Fertigung in Wien, Erfolg auf der ganzen Welt

Fertigung in Wien, Erfolg auf der ganzen Welt Foto: Philips

Einst eine Konzernsparte bei Philips, heute ein eigenständiges Unternehmen in Wien: Speech Processing Solutions hat gute Karten, mit seinen professionellen Diktierlösungen Kunden quer über alle Branchen zu erobern.

Ein Hidden Champion aus Österreich, der unter der Weltmarke Philips auftritt. Speech Processing Solutions wurde 2012 aus dem niederländischen Konzern ausgegliedert und ist heute in österreichischem Besitz. Als globaler Marktführer für Sprachtechnologie und bereits unter Philips mit langer Geschichte am Fertigungsstandort Wien, steht das Unternehmen heute hinter der Marke »Philips Dictation«. Die Zielgruppe für Thomas Brauner, CEO von Speech Processing Solutions, und sein Team ist vielfältig: Arbeitende in Branchen mit hohem Administrations- und Dokumentationsaufwand, etwa im juristischen Bereich, im Bausektor, Versicherungs- und Bankenwesen und im öffentlichen Bereich.

»Die Hardware ist unseren Anwenderinnen und Anwendern eigentlich egal. Sie wollen so einfach wie möglich Sprache in Text umgewandelt bekommen«, weiß Brauner. Ärzte, Richter und Anwälte sind die »Heavy User« von Diktierlösungen. Sie wollen ihre Aussagen, Verschreibungen oder Anamnesen effizient tätigen. Eine Radiologin, die im Akkord Befundungen abarbeitet, möchte die Aufnahmen keineswegs im Nachgang editieren oder formatieren müssen.

Lange Geschichte

2019 feierte Philips Speech ein rundes Jubiläum: 65 Jahre Diktierlösungen. Früher wurden sämtliche Entwicklungen im Audiobereich des Konzerns von Wien aus geleitet. Ebenso wurde der erste Videorekorder in Wien produziert. »Für jene, die einfach im Büro sind und keine Spracherkennung verwenden wollen, produzieren wir immer noch die klassischen Diktiergeräte mit Kassetten«, erklärt Brauner. »Die Zukunft ist es vielleicht nicht, aber viele unsere Kunden legen auf eine lange Lebensdauer unserer Lösungen und auf Diskretion wert. Die Bänder können nicht gehackt werden.«

Und digital? Brauner zufolge hat das Unternehmen den Sprung vom analogen zum digitalen Diktieren gut geschafft und führt den Markt neben weiteren Herstellern wie Olympus und Grundig an. Assembliert werden die Diktiergeräte in der Endfertigung in Wien, die Leiterplattenfertigung befindet sich im nahen Ungarn.

Rund 90 % des Umsatzes von Speech Processing Solutions machen Geschäftskunden aus, der Rest sind Consumer-Geräte der Marke Philips, die in Korea und China produziert werden. Es sind für jeden Anwendungsfall spezielle Produkte: Geräte für Interviews, für die Aufnahme über größere Distanzen bei Vorträgen, die mit einem »Voice Tracer« und der Unterdrückung von nahen Störgeräuschen arbeiten. Oder einfache Recorder für persönliche Notizen. All das sind Features, welche die Gerätepalette deutlich von den simplen Sprachaufnahme-Apps auf Smartphones unterscheiden.

Bild oben: Thomas Brauner, CEO Speech Processing Solutions, leitet vom Standort in Wien-Favoriten aus 170 Mitarbeitende in acht Büros von Atlanta über Brüssel bis Sydney. Das Unternehmen hat mehr als 1.000 Vertriebs- und Implementierungspartner und über vier Millionen Kunden weltweit. (c) Speech Processing Solutions

Die zuverlässige Aufzeichnung ist aber gerade bei Geschäftskunden oft nur der erste Schritt. Im B2B-Markt steckt die Attraktivität der Lösungen in der Nachbearbeitung, eben im »Speech Processing«: Spracherkennung, die sichere, verschlüsselte Weiterleitung von Dateien, einen Workflow für die Bearbeitung im Team zu verwalten. In der Automatisierung von Sprachdokumentation steckt viel Potenzial am Markt. Untersuchungen zufolge verbringen in Mitteleuropa Ärzte mehr als 50 % ihrer Arbeitszeit mit Dokumentationsaufgaben.

Gleiches gilt für den juristischen Bereich. Immer mehr Themen müssen verschriftlich und rechtssicher abgelegt werden. Und wieder das Beispiel Radiologen: Diktiergeräte mit integrierter Strichcode-Leseeinheit lassen die Aufnahme automatisch mit der Patientenakte koppeln. »Das schützt vor Fehlern und Verwechslungen. Es spart Zeit und erhöht die Qualität. Darum geht es ja beim Diktieren in Wahrheit«, meint Brauner. Die patentierte Übertragungstechnologie sorgt für eine hohe Aufnahmequalität. So können Schreibkräfte oder nachgelagerte Spracherkennungssoftware Aufnahmen besser verstehen und transkribieren.

Strategische Aufstellung

Speech Processing Solutions vereint den Großteil seiner Wertschöpfungskette unter einem Dach. Vom Design angefangen, über das Engineering, Forschung und Entwicklung, Produktion und Einkauf, Marketing und Sales, Qualitätssicherung und Support. Damit ist man in Europa heute einer von wenigen. Wurden Unterhaltungselektronik und Bürogeräte früher vorwiegend lokal produziert, ist diese Fertigungsindustrie nahezu zur Gänze nach Fernost abgewandert. »Wir haben diese Möglichkeit, weiterhin in Wien zu produzieren, unserer Philips-Geschichte zu verdanken«, spricht Brauner über die Sonderstellung, die man auch früher schon hatte. Heute vereinen die Wiener das Beste aus diesen Welten: die starke Marke Philips, Konzern-Know-how, aber auch die Agilität einer schlanken Organisation.

Zukunft Spracheingabe

Thomas Brauner ist überzeugt, in einem zukunftsfitten Geschäft zu agieren. Auch in den nächsten 65 Jahren werden Sprachaufzeichnungen und Spracherkennung gefragt sein, sogar mehr denn je. »Der Mensch spricht deutlich schneller, als er tippen und schreiben kann. Heute müssen wir noch auf eine Tastatur zurückgreifen, um mit Maschinen zu kommunizieren. Das verlang­samt uns.« Der Experte prognostiziert, dass gesprochene Sprache künftig eine wesentliche Rolle beim Bedienen von Technik spielen wird. Zumal die Geräte auch immer kleiner werden, wie man etwa an »Wearables« wie Smart Watches beobachten kann. »Wir wollen mit unseren Lösungen die Menschen bei ihren Tätigkeiten unterstützen, diese beschleunigen und so wieder Zeit für Wichtigeres zurückgeben.«

In der Verbindung mit gängigen Machine-Learning- und Artificial-Intelligence-Plattformen sollen in naher Zukunft die transkribierten Aufnahmen auch hinsichtlich semantische Erkennungen unterstützt werden. Daten und Dokumente können dann auch inhaltlich verglichen werden, beispielsweise, um Messwerte automatisiert zu reihen. Brauner übersetzt diese technische Weiterentwicklung in einfache Worte: »Es geht vom Zuhören und Abschreiben weg – hin zum Zuhören und Verstehen.«

Weiterhin arbeitet das österreichische Unternehmen von Wien aus mit Partnern, um seinen Kunden in Zukunft Routinetätigkeiten abnehmen zu können.

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