Zersiedlungsfest

Zersiedlungsfest Foto: iStock

Schaffe, schaffe, Häusle baue, sich die Erde untertan machen, schön und gut – aber langsam wird’s eng.

Ein Lob des Landlebens von Rainer Sigl.

Aaaaah, ich sag’s Ihnen, diese Landluft! Herrlich! Schnuppern S’ das? Dieses harzige, würzige Aroma? Leicht überlagert vom Diesel-Odeur vom Reini seinem Quad? So ein Hauch von Nadelwald? Toll, oder? So frisch! Ja, das ist der neue zweite Carport von den Wiesingers, Fichte natur, ganz neu, da rinnt noch das Harz heraus! Im Ernst, passen S’ lieber auf beim Rausgehen, ich hab mir schon das Sakko verpickt. Ja klar, der Anwalt weiß es  eh schon. Egal! Riecht super, oder? Da weiß man wieder, warum man herausgezogen ist!

Gut, ja, es ist schon ein bissi enger als in der Stadt, haha, ich mein, die Kinder waren diese großen städtischen Kinderspielplätze gewohnt, aber dafür hab ich ihnen gesagt, bitte, okay, die Schaukel steht jetzt in der Sandkiste drin, aber dafür gehört die nur euch, ja? Und zu Ostern nächstes Jahr kauf ich euch dann dieses Trampolin, das ist super ideal, das passt auf den Millimeter zwischen Hausmauer, Carport und Thujen, da kann wenigstens keiner rausfallen links und rechts, haha.

Ja, das Siedlungsleben ist schon was Spezielles, nicht. Ich mein, ein Haus zu bauen, selber zu bauen, ein eigenes, das ist schon was Authentisches, Natürliches, jawoll, Ur-Menschliches, nicht, mit eigenen Händen, haha! Nein, es hat schon eine Firma gemacht, ja. Aber es ist halt so ein tolles Gefühl, wenn einem was ganz selbst gehört! Also in 27 Jahren dann halt, wenn der Kredit fertig ist. Alles so ursprünglich!

Ja, wir haben da schon Glück gehabt vor zwei Jahren mit dem Grund. Also, ich hab das von einem Insider erfahren, dass die Gemeinde da diesen letzten Flecken auf Baugrund umwidmet zwischen der Wirtschaftszone mit dem Fressnapf, dem Tedi, dem Müller und dem dänischen Bettenlager und der Wirtschaftszone von der Nachbargemeinde mit dem DM, dem Penny und dem Euroshop. Genau, weil da ist die Parkplatzvergrößerung nicht durchgegangen wegen dieser Ökos. Kröten, Rohrdommel, irgendsowas. Wir haben das erfahren und zack, am nächsten Tag bei der Bank, Kredit, auf geht’s! Ja klar, am Land sind die Amtswege da halt kürzer, wenn der Bürgermeister zugleich der Bankdirektor ist und sein Bruder die Baufirma hat.

Also, das Landleben, tadellos, wirklich. Das Einzige, was mich nervt, sind diese großkopferten Städtischen, die sich da ständig dazubauen irgendwo, ich mein, ja, ich war auch mal so einer, haha, aber es genügt langsam, okay?  Da drüben war letztes Jahr noch Wiese – ja, da, hinter dem Hofer-Parkplatz sieht man noch ein Zipferl Gras, oder nein, haha, das ist eine grüne Folie, aber egal, da hinten jedenfalls – da haben sie jetzt auch schon alle Baugruben ausgehoben, den ganzen Tag Baumaschinen, LKWs, ein Kommen und Gehen, alles zupflastern, ich mein, muss das sein? Häuser, Supermärkte, Parkplätze, immer mehr Straßen, das sieht doch jeder, dass das so nicht weitergeht, bitte! Diese Zersiedelung ist wirklich das Letzte!

Wer braucht das? Ich jedenfalls nicht! Und schon gar nicht in meinem Hinterhof.

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