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| Im Dunkel der Seele |
Depression ist eine Volkskrankheit – und dennoch ein Tabu. Die Zahl der Betroffenen steigt jährlich, Hauptgrund: Stress am Arbeitsplatz. 15 Prozent der Erkrankungen enden mit Suizid.
Nicht jeder ist Fußballstar oder Manager. Treffen kann es trotzdem jeden, sprechen will darüber kaum jemand. Der Tod des deutschen Teamtorhüters Robert Enke könnte nun helfen, das Tabu zu brechen. Enke litt an schweren Depressionen und befand sich seit 2003 in psychiatrischer Behandlung. Heimlich, denn eingeweiht waren nur seine Familie und der Trainer. Zur beruflichen Anspannung – seine Engagements beim FC Barcelona und Fenerbahce Istanbul gerieten zum Desaster – kamen private Schicksalsschläge: Seine Tochter Lara kam mit einem schweren Herzfehler zur Welt und starb mit zwei Jahren nach einer Operation im September 2006. Am 10. November 2009 zog der 32-jährige Sportler einen Schlussstrich unter das bedrückende Geheimnis seines Lebens und warf sich vor einen Zug. Massenphänomen Viele von ihnen wissen nach Jahren des Leidens keinen Ausweg mehr: 15 Prozent der Erkrankten nehmen sich im weiteren Verlauf einer Depression das Leben. 90 Prozent der Suizide – allein in Deutschland jährlich mehr als 11.000, die Zahl der Selbstmordversuche wird auf das Zehnfache geschätzt – sind Folge einer psychischen Erkrankung, meist einer Depression. Die Zahl der Suizidopfer in Österreich, Deutschland und der Schweiz liegt konstant deutlich über jener der Verkehrstoten. Doch während die Zahl der Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang durch Aufklärungskampagnen und verkehrspolitische Maßnahmen gesenkt werden konnte, blieben die Suizidraten auf hohem Niveau. Teure Krankheit Auch bei den Gründen für Frühpensionierungen liegen Depressionen an erster Stelle: Während Herz-Kreislauf-Erkrankungen seit Jahren rückläufig sind, scheidet inzwischen fast jeder dritte Frühpensionist wegen psychischer Störungen vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind enorm. Denn bevor Betroffene erwerbsunfähig werden, schlagen sich meist lange Ausfälle zu Buche. »Depression ist weltweit die mit Abstand teuerste Volkskrankheit«, konstatiert der bekannte Arzt und Psychotherapeut Ruediger Dahlke. Trotz der enormen Zuwachsraten ist die Krankheit noch immer stark tabuisiert. Vor allem Männer und Betroffene in Führungspositionen schweigen darüber, werden doch psychische Krankheiten noch immer mit persönlichem Versagen gleichgesetzt. »Von einem Manager, der infolge chronischer Überlastung am Herzen erkrankt, sagt man, er habe sich verausgabt. Wer infolge anhaltender beruflicher oder sozialer Stressfaktoren mit Depressionen reagiert, der wird in der Gesellschaft mitunter sogar als schwach angesehen«, sagt Siegfried Kasper, Professor an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien.
Bereits seit 2007 klangen diesbezüglich Beschwerden durch, freilich ohne Konsequenzen. Bis nun immer mehr Mitarbeiter kapitulierten. Fast ausschließlich Männer konnten die internen Spannungen und den rigiden Umgangston nicht länger ertragen und sprangen aus Bürotürmen, schluckten Schlaftabletten oder strangulierten sich. Die Unternehmensleitung zeigte sich von der dramatischen Häufung von Suiziden kalt und unberührt. »Das ist nicht dramatisch, ich habe Schlimmeres gesehen«, wurde Olivier Barberot, Personalchef der France Télécom, in den Medien zitiert. Firmenboss Didier Lombard spielte die Selbstmordwelle als »PR-Problem« herunter. Erst nach vehementen Appellen des französischen Arbeitsministers und der Gewerkschaft setzte Lombard den Konzernumbau vorläufig aus und heuerte 100 Personalexperten an. Bis Ende des Jahres tourt die Firmenleitung durch Frankreich, um die Probleme der rund 100.000 Mitarbeiter zu erkunden. Führungskräfte sollen künftig besser geschult werden. Es gelte aber nur, so der Télécom-Chef, »kleine Schwächen auszugleichen«. Fluchtverhalten Mit einem feinen Unterschied: Depressionen werden bei Frauen doppelt so häufig diagnostiziert wie bei Männern. Eine typische Frauenkrankheit also? Eher liegt die Vermutung nahe, dass traditionelle Rollenzuschreibungen und nicht stärkere genetische Veranlagungen die Diagnose beeinflussen. Männer geben sich bei psychischen Problemen erfahrungsgemäß seltener in ärztliche Behandlung – und genau das wird ihnen zum Handicap: Dreimal mehr Männer als Frauen sehen keinen Ausweg aus ihrer Depression und wählen den Freitod. »Depressive Männer zeigen im Gegensatz zu Frauen kaum ein Hilfesuchverhalten, sondern viel eher ein Kampf-Flucht-Verhalten«, sagt der Psychiater Kasper. Am Beginn stehen oft Risikosportarten wie Klettern oder Motorradfahren, später kommen destruktive Strategien wie Alkoholmissbrauch, Gewalt oder eben Suizid zum Tragen. Die eigentliche Ursache wird auch von Ärzten oft nicht erkannt, denn viele Betroffene klagen aus Scham und Angst nur über körperliche Beschwerden. Wer möchte schon einen depressiven Betriebsleiter, Vorstand oder Vertriebschef beschäftigen – Positionen, in denen Verantwortung und Kundennähe besonders gefordert sind? »Betroffene lassen sich lieber das siebte EKG machen, als einmal über ihre seelischen Probleme und Ängste zu sprechen«, meint der Therapeut Dahlke. Das Gefühl von Überforderung, Erschöpfungszustände, Leistungsabfall und der Verlust von Lebensfreude sind markante Warnsignale. Burn-out, die klassische Managerkrankheit, trifft vorwiegend leistungsstarke, karrierebewusste Persönlichkeiten und gilt als Vorstufe für Depressionen. Aber auch permanente Unterforderung, Bore-out (vom englischen »boring« = langweilig abgeleitet), kann zu Depressionen führen. Die sozialwissenschaftliche Studie »Die Arbeitslosen von Marienthal« von Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld hat diesen Zusammenhang bereits in den 1920er Jahren erstmals nachgewiesen. Die Schließung einer Textilfabrik in dem kleinen niederösterreichischen Ort stürzte die arbeitslose Bevölkerung damals in tiefe Depressionen. Umstrittene Wirkung Indessen wird intensiv an der Entwicklung und Verbesserung von Psychopharmaka gearbeitet. Neue, vielversprechende Medikamente sollen den Betroffenen Erleichterung bringen. Eine psychotherapeutische Behandlung scheint trotzdem ratsam. Denn trotz der großen Fortschritte in der Forschung sind die Wirkmechanismen der traditionellen Antidepressiva noch teilweise unklar. Ein Drittel der Patienten spricht auf sie nicht an. Bei 50 bis 70 Prozent verbessert sich die Situation, aber bei durchschnittlich 30 bis 40 Prozent funktioniert das auch durch die Einnahme eines Placebos, also eines Scheinmedikaments. Bei leichten Depressionen liegt dieser Prozentsatz noch deutlich höher, in Studien zeigte sich kaum ein Unterschied zwischen Medikamenten und Placebos. Im Vergleich dazu: Bei Schmerzmitteln wirkt der Placebo-Effekt bei etwa der Hälfte der Probanden. »80 Prozent der Menschen, die ihre erste depressive Episode haben, werden selbst dann wieder gesund, wenn sie nur Pepsi-Cola trinken. Aber etwa 20 Prozent werden nicht wieder gesund, sie entwickeln einen chronischen Verlauf der Depression«, sagt James McCullough, Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Virginia Commonwealth University in einem aktuellen Interview mit der Fachzeitschrift Psychologie heute. Die Gründe liegen dann meist in der Kindheit und Jugend und müssen psychotherapeutisch aufgearbeitet werden. Zeit zur Selbstbesinnung In jedem Fall sollte eine leichte depressive Phase bereits als Warnsignal, als Hilferuf der Seele aufgefasst werden. Nach C.G. Jung bietet die Krankheit den Anstoß, »deprimere« (lat. herunterdrücken) im Sinne von »zu sich selbst hinuntersteigen« zu interpretieren, künftig also auf die wahren Bedürfnisse zu achten. Denn hinter der Depression steckt möglicherweise ein Leben, das anders gelebt werden könnte. Die Krankheit eröffnet somit auch die Chance, einen neuen Weg einzuschlagen.
Auf einen Blick: Symptome einer Depression Nach der internationalen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind folgende Symptome als Anzeichen für eine Depression zu werten: > gedrückte Stimmung, mehr als zwei Wochen andauernd > Verminderung von Antrieb, Aktivität und Konzentration > beeinträchtigtes Selbstwertgefühl > Gedanken über eigene Wertlosigkeit > Verlust von Freude und Interesse > ausgeprägte Müdigkeit nach kleinsten Anstrengungen > Schlafstörungen > Appetitlosigkeit > Libidoverlust > Selbstmordgedanken
Zwei bis drei der oben angeführten Symptome sind vorhanden. Der Patient ist davon beeinträchtigt, kann aber berufliche und private Aktivitäten noch weitgehend erfüllen. >>Mittelgradige depressive Episode: Vier oder mehr der Symptome sind vorhanden. Anforderungen können nur noch zeitweise und unter großen Schwierigkeiten bewältigt werden. >>Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome: Typisch sind der Verlust des Selbstwertgefühls sowie Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld. Häufig treten auch Suizidgedanken auf. Ständige Betreuung, ev. ein Klinikaufenthalt sind notwendig. >> Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen: Zusätzlich zu den eben beschriebenen schweren depressiven Merkmalen treten Halluzinationen, Wahnideen und psychomotorische Hemmungen auf. Es besteht Lebensgefahr durch Suizid sowie mangelhafte Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme. |

Depression ist eine Volkskrankheit – und dennoch ein Tabu. Die Zahl der Betroffenen steigt jährlich, Hauptgrund: Stress am Arbeitsplatz. 15 Prozent der Erkrankungen enden mit Suizid.
80 Prozent davon wegen Depressionen. In Österreich sind rund 500.000 Menschen von Depressionen und etwa 900.000 Menschen von chronischen Ängsten betroffen.
Stress als Killer













