»Mehr als bloßes Plaudern«

\"MichaelMichael Tomaschek im Interview.

Der Obmann des Austrian Coaching Council (ACC) spricht über Qualitätsstandards, rechtliche Grauzonen und ­warum Coaching keine Kochrezepte liefert.

(+) plus: Sie bemühen sich seit Jahren um eine Professionalisierung des Berufsbildes. Warum ist der Wildwuchs in der Branche so schwer einzudämmen?

Michael Tomaschek: Coaching kein rechtlich geschützter Begriff. In der Gewerbeordnung wird nur die Tätigkeit festgeschrieben. Sehr viele Berufsgruppen bedienen sich der Methode oder Dienstleistung Coaching, deshalb gibt es am Markt sinnbildlich Kraut und Rüben: Bei Lebens- und Sozialberatern, Unternehmensberatern, aber auch im Trainingsbereich, in der Mediation oder in der Supervision findet Coaching ergänzend Anwendung. In all diesen Bereichen ist vom Gesetzgeber nicht geregelt, wer was mit welchen Kompetenzen darf.

(+) plus: Wäre eine strenge Reglementierung wie bei den Psychotherapeuten eine Lösung?
Tomaschek: Vielleicht wäre das einfacher, aber fairerweise muss man auch sagen: Vom Coaching allein kann man nicht leben. Coaching ist eine Kurzberatungsform, bei der man im Schnitt zehn bis 15 Stunden mit dem Klienten verbringt. Der Coaching-Markt hat zwar in den letzten Jahren geboomt, aber es reicht nicht, ein Türschild aufzuhängen und die Leute stehen Schlange. Sie werden Coaching immer nur in einem Beratungsportfolio anbieten können. Eine Einschränkung per Gesetz würde wahrscheinlich gar nicht funktionieren. Außerdem kommt voraussichtlich 2015 von der EU eine neue Dienstleistungsnovelle, die erst recht eine Liberalisierung der Gewerbeordnung bringen wird.

(+) plus: Nach welchen Kriterien selektieren Sie, wer in die Datenbank des Verbandes aufgenommen wird?
Tomaschek:  Wenn es über die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht geht, muss der Markt über eine Qualitätszertifizierung transparenter gemacht werden. Als Kunde können Sie nicht zu mehreren Zahnärzten gehen, um auszuprobieren, welcher gut ist. Beim Coaching ist es ähnlich, nur tut es halt nicht so weh. Ob der Coach wirklich effizient ist, kann man vorher nicht beurteilen. Viele Leute geben sich ja heute schon damit zufrieden, wenn ihnen jemand zwei Stunden zuhört. Ob das ergebnis- und erfolgs­orientiert ist, ist eine andere Frage.
Wir haben schon 2003 mit den Dachverbänden in Deutschland und Österreich begonnen, Mindeststandards in der Ausbildung einzuführen. Beim ACC sind ca. zwölf Ausbildungsträger zertifiziert. Seit dem Vorjahr gibt es auch ein ISO-Zertifikat, für das eine staatlich anerkannte Prüfung von einer externen Stelle erfolgt. Man braucht als Coach keine umfassende psychologische Ausbildung, aber man muss psychotherapeutische Methoden sowie Organisationsabläufe oder Managementstrukturen aus der Wirtschaft kennen. Ein Coach verfügt über ein ganzes Repertoire an unterschiedlichen Methoden, die er anwenden kann. Coaching setzt Begegnen auf Augenhöhe voraus, dafür ist auch inhaltliches Know-how erforderlich.

(+) plus: Wie erklären Sie sich den Erfolg von Motivationstrainern, die mit simplen Botschaften ganze Hallen begeistern?
Tomaschek:  Diese Popularisierungswelle werden wir nicht mehr stoppen können, das hat ja schon fast etwas Religiöses an sich. Personalisten aber wissen heute sehr genau, was Coaching ist und was nicht. Im privaten Bereich, dem sogenannten »Life Coaching«, wird die Popularisierung weiter Platz finden – dazu ist der Begriff zu positiv besetzt und verspricht auch ökonomisch eine gewisse Stärke und Attraktivität. Da bleibt nur die Aufklärung, dass Lösungen individuell und nicht wie ein Kochrezept in 5-Punkte-Programme übertragbar sind.

(+) plus: Wie sind Ergebnisse im Business Coaching messbar?
Tomaschek:  Zu einer sauberen Auftragsklärung gehört auch eine klare Zielsetzung: Wozu soll dieses Coaching eigentlich dienen? Coaching ist ein sehr ziel- und ergebnis­orientierter Prozess, kein bloßes Reflektieren oder Plaudern, damit es den Menschen besser geht. Coaching soll ein anderes Handlungsspektrum ermöglichen – aber nicht im Sinn eines Trainings.

(+) plus: Wann macht Coaching keinen Sinn?
Tomaschek:  Überall, wo es um Wissensvermittlung, das Einüben von Verhaltensweisen oder psychotherapeutisches Aufarbeiten von Belastungen geht, ist Coaching nicht das Mittel der Wahl. Der Begriff ­Coaching kommt ja aus dem Sportbereich, dort ist die Rolle sehr klar: Der Coach hat lediglich die Aufgabe, den Athleten oder die Mannschaft durch den Wettkampf zu begleiten. Im Wettkampf ist es fürs Trainieren zu spät. Der Coach muss mit den vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen das bestmögliche Ergebnis erzielen.

(+) plus: Ist Coaching heutzutage noch ein Tabu?
Tomaschek:  Vor zehn Jahren mussten wir noch erklären, was Coaching überhaupt ist. In den meisten großen Unternehmen ist es inzwischen längst eine Standardmaßnahme. Das setzt aber natürlich auch eine offene Unternehmenskultur voraus, in der die Bezeichnung Coaching positiv besetzt ist. Wir haben in Deutschland ein Luftfahrtunternehmen begleitet, das ein spezielles Programm für Flugkapitäne mit Alkoholproblemen »Coaching« genannt hat. In Österreich wurden Raser und Alkolenker als Schulungsmaßnahme zum »Verkehrscoach« geschickt wurden. Solche Begriffs­assoziationen sind kontraproduktiv.

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