Analyse: Boris Johnsons kommunikative Wirkung

Londoner Bürgermeister, Außenminister und jetzt Premier - das ist Boris Johnson, einer der Protagonisten der Brexit-Kampagne. Londoner Bürgermeister, Außenminister und jetzt Premier - das ist Boris Johnson, einer der Protagonisten der Brexit-Kampagne. Foto: Wikimedia/GOV.UK

Ein guter Politiker oder eher ein guter Schauspieler? Bei Boris Johnson scheiden sich die Geister. Dass der britische Premierminister sehr genau weiß, was er tut, zeigt sich beim Blick auf sein Kommunikationsverhalten. Eine Diagnose von dem Kommunikationsexperten Stefan Häseli.

Er wirkt oft etwas fahrig, seine Auftritte sind mitunter sogar skurril: Boris Johnson. Doch neben seinem öffentlich oft plakativen Kampf für den Brexit führt genau das dazu, dass er als Person und somit auch seine Inhalte im Netz millionenfache Verbreitung finden und er regelmäßig in den Medien präsent ist.

Boris Johnson spielt eine Rolle – und diese Rolle spielt er verdammt gut. Absichtlich begibt sich der Politiker in die Rolle des Hofnarren und füllt diesen Part glaubwürdig aus. Ob stets verwuschelte Haare oder exzentrische Kleidung: Das ist ein Kostüm, mit dem sich der Premierminister bewusst als eine Art Paradiesvogel inszeniert.

Fast wie besessen…

Doch warum hat Johnson diese Strategie gewählt, um sich auf der politischen und öffentlichen Bühne darzustellen? So ein Auftreten lenkt von inhaltlichen Fragen ebenso geschickt ab wie die Körpersprache, die bei Johnson fast immer den Eindruck einer beständigen, starken Spannung verbreitet. Im Parlament springt der Premierminister oft auf, rauft sich die Haare. Dann spricht er sehr emotional zu den Menschen, immer mit einer großen Dringlichkeit, die stellenweise fast besessen wirkt. Inhaltlich setzt er dabei in der Regel auf die kurzfristige Pointe, den Witz und die große Geste, ohne die langfristigen Konsequenzen seiner Erklärungen zu bedenken.

So wie bei jedem sehr guten Schauspieler tritt auch Johnson auf – und in dem Moment ist wahrscheinlich vieles von dem, was er zeigt, echt. Wie auf einer Theaterbühne ist seine politische Inszenierung ein Spiel für den Augenblick. Genau das ist offensichtlich das Geheimnis von Johnsons Wirkung: In dem Augenblick, in dem er redet, glaubt er tatsächlich selbst, was er sagt – auch wenn er es eigentlich besser wüsste. Eben deshalb kommt er ungleich authentischer herüber, als viele seiner Kollegen in der Politik.

Ein Kenner der Medienmechanismen

Johnson kann man durchaus Intelligenz quittieren: Er kennt die Mechanismen der Medien sehr genau und weiß sie, für sich zu nutzen. Diese Eigenschaften sind per se nicht schlecht, sie haben Johnson ja auch weit gebracht. Was jedoch in Berufen, die eher auf Repräsentanz ausgelegt sind, wie zum Beispiel der des Londoner Bürgermeisters, ein großer Gewinn für ein Gemeinwesen sein kann, funktioniert in der Position eines Staatenlenkers meistens nur kurzfristig. Denn das ist ähnlich wie in hohen Management-Positionen: Jenseits aller Spielchen erfolgt zum Schluss fast immer die Konfrontation mit einer Realität, die nicht aus Emotionen, sondern aus Fakten besteht.

Das muss für eine Politikerpersönlichkeit wie Johnson nicht unbedingt ein Problem sein. Scheitert er mit dem Brexit ohne Deal im Parlament, tritt er vielleicht einfach ab. Ein solcher Rücktritt wird einen überzeugenden Schauspieler wie Johnson nicht einmal viele Sympathien kosten. Es wäre eine neue Rolle, in die er dann schlüpfen würde – und natürlich macht er das wieder mit entsprechend großer Geste. Ganz abgesehen davon, hat er die Mechanismen harter Verhandlungen durchaus verinnerlicht. Ob sie am Ende des Tages auch erfolgreich sind, werden wir sehen.


Über den Autor
Stefan Häseli ist Kommunikationstrainer, Keynote-Speaker, Moderator und Autor mehrerer Bücher. Er betreibt ein Trainingsunternehmen in der Schweiz. Der Kommunikationsexperte begleitet seit Jahren zahlreiche Unternehmen bis in die höchsten Vorstände von multinationalen Konzernen. Er doziert an Universitäten und Fachhochschulen im Themenfeld Kommunikation. Als Experte nimmt er im Radio und TV-Stationen immer dann Stellung, wenn Kommunikation irgendwo auf der Welt gerade eine entscheidende Rolle spiel, wie beispielsweise die ersten Wochen „Donald Trump“ oder der Blick auf das Kommunikationsverhalten von Greta Thunberg. https://stefan-haeseli.com/

Last modified onDienstag, 03 September 2019 21:55
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