"Gemeinsamer Nenner, an dem viele teilhaben"

Es diskutierten: Martin Szelgrad (Report), Daniel Fallmann (Mindbreeze), Matthias Kraus (Xpublisher) und Gastgeber Helmut Fallmann (Fabasoft). Fotos: Milena Krobath Es diskutierten: Martin Szelgrad (Report), Daniel Fallmann (Mindbreeze), Matthias Kraus (Xpublisher) und Gastgeber Helmut Fallmann (Fabasoft). Fotos: Milena Krobath

Im Wettstreit der Regionen Europa und USA: »Stopp des Ausverkaufs innovativer europäischer Tech-Unternehmen« war Thema eines Publikumsgesprächs bei Fabasoft im November in Wien.

(Fotos zum Event)

Bei Risikokapital wird in den USA weit mehr als in Europa investiert. Die negativen Folgen, die der Ausverkauf europäischer Spitzentechnologie für die Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Europa hat, dürfen dabei nicht unterschätzt werden. Welche alternativen Strategien Unternehmen in Europa verfolgen können, um ihr Potenzial auch im Verbund zu nutzen, zeigte ein »Fabasoft TechSalon« am 14. November. Die strategischen Beteiligungen des Software- und Cloud-Service-Unternehmens Fabasoft an den IT-Spezialisten Mindbreeze und Xpublisher zeigen: Gemeinsamer Unternehmenserfolg funktioniert auch ohne feindliche Übernahmen und Assimilation in Plattform-Monopole. Dazu diskutierten Michael Zettel, Country Managing Director Accenture, Daniel Fallmann, Gründer und Geschäftsführer Mindbreeze, Matthias Kraus, Managing Director und CEO Xpublisher, und Gastgeber Helmut Fallmann, Mitglied des Vorstandes der Fabasoft AG.



Michael Zettel, Country Managing Director Accenture

Unter den 30 größten Digitalunternehmen weltweit ist lediglich eines aus Europa zu finden – Spotify. Der Rest kommt vornehmlich aus den USA und China. Die vier größten Technologieinternehmen – Amazon, Microsoft, Google und Apple – haben in ihrer Marktkapitalisierung mittlerweile auch die größten Firmen aller anderen Wirtschaftsbereiche überholt. Sie alle sind nicht mit einzelnen Produkten oder Services, sondern auf Plattformebene erfolgreich. Ähnliche IT-Plattformen hat Europa verschlafen und diese werden auch nicht mehr entstehen, ebenso wenig wie ein europäischer Hyperscaler im Cloudgeschäft.
Der politische Wille für einen stärkeren IT-Wirtschaftsstandort Europa ist zu unterstützen, aber es wird enorm schwierig. Allein die drei Unternehmen Amazon, Microsoft und Google investieren jährlich 50 Milliarden in Cloudinfrastruktur. Gleiches in Europa nachzubauen, ist nahezu unmöglich. Im Gegenteil: Die nächste große Welle der Plattformanbieter wird aus China kommen, einem der USA ähnlich homogenen Riesenmarkt. Gerade auch in den USA ist seit Jahrzehnten dramatisch mehr Risikokapital vorhanden.

Report: Sehen Sie Europa nun als völlig chancenlos?
Zettel: Es gibt tatsächlich eine gute Nachricht: Die Digitalisierung ist in vielen Unternehmen bereits Standard, wir befinden uns – wie wir es nennen – in der Post-Digitalisierungs-Ära mit neuen Differenzierungsmerkmalen in der Wirtschaft. Einfach nur bessere Online-Services zu bieten, reicht nicht mehr aus. Unternehmen werden in einer »Hyper-Personalisierung« in der Kombination von IT und Fertigungstechnik Produkte und Services auf den einzelnen Konsumenten maßgefertigt zuschneiden und dabei trotzdem hochskaliert anbieten können. Kombiniert mit der Stärke Europas bei industriellen Lösungen werden damit die Uhren wieder auf null gestellt. Mit dem Internet der Dinge werden die Maschinen intelligent und in genau diesem Bereich haben Österreich und Deutschland einen dramatischen Wettbewerbsvorsprung. Fast ein Drittel der Wertschöpfung in Deutschland kommt aus der Industrie. Das gibt es weder in den USA noch in China. Die Losgröße eins ist auch für viele österreichische Betriebe – oft in Marktnischen sehr erfolgreich – keine Besonderheit. Mit über 200 Weltmarktführern im Bereich B2B, den sogenannten Hidden Champions, ist Österreich Industrieweltmeister. Und in den Industrie-4.0-Prozessen der vernetzten Maschinen und intelligenten Services steckt die Wertschöpfung der Zukunft.





Daniel Fallmann, Geschäftsführer und Gründer Mindbreeze
Das Thema Digitalisierung ist in den USA und in Asien weit fortgeschritten, während es in Europa an der einen oder anderen Stelle sicherlich noch Aufholbedarf gibt. Wir setzen mit unseren Produkten dort an, wo bereits digitalisiert worden ist und machen Informationen für Unternehmen nutzbar. Und mit künstlicher Intelligenz ausgestattet können Geschäftsprozesse neu gedacht und transformiert werden. Ein Beispiel sind Suchmaschinentechnologien: Über Machine Learning trainierte Systeme ermöglichen eine völlig neue Unterstützung für Fachabteilungen. Mindbreeze bietet dazu Lösungen, die hochgradig auf Branchen ausgerichtet sind. So helfen wir beispielsweise großen Unternehmen, Flugzeuge schneller zu servicieren. Informationen zu beispielsweise Bauteilen werden oftmals in hunderten Anwendungen verstreut gehalten: Bestellinformationen, Daten zu alternativen Produkten, Infos zum Lebenszyklus und auch Wartungsprognosen. Wir verknüpfen all diese Punkte mit einer 360-Grad-Sicht auf jedes einzelne Teil. Im Bereich der Arzneimittelzulassung in den USA wiederum helfen wir mit unserem Wissensmanagement den MitarbeiterInnen der Zulassungsbehörde, konsistente Entscheidungen zu fällen. Wir sind von einer Plattformstrategie, wie es die großen US-Technologieunternehmen umsetzen, völlig abgekommen und liefern ausschließlich zugeschnittene Lösungen.

Dank unseren namhaften Großkunden– darunter viele Fortune-500-Unternehmen – ist Mindbreeze mittlerweile sowohl bei Gartner im Bereich »Insight Engines« als auch bei Forrester für »Cognitive Search« im Magic Quadrant respektive als Leader angeführt. Die Herkunft eines Produkts ist natürlich ein Thema, ebenso wie nahe am Kunden zu sein. Das ist uns selbstverständlich auch in den USA wichtig, ebenso wie in Asien und allen anderen Regionen. Neben unserem Headquarter in Linz haben wir ein amerikanisches Headquarter in Chicago, von dem aus für den US-Markt vor Ort Produkte mit amerikanischen Mitarbeitern und Rechenzentren in den USA produziert, vertrieben und serviciert werden. Wichtig für uns natürlich auch der Unternehmensverbund mit Fabasoft, beispielsweise um Ressourcen zu bündeln – im Compliance-Bereich für Zertifizierungen und Audits beispielsweise SOC 2 oder BSI C5. Typischerweise werden von großen Fortune-500-Unternehmen gewisse Zertifizierungen vorausgesetzt, ohne die kann man dort auch gar nicht erst anbieten und schon gar nicht auf die »Shortlist« kommen. Hier hilft eine intensive Ressourcenbündelung natürlich ganz wesentlich.





Matthias Kraus, Managing Director und CEO Xpublisher

Wir haben in den letzten Jahren mit Xpublisher ein Redaktionssystem für technische Dokumentation und Publishing für Zeitung und Buchverlage entwickelt. Auch wir befinden uns mit unserer Arbeit in der Post-Digitalisierung bei den Unternehmen: Für neue Geschäftsprozesse und Services müssen sich die unterschiedlichen Plattformen und Geräte vor Ort, mobil und in der Cloud miteinander ohne Systembrüche unterhalten können. Um die teilweise automatisierten Prozesse umzusetzen, müssen wir uns auf eine technische Standardisierung fokussieren. Zu unseren Kunden zählt unter anderem der deutsche Heise Medien Verlag, der damit etwa sein Layoutdesign teilautomatisieren kann.
Rein aus dem organischen Unternehmenswachstum wäre es schwierig gewesen, so in die Produkte zu investieren. Wir hatten immer viele Ideen, waren aber bei der Frage der Finanzierung oft blockiert. Seit Mai dieses Jahres haben wir mit Fabasoft einen strategischen Partner, ich halte aber mit weiteren Gesellschaftern weiterhin 40 % am Unternehmen. Natürlich ist eine Entscheidung zunächst nicht einfach, jemanden an Bord zu holen – man hat ja auch einen Stolz und will es selbst schaffen. Viel wichtiger ist aber die Erkenntnis, dass es ohne Hilfe nicht sinnvoll möglich ist, in neue Märkte zu gehen und die Produkte auf einen höchsten Level zu bringen. Wir sind jedenfalls überzeugt, mit Fabasoft den richtigen Investor gefunden zu haben.

Report: Wie sieht es mit dem Vertrauen in Innovation und Unternehmertum in Deutschland vielleicht auch im Vergleich zu den USA aus?
Kraus: Je größer der Zielkunde in Deutschland ist, desto weniger Vertrauen möchte dieser vorab in einen kleineren Partner stecken. Vor knapp zwei Jahren wurden wir mit einem unserer Produkte in der Ausschreibung eines deutschen Bundesministeriums mit der Begründung abgelehnt, wir wären mit 25 Personen zu klein. Zwei Monate später hatten wir eine Vertragsunterzeichnung mit dem Weißen Haus, das bis heute ein Kunde ist. In den USA werden die Themen Vertrauen und Geschäftsbeziehungen ganz anders gesehen. Das hat sich jetzt natürlich auch in Europa geändert: Mit dem Einstieg eines großen Softwarekonzerns können wir auch gegenüber Behörden ganz anders auftreten.





Helmut Fallmann, Mitglied des Vorstandes und Gründer Fabasoft AG

Ich stimme meinen Diskussionspartnern bei einer Sache bei: Europäische Technologieunternehmen werden vor allem mit konkreten Anwendungsbereichen reüssieren. Auch wir wachsen mit den Beteiligungen an Mindbreeze oder Xpublisher strategisch in neue Geschäftsfelder hinein. Publishing ist ein breiteres Thema, als man zunächst meinen würde. Nicht nur Verlage, sondern prinzipiell jedes Industrieunternehmen mit eigener Produktion braucht in seinem Absatzmarketing Publikationswerkzeuge für verschiedenste Kanäle. Dann ist der Xeditor eine Bereicherung für unsere Cloud-Services – er bietet kollaboratives Editieren von Inhalten in der Cloud, bei gleichzeitiger Sicherheit des geografischen Standortes der Datenspeicherung. Bei der automatisierten Erstellung eines Dokuments werden zudem semantische Informationen, beispielsweise Details zum Autor, hinterlegt. Das kann wiederum Mindbreeze für ihre intelligente Suche nutzen. Neben den Produkten ist es aber das Team bei Xpublisher, das diese Zusammenarbeit so einzigartig macht. Es findet nun ein kultureller Austausch mit jungen Menschen statt, die eine ganz andere Unternehmenskultur mitbringen. Wir alle können da voneinander lernen.

Wir wollen jungen Unternehmerinnen und Unternehmern den Erfolg mit einem weiteren Wachstum ermöglichen. Erfolg heißt für uns in diesem Fall, ein Produktunternehmen der Softwarebranche auf zehn Millionen Euro Umsatz zu bringen. Und ja – wir werden weiter auch Risiken eingehen und Spaß an unserer Arbeit haben. Denn Wohlstand findet in der Regel dort statt, wo das Eigentum am Unternehmen bleibt. Alles andere ist ein Märchen. Deshalb ist es auch so wichtig, viele Gründerinnen und Gründer und Europa und insbesondere auch in Österreich zu haben.

Report: Doch der Wirtschaftsraum EU besteht aus – noch – 28 Ländern und ist damit von Natur aus im Hintertreffen gegenüber Riesenmärkten wie USA und China.
Fallmann: Wir brauchen dringend die Harmonisierung in den europäischen Staaten auf vielen Ebenen. Die Normungsorganisation ETSI ist hier beispielsweise mit 5G-Standards sehr erfolgreich. Ähnliches könnte bei dem Thema Kreislaufwirtschaft in der Verknüpfung unterschiedlichster Branchen passieren und – nach dem Qualitätsmerkmal Datenschutz – ein weiteres Exportgut Europas werden. Auf diese Weise werden wir am Ende des Tages nicht Plattformen globaler Monopolisten, sondern einen solidarischen gemeinsamen Nenner erhalten, an dem viele teilhaben können.

Ich werde nicht müde zu betonen, dass sich Europa keineswegs bei neuen Technologien im Vergleich zu anderen Regionen verstecken muss. So bietet die Johannes-Kepler-Universität in Linz derzeit ein weiteres tolles Beispiel für den starken Bildungs- und Wirtschaftsstandort. Mit dem Eckpfeiler Artificial Intelligence haben wir dort ein informatiknahes Studium mit den größten Zuläufen bei den Studierenden. Ich sehe den Zug der Plattform-Ökonomie in der IT keineswegs abgefahren – wir stehen sogar erst an einem Anfang.




Last modified onMontag, 16 Dezember 2019 10:39
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