Gönnung

Gönnung Foto: iStock

Am Jahresende naht auch das Ende der Kräfte. Da darf man sich schon mal selbst ein wenig Gutes tun.

Eine Absolution von Rainer Sigl.

Bald. Bald ist es vorbei, dieses Jahr, und wie jedes Jahr fiebert alles dem Ende entgegen. Alle sehnen es herbei – das Ende. Weil, mal ehrlich: Es reicht. Ich mein, wer bitte hatte die gelinde gesagt brunzdoofe Idee, den stressigsten Monat des ganzen Jahres noch mit der größten Familienfeier zuzustopfen und den ganzen Irrsinn damit von eh auch schon oagen vier Wochen auf absolut unfassbare 23 Tage zusammenzustauchen? Den ganzen Schas mit »Das schaffen wir aber schon noch dieses Jahr« über »Geht sich heuer noch ein Treffen aus?« bis hin zu »Sonst wird’s noch nächstes Jahr, bis wir uns wieder sehen« entgegne ich diesmal trotzig: Ohne mich! Nicht mit mir! Genug ist genug!

Weil ich gönn mir was dieses Jahr. Statt wie deppert von Termin zu Termin zu hetzen, verschieb ich locker alles, ob’s geht oder nicht (ha! Es geht immer!), großzügig nach hinten auf Februar, März, April. Statt wie ein Trottel vom Christkindlmarkt zum Einkaufszentrum zum Charity-Punschen zu hetzen, gibt’s im Advent radikale Entschleunigung und dieses Jahr am heiligen Abend höchstens einen laschen Händedruck, aber auch das muss ich mir noch überlegen. Statt wie manisch den letzten Vertragsabschlüssen, Fristen, Einreichterminen und ambitionierten Zielen nachzuhecheln, besinne ich mich auf die wichtigen Sachen im Leben. Aus dem Fenster schauen. In sich Hineinhören. Über das Leben nachdenken, sich an dem erfreuen, was man hat.

Ja, gell, jetzt schauen S’ blöd, weil Sie wissen instinktiv: Ich hab recht damit! Ja oder ja? Aber natürlich, Sie und die ganzen anderen Hamster in diesem Laufradl, zu dem diese turbokapitalistische Hochleistungsklapsmühle geworden ist, Sie haben ja nicht mal richtig Zeit, sich das auch für sich zu überlegen! Sie denken sich jetzt vielleicht »jo eh«, aber im nächsten Moment – zack! – rennt schon wieder das Radl: Dieser Termin, jene Verpflichtung, dieses Treffen, dort einkaufen, da bestellen, dort noch was schnell fertigmachen, da etwas verschieben, hier hudeln, dort gschafteln – dabei ist das die stillste Zeit im Jahr, ihr Konsumtrotteln!

Aber nein: Ich will nicht urteilen. Ja, natürlich missbillige ich das. Sowieso weiß ich, dass mein Zugang der bessere, vernünftigere, ja: einzig sinnvolle ist. Und ich will euch zurufen: Ihr richtet’s nicht nur euch, eure Familien und eure bemitleidenswerten Körper zugrund’, sondern auch den Planeten! So geht das nicht weiter! Haltet ein! Tut Umkehr! Besinnt euch! Aber: Ich verbeiße es mir. Auch das ist Weisheit, jaja. Ich könnte euch so viel lehren! Stattdessen blicke ich versonnen zur Decke und schüttle den Kopf.

Also, eigentlich schüttle ich ihn nicht richtig. Nur so ein bissi. Wegen dem blöden Liegegips. Weil ich da neulich beim Heimgehen von diesem Late-Night-Jagatee-Black-Friday-Shopping Pre-Xmas-Event so deppert ausgerutscht bin, dass ich erst nächstes Jahr wieder meinen Kopf bewegen darf. Und die Füße. Und die Schultern. Aua.

Aber ich sag Ihnen: Das war ein Geschenk.  So kommt man drauf, was wirklich wichtig ist im Leben. Zum Beispiel: sich selbst am Steißbein kratzen können, dort, wo es seit Stunden so unnädig juckt. Naja: im Januar dann. Man gönnt sich ja sonst nix. 

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