Brückenkopf Wien

Foto: Barbara Rangetiner, Octapharma: »Wir profitieren von dem ausgezeichneten Fachpersonal und dem guten Netzwerk, das Wien bietet.« Foto: Barbara Rangetiner, Octapharma: »Wir profitieren von dem ausgezeichneten Fachpersonal und dem guten Netzwerk, das Wien bietet.« Foto: Octapharma/ APA fotoservice/ Juhasz

Die Bundeshauptstadt ist für internationale Unternehmen interessanter denn je – als Drehscheibe zwischen Ost und West und zunehmend auch als F&E-Hotspot.

Zweifellos waren die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise eine der größten Herausforderungen für den Wiener Arbeitsmarkt. Das starke Bevölkerungswachstum schlug sich in hohen Arbeitslosenraten nieder. Zuletzt sank die Arbeitslosigkeit deutlich, mit 12,3 % ist sie aber im Bundesländervergleich noch immer am höchsten.

Rund 200 größere Industrieunternehmen sind in Wien angesiedelt. Sie steuern ein Viertel der Wiener Wertschöpfung bei und sorgen für mehr als 173.000 Jobs. Eines der Unternehmen, die am Standort Wien festhalten, ist Henkel CEE. Der Düsseldorfer Konzern produziert hier jährlich 270.000 Tonnen Flüssigwaschmittel für ganz Europa. »Wien bietet hervorragend ausgebildete Fachkräfte, eine sehr gute Verwaltung sowie eine hervorragende Lebens- und Umweltqualität. Außerdem ist Wien die Brücke zwischen West- und Osteuropa«, erklärt Birgit Rechberger-Krammer, Präsidentin der Henkel CEE.

Tatsächlich ist diese Brückenkopfposition aktueller denn je. Budapest, Prag und Bratislava konnten Wien nicht wie befürchtet den Rang ablaufen. Im Rennen um eine der EU-Agenturen, für die nach dem Brexit ein neuer Standort benötigt wird, schied Wien frühzeitig aus. Dennoch schlägt sich Wien im internationalen Wettbewerb gut. 2017 ließen sich 191 internationale Unternehmen in der Bundeshauptstadt nieder. »Wien hat es geschafft, sich als Wirtschaftsstandort zu positionieren und den Ruf als reine Kunst- und Kulturstadt abzuschütteln«, sagt
Gerhard Hirczi, Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien.

Zentrum der Forschung

Vor allem durch die boomende Start-up-Szene und die internationale Anerkennung der Universitäten und Forschungszentren gewinnt Wien an Strahlkraft. Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim steckt bis 2021 rund 700 Millionen Euro in eine neue Biotech-Produktionsanlage und schafft dadurch 500 Arbeitsplätze. »Das ist die bisher größte Einzelinvestition unseres Unternehmens«, bekannte Philipp von Lattorff, Chef des Boehringer Regional Center Vienna, dass die Entscheidung für Wien nicht ganz leicht fiel: »Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen von vier Standorten.« Den Ausschlag dürfte letztlich eine Forschungsförderung der Stadt Wien gegeben haben.

Bild oben: 700 Millionen Euro investiert Boehringer Ingelheim in die neue Biotech-Anlage. Wien wird damit der einzige von vier Standorten, der Produkte mittels Mikroorganismen und Zellkulturtechnik herstellt.

Auch Octapharma, seit 1989 in Wien ansässig, baut massiv aus. Im Vorjahr eröffnete die neue F&E-Zentrale, bis 2026 will das Schweizer Familienunternehmen außerdem die Produktionskapazitäten verdoppeln. »Mit dem Standort Wien verbindet uns eine lange Tradition«, sagt Barbara Rangetiner, General Manager der Octapharma Pharmazeutika. »Wir profitieren von dem ausgezeichneten Fachpersonal und dem guten Netzwerk, das Wien bietet.«

Der französische IT-Anbieter Atos siedelte in der Seestadt Aspern, wo in den letzten Jahren ein ganzer Stadtteil entstand, sein Kompetenzzentrum für Industrie 4.0 an. Der Technologiehub beherbergt bereits 18 Unternehmen und Start-ups. Ab Juni 2019 steht ein zusätzliches Gebäude für Produktionsunternehmen bereit. Weitere Schwerpunktgebiete sind die »Vienna Innovation Area« rund um das Siemens Headquarter in Wien-Floridsdorf sowie das Vienna Biocenter am ehemaligen Schlachthofareal St. Marx, das sich als einer der europäischen Top-Player im Bereich Life Science etablierte. F&E-Hotspots wie diese ziehen viele internationale Unternehmen an, die mit modernster Infrastruktur beste Forschungsergebnisse ermöglichen.

Saldo positiv

Generell nimmt der Zuzug von Unternehmen nach Österreich stark zu. Wie eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien belegt, wurden zwischen 2000 und 2017 mehr als doppelt so viele Firmensitze nach Österreich verlegt, als ins Ausland abwanderten. Besonders hohe Mobilität zeigten die Jahre nach der Finanzkrise: 65 % der Abwanderungen sowie 67 % der Zuzüge fanden in diesem Zeitraum statt.

Häufiger sind Umzüge in ein anderes Bundesland. So verließen in den letzten Jahren die Firmen Niemetz und Schlumberger ihre Wiener Stammsitze und übersiedelten nach Niederösterreich bzw. ins Burgenland.

Bei der Verlegung des Headquarters ins Ausland stand für die meisten Unternehmen die Wertschöpfung im Vordergrund. Für Österreich spricht die politische Stabilität, Sicherheit, Mitspracherecht der BürgerInnen, Rechtsstaatlichkeit und Korruptionskontrolle. Absiedlungen erfolgen meist in Länder mit geringerer steuerlicher Belastung für Unternehmen.

»Es zeigt sich deutlich – auch in vielen Gesprächen mit Top-Managern – , dass Österreich und hier allem Wien, ein toller Standort für Unternehmenszentralen ist«, sagt Studienleiter Phillip Nell. Eine Folgestudie zum Einfluss der Digitalisierung bestätigt aber den großen Nachholbedarf an strategischer Planung: Trotz der erwarteten tiefgreifenden Umbrüche gaben 26 % der Befragten an, gut darauf vorbereitet zu sein.

In Bezug auf ihre Größe rechnen die Unternehmenszentralen hingegen kaum mit Veränderungen. Allerdings könnten die Headquarters an Einfluss gewinnen, so Nell: »Wir erwarten, dass viele internationale Unternehmen mit Change-Management-Prozessen und auch firmeninternen Machtkämpfen im Management konfrontiert sein werden.«

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