: Das Thema Digitalisierung ist zum Schlagwort überhaupt für Veränderungen und Innovation in der Wirtschaft geworden. Wie geht ein großer Hersteller wie Cisco damit um und welche Technologietrends sehen Sie aktuell?

Hans Greiner: Mit der Digitalisierung steht bereits die vierte große Phase in der Evolution des Internets an. Angefangen hatte es mit Konnektivität sowie Anwendungen wie E-Mail oder World Wide Web, das dieses Jahr 30. Geburtstag feiert. Dabei haben wir viele große Innovationswellen erlebt: Cisco ist etwa der Erfinder der IP-Telefonie, die heute zum Standard jeder Kommunikation geworden ist. Ein weiterer Trend ist sicherlich die Videotelefonie, nicht nur für Konsumenten, sondern auch im Büroumfeld.

Mit 5G kommen sicherlich ganz neue Innovationen. Aber es gibt auch andere, interessante Trends: Im Wechselspiel unterschiedlicher Marktbegleiter, die kommen und gehen, sehe ich so etwas wie eine Renaissance der großen, etablierten IT-Unternehmen. Aus dem einfachen Grund – in schnelllebigen, unsicheren Zeiten sehen sich Kunden gerne einem Gesprächspartner gegenüber, der Erfahrung bei Themen wie Vernetzung und Security hat. Im Zeitalter des Internet of Things sind das starke Argumente.

Report: Wo docken Sie genau bei IoT-Lösungen an?

Greiner: Es ist wie bei einem Haus: Wenn das Fundament nicht solide gebaut ist, wird alles scheitern. Bei IoT bildet ein sicheres Netzwerk das Fundament. Eine wichtige Erfindung von Cisco im Thema IoT ist auch Fog Computing: Wie bearbeite ich die Daten so nahe wie möglich an den Sensoren? Und dann gibt es auch Cisco Kinetic: eine Softwareplattform, die sicherstellt, dass die richtigen IoT-Daten zum richtigen Zeitpunkt bei den richtigen Anwendungen ankommen. IoT Innovation kann man allerdings nicht alleine machen: Es ist ein Teamsport, bei dem wir zusammen mit unseren Partnern in Österreich eine Rolle spielen wollen. Wir können die Basis jeder IoT-Lösung liefern.

Report: Doch ist Cisco mit seinen Produkten seit jeher im Kern-IT-Bereich vertreten, weniger in der OT – der operationalen Technik im Feld?

Greiner: Die Kurzformel »IT und OT ergibt IoT« macht einen Großteil der aktuellen Herausforderungen der österreichischen Industrie aus. 70 % der Betriebe des Sektors sind produzierende Unternehmen, die bislang eher wenig mit IT in der Produktion zu tun hatten. Wir beobachten nun allgemein die Verschmelzung von IT und OT, die letztlich neuen Nutzen und Innovationen entstehen lässt. Dass diese Bereiche früher nicht zusammengeführt wurden, hatte technologische und sicherheitstechnische Gründe, es braucht die fundamentale Integration der Security. Hier kommt nun die IT-Branche mit ihrer Erfahrung ins Spiel, die Prototypen und Piloten auch in ein Gesamtkonzept, in eine komplette IT-Architektur einbetten kann. Das ist es, was wir seit 30 Jahren tun.

Report: Welche Erwartungen haben Sie für 5G als Basis für die vernetzte Wirtschaft?

Greiner: 5G wird vieles ermöglichen, aber ich glaube nicht, dass es der Heilsbringer für alle Anwendungen sein wird. Wir erwarten sinnvolle Kombinationen mit Technologien wie Wi-Fi 6. Für den Ausbau von 5G sind noch weitere Investitionen notwendig.

Wi-Fi 6, die nächste Generation des Wi-Fi, weist viele Ähnlichkeiten mit 5G auf: Höhere Kapazität und erheblich verringerte Latenz ermöglichen kritische Anwendungen in Echtzeitumgebungen. Wi-Fi 6 wird inhouse und vielleicht auch etwas vorgelagert vor dem Gebäude zum Einsatz kommen, 5G außerhalb in der Breite. Cisco hat dazu das Konsortium OpenRoaming gegründet, um die Standardisierung des Roamings zwischen diesen beiden Technologien voranzutreiben. Am Ende soll der User gar nicht merken, ob er mit 5G oder Wi-Fi 6 telefoniert. Ein Gespräch wird an der Gebäudegrenze technisch nahtlos übergehen.

Report:  Ab wann wird es dieses einfache Roaming geben?

Greiner: Während 5G noch erprobt werden muss, gibt es Wi-Fi 6 ja bereits und Cisco bietet auch Produkte dafür. Damit lässt sich heute die Digitalisierung in den Unternehmen beginnen – gleichzeitig ist man für die Zukunft gerüstet. Mit dem offenen Standard wird es auch kein Lock-in in Produkten oder einzelnen Technologien geben.

Report: Welchen Vorteil bringt ­SD-WAN? Wo wird es eingesetzt?

Greiner: Hauptsächlich in Unternehmen, die international agieren und ein weltumspannendes sicheres Netzwerk brauchen. Während die Leitungsqualität in Österreichs eher kein Problem ist, kann eine geforderte Qualität in anderen Ländern enorme Kosten verursachen. Ein softwaredefiniertes WAN kann hier helfen, indem Datenübertragungen über weite Strecken stabil, sicher und kostengünstig werden und gleichzeitig – eben softwarebasiert – die Flexibilität steigern.

Das Netzwerk ist im Zeitalter von IoT die kritische Komponente geworden. In einer global vernetzten Produktion können lokale Leitungsprobleme Auswirkungen auf weit entfernte Fertigungsstandorte haben. Wir arbeiten hier in Österreich eng mit den Serviceprovidern zusammen, um die Netzwerkarchitekturen und Kostenstrukturen von Unternehmensnetzen zu optimieren.

Report: Bandbreiten sind im städtischen Bereich meist nicht das Thema. In ländlichen Gebieten sieht es aber für Unternehmensanbindungen mitunter düster aus.

Greiner: Ich wohne an der Hohen Wand in Niederösterreich und habe selbst lange darunter gelitten, lediglich 3 bis 4 Mbit über ADSL zu bekommen. Ich hätte gerne mehr bezahlt, es war aber technisch nicht möglich. In den letzten zwei Jahren ist schließlich der Ausbau passiert – auch zur Freude meiner Kinder. Heute haben wir Glasfaser praktisch vor der Tür, und auch landesweit wird zweifellos ausgebaut. Es wurde also einiges investiert, wobei das noch nicht ganz ausreichend ist. Wenn wir nicht entschlossen genug den Glasfaser-Ausbau voranbringen, befürchte ich einen Standortnachteil für Österreich.

Die Anwendungsbeispiele gibt es bereits und es werden stetig mehr, gerade im Business-to-Business-Bereich. Wir haben spannende Zeiten vor uns und wir sollten schneller und mutiger sein. Die Investitionsbereitschaft in die Digitalisierung ist in Österreich jedenfalls da. Das sehen wir bei unseren Kunden.

In unserem jährlichen »Visual Networking Index« kann man den Bedarf an die Netze der Zukunft ablesen. Bis 2022 wird sich die Anzahl der vernetzten Geräte von heute 20 Milliarden auf 40 Milliarden verdoppeln. In den nächsten drei Jahren wird das gleiche Datenvolumen durchs Netz fließen wie in den vergangenen 30 Jahren – seit dem Beginn des World Wide Web. Gerade dieses unfassbare Wachstum erfordert aber auch größere Anstrengungen für die Sicherheit.

Wenn wir im Internet of Things nicht automatisch auch an Security – »by Design« und in der Architektur – denken, bekommen wir ein nachhaltiges Problem. Es wird in Zukunft keine Netzwerke ohne integrierte Sicherheit geben – ähnlich wie es heute keine Skier gibt, die keine Bindung integriert haben. Die Sicherheitsbindung brauchen wir auch im IoT-Umfeld.

Report: Sehen Sie – auch im Hintergrund der Klimadebatte – einen Aufwind für Video-Konferenz- und Telepresence-Lösungen?

Greiner: Auf jeden Fall. Ein Beispiel aus meinem Arbeitsalltag: Meine Arbeitswoche beginnt am Montag zuhause, da ich gerne den Stau nach Wien vermeide. Im Homeoffice kann ich alle operativen Geschäfte über diese Technologien erledigen. Meiner Erfahrung nach werden die Meetings sogar effizienter. Einen Komfortgewinn habe ich auch, wenn ich Flüge vermeide. Wenn ich ein Meeting über unsere Konferenzlösung mache, spare ich daher Zeit und schone die Umwelt. Die Voraussetzungen für eine gutes Nutzererlebnis sind natürlich entsprechende Bandbreiten und Quality of Service, die aber in den letzten Jahren nahezu überall verbessert wurden.

Report: Wie sieht die Policy in Ihrem Unternehmen aus, wie mit Flugreisen und Videokonferenzen umgegangen wird?

Greiner: Es gibt die klare Richtlinie, einen Flug nur aus Gründen, die eine persönliche Anwesenheit unbedingt erforderlich machen, zu buchen. Videokonferenzen sind für Cisco-Mitarbeiter aber nichts Besonderes mehr, wir haben das mittlerweile in unserer DNA. Es gehört zum Tagesgeschäft und hilft uns auch, die Qualität unseres Privatlebens zu erhöhen.

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