»Damals war der Everest für mich noch unerreichbar«

»Damals war der Everest für mich noch unerreichbar« Fotos: Christoph Gauß

Was hat die Bezwingung des Mount ­Everest mit dem disruptiven Wandel in der Wirtschaft zu tun? ERP-Experte Christoph Gauß, Avanade, hat im Mai als erster westlicher Bergsteiger heuer den Gipfel über die schwierige Nordroute erreicht.

Report: Herzliche Gratulation zur Besteigung des Everest! Sie haben den letzten Abschnitt in der Nacht bewältigt?

Christoph Gauß:
Vielen Dank. Ja, es gibt ein paar Rahmenbedingungen, die bei solchen Expeditionen beachtet werden müssen. Sobald Sie sich auf einer Höhe von über 8.000 Metern befinden, steht Ihnen ein Überlebensfenster von maximal 48 Stunden zur Verfügung. Aufgrund der Kälte, des Luftdrucks und der Anstrengungen ist es nicht möglich, zu essen oder zu schlafen. Üblicherweise kommt man bei einer Everest-Besteigung zu Mittag auf dem letzten Camp auf 8.300 Metern Höhe an. Man ruht sich etwas aus und plant, wenn das Wetter passt, gegen 22 Uhr Richtung Gipfel aufzusteigen. Die durchschnittliche Zeit dafür beträgt zehn Stunden, man erreicht also am Vormittag den Gipfel und sollte bei Tageslicht wieder absteigen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit den anstrengenden, zehrenden Abstieg auf 7.000 Meter Höhe zu schaffen. Zwei je fünf Kilogramm schwere Sauerstoffflaschen pro Person reichen genau für diesen Zweck aus. Mehr mitzuschleppen, bringt nichts. Wenn man so langsam wäre, hätte man etwas falsch gemacht – das betrifft die konditionelle ebenso wie die mentale Verfassung.

Report: Was hat Sie zur Besteigung des höchsten Berges bewogen?

Gauß:
Ich bin in Wien aufgewachsen, aber meine Eltern sind an jedem freien Wochenende mit uns Kindern in die Berge gegangen. Mit 16 habe ich dann einen Kletterkurs gemacht und war viel mit Freunden in den Bergen. Anfangs war ich in den Alpen unterwegs – Mont Blanc, zigmal der Großglockner oder am Matterhorn. Die Trainingsziele haben sich dann mit der Zeit gesteigert. Ein herausforderndes Ziel sind aktuell die Seven Summits, die jeweils höchsten Berge auf allen Kontinenten. 2013 habe ich den Elbrus im Kaukasus, den höchsten Berg Europas, als ersten dieser Gipfel bestiegen. Damals war der Everest für mich noch unerreichbar. Es folgten der Aconcagua und ein schwieriger Siebentausender, der Ama Dablam in Nepal. Das Schöne an diesem Berg: Er ist nur 15 km Luftlinie vom höchsten Berg der Welt entfernt. Als ich bei Sonnenaufgang vom Gipfel aus den 1.800 Meter höheren Everest vor mir hatte, habe ich gewusst: Jetzt bin ich bereit. Der Everest wartet auf mich.

Report: Was sind die Erfolgsfaktoren für eine solche Expedition?

Gauß:
Eine Everest-Besteigung be­ginnt nicht, wie man es aus dem Film kennt, beim Basislager. Vielmehr ist die große Zeitspanne davor entscheidend. Verglichen mit einem Marathon steht diese Vorbereitungszeit für die ersten 40 km. Die letzten 2 km sind vor Ort zu absolvieren und die finalen 195 Meter entsprechen dann dem Gipfeltag. Marathonläufer kennen die Folgen, wenn sie bereits auf den ersten 40 km einen Fehler machen.

Rund ein Jahr vor der Besteigung habe ich mit dem intensiven Training begonnen, das ich auch mit meiner Berufstätigkeit und meiner Familie mit drei Kindern abstimmen musste. Ich hab deshalb viel in der Nacht trainiert, bin um vier Uhr früh aufgestanden, um laufen zu gehen. Am Abend ging es auf die Rax, am Wochenende gleich dreimal auf den Berg. Mit Skitouren in Tirol, der Schweiz und Südtirol in den letzten Wochen vor dem Flug nach Tibet habe ich mir dann die finale Kondition aufgebaut. Es war ein hartes Training, das unglaublich viel Disziplin braucht – Ausreden wegen Müdigkeit oder schlechtem Wetter dürfen da nicht gelten.

Report: Was lässt sich aus dieser Erfahrung in den Arbeitsalltag umsetzen?

Gauß:
Punkt eins: Man braucht im Leben immer eine Vision, um sich zu orientieren und seine Werte festzulegen. Mit einem entsprechenden Plan dazu wurde auch die anfangs scheinbar unerreichbare Vision der Everest-Besteigung zur Realität. Hilfreich sind dazu Checkpoints und Meilensteine, die man sich setzt.

Und Unternehmen brauchen eine Vision. Bei Avanade leiten wir aus der Unternehmensvision auch eine Teamvision ab. Was wollen wir als Team in Österreich erreichen? Wir erarbeiten und formulieren in der Gruppe gemeinsam diese Vision und achten auf eine nachhaltige Umsetzung. Hier ist dann jeder Einzelne gefragt. Dies lässt sich auch auf Projektarbeit umlegen: Auch dort braucht es ein Ziel und ein starkes Controlling in der Umsetzung des Projektplans. Jeder Mitarbeiter muss einen Beitrag leisten, die Umsetzung zu erreichen.

Punkt zwei: Wir – mein Begleiter Kusang Sherpa und ich – waren zwar zu zweit auf dem Gipfel, hatten aber ein Riesenteam hinter uns, das die Besteigung ermöglicht hatte. Es ist wie im Projektgeschäft: Einzelkämpfer werden nicht überleben. Das ist für mich die wichtigste Botschaft und Erkenntnis.

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist Flexibilität. Von dem Plan, spätestens um 22 Uhr in Richtung Gipfel aufzubrechen, hielt uns ein Sturm ab. Um Mitternacht kam die Entscheidung, bei Morgengrauen ins nächstgelegene Hochlager zurück abzusteigen und die Everest-Besteigung im Rahmen dieser Expedition abzubrechen. Wir haben um drei Uhr früh unsere Entscheidung aber revidiert und das Risiko des Aufstiegs bei minus 35 Grad und Schneesturm genommen. Es blieb nicht einmal Zeit, um Schnee für unterwegs zu schmelzen. Man muss auch in Extremsituationen körperlich und mental fähig sein, seinen Plan anzupassen.

Report: Sie sind dieses Risiko in dem Bewusstsein eingegangen, witterungsbedingt jederzeit auch wieder umkehren zu müssen?

Gauß:
Wir haben gewusst, dass wir nach rund drei Stunden Klettern den Gipfelgrat erreichen, mit einem weiteren Weg über mehrere Stunden vor uns. Hätte der Wind bis dahin nicht spürbar nachgelassen, hätten wir abbrechen müssen – bei Windgeschwindigkeiten von 100 km/h und mehr droht der Erfrierungstod. Der Wind hat dann zu unserem Glück tatsächlich um fünf Uhr früh nachgelassen.

Aber es ist schon klar: Der Weg zum Erfolg läuft nicht geradlinig. Dass Tiefschläge kommen, ist gewiss. Man muss aber die Stärke haben, wieder aufzustehen.



Foto: Christoph Gauß, Avanade: »Mit Ehrgeiz und Disziplin lassen sich Berge versetzen – oder zumindest erklimmen. Das lässt sich ­direkt aufs Berufsleben umlegen.«

Report: Was kommt nach der Besteigung? Wie vermeiden Sie jetzt das Tief, dass Everest-Bezwinger oft überkommt?


Gauß:
Es ist wie im Wirtschaftsleben: Wenn eine Sache erfolgreich absolviert ist, sollte man sich gleich fragen: What’s next? Deshalb habe ich mir noch drei der Seven Summits aufgehoben. Der Everest war der schwerste, aber nicht der letzte.

Wenn Sie mich weiterfragen: Es gibt für mich auch danach noch Ziele. Das ist beispielsweise ein besonders schöner Siebentausender in Kirgistan, den man von ganz unten bis zum Gipfel mit Ski besteigen kann. Mein Motto ist: Immer offen bleiben, auch für die Schönheit in dieser Welt.

Report: Sie sind bei Avande für das ERP-Geschäft in Österreich verantwortlich. Was hat Bergsteigen mit ERP zu tun?

Gauß:
Enterprise-Resource-Planning bezeichnet die Aufgabe eines Unternehmens, Ressourcen wie Kapital, Personal, Betriebsmittel, Material, Informations- und Kommunikationstechnik und IT-Systeme im Sinne des Unternehmenszwecks rechtzeitig und bedarfsgerecht zu planen und zu steuern. Auch das Thema Everest muss man übergeordnet planen und ansteuern. Die Kernprozesse dort sind Vorbereitung, Akklimatisierung, Logistik, Gipfelbesteigung und Abstieg. Dabei müssen das passende Material und die richtige Ausrüstung mit möglichst wenig Aufwand ins jeweilige Lager – insgesamt gibt es sechs Camps in verschiedenen Höhen – gelangen. Wenn ich auf 7.000 Meter die Skibrille vergessen habe, hat das Riesenauswirkungen auf das gesamte Projekt. Das wird total unterschätzt.

Auch in einem ERP entscheiden Unternehmen, mit welchen Mitteln sie effizient produzieren können. Zurzeit durchleben viele Firmen disruptive Veränderungen. Es gilt, sich immer schneller anzupassen, um auch auf unvorhergesehene Umweltbedingungen reagieren zu können.


Über das Unternehmen
Avanade ist ein Anbieter von digitalen Services, Business- und Cloud-Lösungen sowie Anwendungen auf Basis des Microsoft-Ökosystems. Weltweit arbeiten 30.000 Menschen in 24 Ländern für das Unternehmen, das 2000 von Accenture und Microsoft gegründet worden ist.

Die Website von Christoph Gauß zur Everest-Besteigung: www.followmeoneverest.com

Last modified onFreitag, 27 Juli 2018 11:39
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