»Die Vision jetzt mit Leben füllen«

Foto: Alfred Harl, Fachverband UBIT: »Um den Wohlstand in Österreich aufrechtzuerhalten, müssen wir die Besten der Besten der IT entwickeln, die Systemarchitekten der Unis ebenso wie den Mittelbau der Ingenieure und Coder.« Foto: Alfred Harl, Fachverband UBIT: »Um den Wohlstand in Österreich aufrechtzuerhalten, müssen wir die Besten der Besten der IT entwickeln, die Systemarchitekten der Unis ebenso wie den Mittelbau der Ingenieure und Coder.«

Alfred Harl, Obmann des Fachverbands Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie (UBIT) der Wirtschaftskammer, fordert ein klares politisches Signal, IT-Lehrberufe und -Studien zu stärken und miteinander zu verbinden.

Report: Welche Herausforderungen sehen Sie im Ausbildungsbereich – mit dem Hintergrund des herrschenden Fachkräftemangels in der IT?

Alfred Harl: Mit den neuen IT-Lehrberufen wie beispielsweise Coding gibt es nun eine fundierte Ausbildung an der Basis – jetzt fehlen nur noch die Unternehmen, die diese Lehrberufe aufnehmen. Wir müssen dieses Thema auch promoten: Das Image des Lehrberufs und die Berufsbilder in der IT müssen allen klar gemacht werden. Das ist nicht immer einfach, wenn ich aktuell gut 80 verschiedene Richtungen für Spezialisierungen am Markt sehe. IT-Ausbildung in Österreich heißt: Zuerst müssen Universitäten, Fachhochschulen, berufsbildende Schulen, aber auch die Berufsschulen in einem einheitlichen System betrachtet werden. Ich habe dazu von Bundesminister Heinz Faßmann ein klares Studien- und auch Lehrberufsleitsystem eingefordert. Vor Ostern soll dazu etwas vorgestellt werden.

Unserer Forderungen waren immer, dass ein Ressort das Szepter übernimmt – wie es nun bereits mit dem Thema Digitalisierung erfolgt ist. Mit Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck haben wir eine fachkundige Integrationsfigur, die selbst aus der IT stammt.

Auch wenn ich die vor kurzem vorgestellte Digitalisierungsagentur noch nicht genau einschätzen kann, nehme ich an, dass sie strategische Maßnahmen setzen wird, um die Vision und Marke Digitalisierung aufzuladen und mit Leben zu füllen. Wir haben den Regierungsmitgliedern unseren »digiNATION Masterplan« überreicht, um Österreich zu digitalisieren. Jetzt muss man sich dazu auch bekennen. Denn die Digitalisierung gibt es nicht lauwarm. Die gibt es nur ganz oder gar nicht.

Report: Was bedeutet das für die universitäre Bildung?

Harl: Informatikstudien haben recht hohe Drop-out-Quoten jenseits der 50 Prozent. Wenn man genau untersucht, in welchen Semestern diese Drop-outs geschehen, könnte man den Studentinnen und Studenten bereits frühzeitig auch ein Angebot für einen Wechsel in die Lehre machen. Es gilt Rahmenbedingungen zu schaffen, um diese per se technisch Interessierten nicht völlig fallen zu lassen.

Im Marketingmodell der Universitäten sollte Raum für ein Zwischengespräch mit Professoren oder berufsbegleitenden Kräften sein, um ohne Gesichtsverlust in eine Lehre überzutreten. Dazu muss natürlich auch die Lehre aufgewertet und geschickt umgesetzt werden. Es wäre eine echte Alternative für all jene, die einen stärkeren Praxisbezug suchen und auch bald etwas verdienen wollen.

Wir wissen auch, dass viele am liebs­ten in Wien und Graz studieren und die technischen Universitäten dort trotz Studienzugangsbeschränkungen überproportional Zulauf erhalten. Die Einrichtungen im Westen könnten wiederum weit mehr Studierende aufnehmen. Warum also nicht die Möglichkeit schaffen, sich in einer Prioritätensetzung bei zwei, drei Universitäten zu inskribieren? Wenn das Kontingent an der einen Uni erschöpft ist, studiert man in einer anderen Stadt – auch mit der Möglichkeit, später zum Studienort der ersten Wahl aufzuschließen. Allein diese Dynamisierung würde dem einen oder anderen helfen, auf dem eingeschlagenen Weg zu bleiben. Dazu gehört für mich aber die individuelle, bessere Begleitung und Förderung der Studierenden durch die Universitäten. Viele wissen kaum, worauf sie sich bei einem technischen Studium überhaupt einlassen.

Berechnung zufolge kostet ein Studienplatz rund 16.000 Euro im Jahr. Ein ausgebildeter IT-Experte sorgt am Markt für einen Umsatz von durchschnittlich 160.000 Euro. Selbst wenn diese Zahl tatsächlich viel kleiner wäre, und in der Kenntnis, dass uns derzeit mehr als 10.000 Fachkräfte in Österreich fehlen: Der Volkswirtschaft entgeht hier ein Umsatz von 1,6 Milliarden Euro.

Dann gehört im universitären Bereich auch dazu, Informatiker bis zum Doktorat zu leiten – und nicht durch Job-outs frühzeitig aus dem Studium an den Arbeitsmarkt zu verlieren. Wir brauchen nicht zu glauben, dass die fehlenden Fachkräfte aus dem umgrenzenden Ausland zu uns kommen werden. Auch der europäische Markt ist leergefegt. Zudem brauchen wir dringend Maßnahmen, um mehr Frauen für die IT zu begeistern. In Ländern wie Indien mit einer starken IT-Wirtschaft ist ein Frauenanteil von 50 % in IT-Berufen selbstverständlich.

Mir ist schon bewusst, dass wir nicht ständig nach Silicon Valley blicken sollten, sondern hier in Europa eine eigenständige Zukunft einer selbstbewussten, unverwechselbaren IT-Wirtschaft schaffen müssen.

Report: Warum bilden die Unternehmen nicht selbst mehr aus?

Harl: 80 % der Betriebe in der IT sind Ein-Personen-Unternehmen. Kleinere Unternehmen sind mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt und haben nicht den Platz, um einen neuen Beruf auszubilden. Auch viele der größeren Unternehmen haben die Personalressourcen in der IT nicht und lagern IT-Themen zu einem Dienstleister aus.

Ich warne sehr davor, Lehrlinge nur als billige Systemerhalter im Betrieb einzusetzen – das hat keine Zukunft. Demzufolge ist eine Lehrstelle erst ab einer bestimmten Unternehmensgröße sinnvoll.
Die Regierung hat angekündigt, 3.000 Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Details dazu gibt es noch nicht, die Plätze sollten aber in dem Gesamtkonzept über alle Ausbildungseinrichtungen betrachtet werden. Es gibt ja die Aufforderung von Ministerin Schramböck an die Betriebe, dazu Farbe zu bekennen – wer ausbildet, welche Modelle gefragt sind, und wie die Wirtschaft diese Herausforderung meistern will.

Eine der politischen Aufgaben ist nun sicherlich, den Betrieben auch die Angst zu nehmen, jemand völlig Ungeeigneten nicht kündigen zu können. Es ist sicherlich nicht im Sinne aller, wenn ein Mittelbetrieb Juristen beschäftigen muss, um sich von jemanden zu trennen, der gar nicht arbeiten will – und der einen Ausbildungsplatz besetzt, der einem anderen entgeht.

Report: Warum bildet konkret der Mittelstand nicht mehr aus?

Harl: Aus genau diesem Grund. Es gibt die Befürchtung, sich drei Jahre an einen Mitarbeiter fix zu binden, der gar nicht zum Unternehmen passt. Dann gibt es die neuen Lehrberufe gerade einmal ein halbes Jahr, der entsprechende Platz für die IT-Lehrlinge ist oft noch gar nicht geschaffen. Davor waren Lehrberufe in der IT ja zu wenig im Fokus.

Wir müssen jetzt den Betrieben etwas Zeit geben. Auch viele EPU würden sicherlich eine gute Ausbildungsumgebung bieten – falls sie das wirtschaftlich auch darstellen könnten. Vielleicht kommt es hier in Zukunft zu Impulsförderungen durch die Politik.

Report: Sie sehen hier klar die Politik in der Pflicht?
Harl: Nur die Politik kann die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Die Unternehmen werden dann investieren. Ich fordere nun beide Seiten auf, sich dazu an einen Tisch zu setzen. Die Unternehmen können dann klar mitteilen, zu welchen Rahmenbedingungen Lehrlinge eingestellt werden.
Ich bin überzeugt davon, dass wir den Wohlstand in Österreich in einem gedeihlichen Miteinander so auf lange Zeit fördern können.

Last modified onSonntag, 07 April 2019 14:21
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