"Die Branche ist viel reifer geworden"

Gerald Rehling ist Vice President und Head of Infrastructure & Data Management (IDM) bei Atos in Österreich. Gerald Rehling ist Vice President und Head of Infrastructure & Data Management (IDM) bei Atos in Österreich. Foto: Atos

Gerald Rehling, Leiter des Bereichs Infrastructure & Data Management (IDM) bei Atos, spricht über die Auswirkungen der Akquisition von Unify und eine veränderte IT-Service-Welt.

Report: Im Februar wurde das ehemalige Telefonanlagengeschäft von Siemens von Atos übernommen. Welche Teile von Unify sind in Ihr Portfolio gewandert?

Rehling:
In das Atos-Geschäft wurde der Großkunden- und damit auch der Service-Bereich der ehemaligen Unify integriert. Unify betreut weiterhin kleine und mittlere Betriebe – das geht etwa bis zu einer Kommunikationsanlage in einem Hotel – und behält auch die Produktentwicklung.

Es gibt mit der Integration von Unify also eine klare Aufteilung nach Kundensegmenten, gleichzeitig haben wir wechselseitige, langjährige Verträge für eine enge Zusammenarbeit. Wir beziehen nach wie vor die Produkte bei Unify, die wir in unseren Lösungen den Kunden anbieten. Umgekehrt werden die KMU-Kunden bei Unify über den gemeinsamen Servicebereich von Atos betreut.

Report: Wie viele Unternehmen werden in dieser Form serviciert?

Rehling: Unify hat rund 4000 Kunden in Österreich, Atos hat davon die Top-250 übernommen. Dies betrifft jene Kundengrößen, die wir auch mit unseren Services bereits direkt angesprochen haben.
 
Report: Wie wirkt sich diese Veränderung in Mitarbeiterzahlen aus?

Rehling: Atos Infrastructure & ­Data Management hat nach der Integration von 90 Kolleginnen und Kollegen aus dem Unify-Bereich – allesamt spezialisierte Fachkräfte – nun rund 800 Mitarbeiter.

Report: Warum ist diese Akquisition für Atos so interessant? Wie sieht der Bedarf von Unternehmen bei Kommunikationslösungen aus?

Rehling:
Die Integration der Lösungen von Unify passt sehr gut, da wir im Bereich IDM bereits den »Digital Workplace« als Portfolio stark ausgeprägt haben. Kommunikationsanlagen sind jetzt eine natürliche Verlängerung unseres Angebots. Andererseits werden klassische Telefonielösungen immer stärker in den Arbeitsplatz integriert. Wir können uns nun dieser Integration von beiden Seiten annähern – entweder im Cross-Selling oder beim Finden von Synergien. Auch sehen wir ein Zusammenwachsen der Bereiche IT und Telefonie im Einkauf bei großen Unternehmen. Da hilft natürlich die Bekanntheit der Marke Unify, um als Atos Lösungen gesamtheitlich mit einem Team, einem Ansprechpartner anbieten zu können.

Diesen Trend sehe ich auch allgemein am Markt. IT-Dienstleister brauchen heute auch die Anbindung an Kommunikationslösungen – entweder mit Partnern oder als Teil des eigenen Angebots. Die Anbieter von Telefonanlagen benötigen wiederum die Integration in die IT.

Report: Welche Features und Themen decken Sie denn mit Ihrem Digital Workspace bisher ab?

Rehling:
Das betrifft Services rund um den Arbeitsplatz inklusive Software-Rollout und Service-Desk sowohl in Öster­reich als auch über unsere Shoring-Center – je nachdem, wie der Kundenwunsch ist und wie eine Organisation international aufgestellt ist. Die Bereiche Big Data und Cybersecurity sind ebenfalls im Workspace eingebunden. Die Kommunikationslösungen bilden dann die neueste Verlängerung. An das Unify-Flagschiff »Circuit«, eine Kommunikationsplattform, können verschiedenste Endgeräte und bereits bestehende, bei den Unternehmen eingesetzte, Kommunikationslösungen angebunden werden. Der Vorteil für die Nutzer ist, eine homogene Plattform auf verschiedenen Geräten zu haben. Medienbrüche oder der Aufwand, Daten zwischen unterschiedlichen Umgebungen zu synchronisieren – das alles gehört damit der Vergangenheit an.
 
Report: Was sind die Schwerpunkte des Bereichs IDM, den Sie verantworten?

Rehling:
Infrastructure & Data Management entspricht dem Outsourcing-Bereich bei Atos. Zwei Datacenter in Wien – im Norden in Floridsdorf sowie am Wienerberg im Süden, eingemietet bei e-shelter – bilden den Infrastruktur-Backbone für unsere IT-Services. Neben dem Digital Workplace haben wir weitreichende Kompetenzen rund um SAP Hana, haben ein eigenes Cloud-Portfolio und können je nach Kundenbedarf mit einem starken lokalen Footprint oder unseren internationalen Shoring-Centern auftreten.

Darüber hinaus hat Atos mit den »Legal Entities« add-IT in Kärnten, der unit-IT in Oberösterreich und der TSG für jede Kundengröße in Österreich das richtige Setup. Aus meiner Sicht differenziert uns das stark von unseren Mitbewerbern. Sie sind meistens entweder nur für große oder eher nur für kleine Unternehmen aufgestellt.

Report: Sie selbst sind seit gut zwei Jahrzehnten in der IT tätig. Was hat sich in diesem Zeitraum im IT-Service-Geschäft verändert?

Rehling:
Die Branche ist viel reifer geworden, sie hat sich mit ihren Prozessen und Abläufen zu einer richtiggehenden Industrie entwickelt. Vor 20 Jahren war ich noch in der Softwareentwicklung, heute sind als globaler Cloud-Hoster ganz andere Skills gefragt. Verändert hat sich auch die Geschwindigkeit, was wiederum viel mit Standardisierung zusammenhängt. Dann hat sich auch der Markt stark konsolidiert: Früher hatten einige mittelständische IT-Unternehmen Banken als Eigentümer und auch von der Globalisierung war noch wenig die Rede. Heute sind wir es gewohnt, international zusammenzuarbeiten. Das ist längst ganz normal.

Report: Und die Margen sind geringer geworden.

Rehling:
(lacht) Ja, je nach Portfolio­element unterschiedlich stark. In Bereichen, in denen sich Unternehmen noch differenzieren können und auch technisch die Nase vorne haben, ist sicherlich mehr Spielraum vorhanden. Doch abgesehen von Preisen ist es für viele unserer Kunden auch emotional wichtig, einen europäischen IT-Anbieter als Partner zu haben. Das soll keine Wertung gegen andere sein, aber für das französische Unternehmen Atos ist auch Österreich einfach ein wichtiger Markt. Da befinden wir uns auf einer Ebene, auf der man nicht viel dazu erklären muss. Es passt für viele einfach gut.

Report: Was haben Sie sich für heuer vorgenommen? Was sind Ihre Geschäftsziele?

Rehling: Auf jeden Fall profitables Wachstum. Uns ist wichtig – und ich denke, wir sind hier auf einem guten Weg –, die Integration von Unify nicht nur abgeschlossen zu haben, sondern von dieser Erweiterung auch zu profitieren. Das gilt für unsere Kunden ebenso wie auch für unsere neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wenn wir Ende des Jahres sagen können, dass dies gut gelaufen ist – das würde mich wirklich sehr freuen.


Die Übernahme

Im Jahr 2016 hat Atos die Übernahme von Unify von den Eigentümern Gores und Siemens weltweit abgeschlossen. Mit 1. Februar 2017 erfolgte in Österreich der nächste gesellschaftsrechtliche Schritt: die Integration des Teilbetriebs »Communications and Collaboration Services (CCS)« von Unify in die bestehende Atos Division Infrastructure & Data Management (IDM). Die Unify GmbH hingegen wird als Atos-Tochtergesellschaft ihre Kunden wie bisher mit dem gesamten Portfolio betreuen und den Ausbau von Vertriebs- und Servicepartnerschaften forcieren.

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