Am Rande des dunklen Zeitalters

Foto: Der Künstler und Autor James Bridle beschreibt ein düsteres Informationszeitalter: Ein Überfluss an Information zerstört die Möglichkeit, die Komplexität der Wirklichkeit zu erfassen. Foto: Der Künstler und Autor James Bridle beschreibt ein düsteres Informationszeitalter: Ein Überfluss an Information zerstört die Möglichkeit, die Komplexität der Wirklichkeit zu erfassen. Foto: Thinkstock

Der Künstler und Autor James Bridle beschreibt ein düsteres Informationszeitalter: Ein Überfluss an Information zerstört die Möglichkeit, die Komplexität der Wirklichkeit zu erfassen.

Mahnende Warner vor den Gefahren neuer Technologie gibt es vermutlich, seit die ersten Höhlenmenschen einfache Werkzeuge zur Erleichterung ihres täglichen Lebens hergestellt haben. Mit der zunehmenden Beschleunigung der globalen Technologiespiralen haben auch die Untergangspropheten schrillere Töne angestimmt, doch auch die Bestseller-Tiraden von Oldschool-Medien-Apokalyptikern wie Neill Postman oder Manfred Spitzer haben letztlich kaum einen Menschen von den ach so bösen Bildschirmen ferngehalten.

Kein Wunder, dass sich aktuelle pessimistische Gegenwarts- und Zukunftsbefunde nicht mehr an jener Differenz abarbeiten, die die – angeblich – bessere alte Zeit von den Makeln der Gegenwart unterscheidet, sondern im Gegenteil nach tröstlichen Chancen in als unausweichlich begriffenen dystopischen Entwicklungen greifen. Der britische Autor und Medienkünstler James Bridle hat mit seinem Buch »New Dark Age. Technology and the End of the Future« einen Befund vorgelegt, dem man – auch als technophiler Optimist – nicht widersprechen kann. Einen Weg zurück, so Bridle, gibt es allerdings wohl nicht. Augen auf – und durch.

Mehr ist weniger

Während die Welt um uns technologisch immer komplexer wird, so Bridle, schwindet unser Verstehen. Der Grund dafür liegt in einem Missverständnis: dem Glauben, dass unsere Existenz letztlich durch Algorithmen berechenbar sei und es nur eine Frage von ausreichender Datenversorgung sei, um sie verlässlich besser zu machen. Tatsächlich sind wir schon längst in dieser Parallelwelt unendlicher Information verloren. Wir folgen unseren Navis vertrauensvoll bis in reale Abgründe, überlassen die Auswahl von Videos sich selbst und uns radikalisierenden YouTube-Algorithmen und führen Arbeitsleben als unterbezahlte Amazon-Lagerarbeiter, die sich in den von Sortier-AIs unverständlich optimierten Regalschluchten verlaufen.

Die absurd anwachsende Flut an Daten, Erkenntnissen, Informationen und Faktoiden, die über uns aufgehäuft wird, macht die Welt paradoxerweise schwerer verständlich, als sie es in Zeiten weitaus dürftigerer Informationsdichte sein durfte. Und die Algorithmen, die mit dem Versprechen höchster Effizienz zunehmend vom Kleinsten bis zum Größten die Kontrolle übernehmen, lassen uns in ihrer unmenschlichen Logik und in ihrer Verwaltung schier unendlicher Datenmengen  immer weniger klar sehen; die Dunkelheit einer post-humanen Welt.

James Bridles Buch ist allerdings kein schwarzmalerischer Kassandraruf und predigt auch keine Abkehr vom eingeschlagenen Pfad. Stattdessen schärft es unseren Blick für das Missverständnis, dass mehr Information zu mehr Verständnis führt – und fordert uns auf, uns in dieser neuen Dunkelheit mit größerer Vorsicht zu bewegen.

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