Frisches Kapital für den Aufschwung

Frisches Kapital für den Aufschwung

Bereits etablierte Unternehmen, bei denen der nächste Wachstumssprung ansteht, hadern häufig mit dem Problem der Weiterfinanzierung. Private-Equity-Gesellschaften bringen Kapitalgeber und -suchende zusammen.

Startups haben zurzeit Hochkonjunktur. Insgesamt 185 Millionen Euro Förderung hat die Bundesregierung für die nächsten drei Jahre veranschlagt, schon heuer sollen 32,2 Millionen direkt in junge, innovative Unternehmen fließen. Eine zündende Idee, ein vernünftiger Businessplan – noch nie war es so leicht, die ersten 50.000 oder 100.000 Euro aufzustellen.

Soll das Geschäft nicht nur auf eigenen Beinen stehen, sondern ins Laufen kommen, wird es schon schwieriger. Für Anschlussfinanzierungen sieht der Markt inzwischen trist aus. Wo sich früher 20 bis 25 Fonds tummelten, sind nur noch wenige Kapitalgesellschaften und eine Handvoll unermüdlicher privater Business Angels aktiv. Jürgen Marchart, Geschäftsführer der AVCO (Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation), spricht gar von einem »Finanzierungsgap«. Die Suche nach Geldgebern treibt viele Unternehmen ins Ausland, noch mehr bleiben jedoch in ihren Wachstumsplänen stecken, weil das Kapital fehlt.  Das seit Jahren stagnierende Investitionsvolumen österreichischer Kapitalgeber beträgt rund 100 Millionen Euro zuzüglich der Investments ausländischer Fonds in Höhe von etwa 200 Millionen Euro. Gemessen am BIP liegt der Anteil in Österreich mit 0,032 % weit unter dem europäischen Schnitt von 0,278 %.

»Wären es wie in Deutschland wenigstens 0,2 % des BIP, hätten wir in Summe ein Investitionsvolumen von einer Milliarde Euro. Dabei liegt auch Deutschland nicht im Europa-Schnitt«, analysiert Peter Mayrhofer, Geschäftsführer der i4g Investment GmbH. Die Kapitalbeteiligungsgesellschaft versteht sich als Drehscheibe für Investoren und heimische, mittelständische Unternehmen. Für institutionelle Anleger legte i4g im Herbst 2015 den österreichischen ALPS250 Industry Fund auf.
»Ausländische Investoren finden österreichische Unternehmen zwar attraktiv, sie halten aber die rechtliche Lage nicht für ausreichend stabil«, sagt Mayrhofer. Big Player wie Banken, Versicherungen und andere institutionelle Anleger dominierten bisher den Markt. Seit 2013 ist gemäß EU-Richtlinie das AIFM-Gesetz für Verwalter alternativer Investmentfonds (Alternative Investment Fund Managers) in Kraft. Bis dato haben nur wenige österreichische Kapitalgesellschaften so wie i4g die AIFM-Konzession beantragt. Steuerliche Anreize für private Anleger, die doch ein erhebliches Risiko bis zum möglichen totalen Kapitalausfall tragen, gibt es so gut wie keine.

Kleine Fische

In Österreich ist der Horizont selbst für etablierte mittelständische Unternehmen seit der Einführung strenger Kreditvergaberichtlinien bei Banken begrenzt. Wegen der rechtlichen Rahmenbedingungen zieht es insbesondere technologielastige Firmen nach London, Deutschland oder in die USA. Dort sind die österreichischen Unternehmen wiederum kleine Fische – benötigen sie oft nur ein, zwei Millionen Euro zum Durchstarten, fängt der Finanzierungslevel im Ausland erst bei zehn Millionen an.

Auch wenn die Startup-Initiative der Regierung allgemein als gut und wichtig befunden wird, zeigt sie doch wenig Weitsicht. Die erhofften 10.000 bis 15.000 neuen Jobs werden kaum in der Frühphase junger Unternehmen – in der Regel Ein- oder Zwei-Personen-Betriebe – zu holen sein. Erst in der Wachstumsphase schaffen die aufstrebenden »Rising Stars« zusätzliche Arbeitsplätze.

Bis dahin ist es mitunter ein weiter Weg. Die frühe Lebensphase eines Unternehmens von der Gründung bis zum Markteintritt wird auch »Early Stage« genannt. Die »Expansion Stage« ist von der Erschließung neuer Märkte gekennzeichnet. In der dritten Phase, der »Later Stage«, steht die weitere Entwicklung des Unternehmens – z.B. Restrukturierung, strategische Neuausrichtung, Börsengang – zur Disposition. Verstärk­ter Finanzierungsbedarf besteht vor allem bei technologielastigen Betrieben, die im Bereich Forschung und Entwicklung hohe Anfangsinvestitionen tätigen müssen. Die Finanzierung mittels Venture Capital rentiert sich nur bei Unternehmen mit großem Wachstumspotenzial.

Mitten in der Expansion steckt derzeit das aus Weibern in Oberösterreich stammende Agrartech-Startup Smartbow, das erst kürzlich eine fünf Millionen Euro schwere Vertriebspartnerschaft mit Zoetis, dem weltweiten Marktführer im Bereich Tiergesundheit, abschließen konnte. Im Zentrum dieses Deals steht eine von Smartbow entwickelte »intelligente« Ohrmarke für Rinder, die gleichzeitig zur offiziellen Tierkennzeichnung und zum Verhaltensmonitoring verwendet werden kann, etwa um Krankheiten oder beginnende Paarungsbereitschaft frühzeitig zu erkennen.

Angebahnt wurde die auf drei Jahre anberaumte Kooperation durch i5invest, deren M&A-Berater Herwig Springer und Johannes Raidl in der Weiterentwicklung und Verbreitung dieses innovativen Produkts noch viel Spielraum sehen: »In Summe sehen wir ein weltweites Potenzial von rund 250 Millionen Milchkühen und einer Milliarde Rinder gesamt, die mit dieser Ohrmarke ausgestattet werden könnten, um den wachsenden Margen- und Professionalisierungsdruck meistern zu können.«

Kapitalgeber greifen den Unternehmen in Form einer Beteiligung finanziell unter die Arme, im Gegenzug wird ihnen ein Mitspracherecht zugesichert. Private-Equity-Beteiligungen enden meist mit einem Exit an der Börse. Eine andere Alternative ist der direkte Verkauf der Unternehmensanteile: So übernahm etwa der heimische Kranhersteller Palfinger im Vorjahr die norwegische Harding-Gruppe, einen der führenden Anbieter von Rettungsausrüstung für maritime Einrichtungen und Schiffe, zu 100 % vom Private-Equity-Fonds Herkules.

Erfolgreiche Nischenplayer

Der Bedarf an alternativen Finanzierungsmöglichkeiten ist groß, wie auch der austria wirtschaftsservice (aws) am vermehrten Zulauf merkt. Die staatliche Förderbank zeichnet für die Abwicklung des Startup-Pakets der Regierung verantwortlich, vergibt Haftungen und Zuschüsse für Gründer und gewährt Kleinkredite. Seit 1. Jänner 2017 ist mit der »aws Risikokapitalprämie« ein Förderprogramm in Kraft, das Beteiligungen von Investoren an innovativen Unternehmen mit bis zu 50.000 Euro unterstützt.

Der aws Mittelstandsfonds begleitet aber auch selbst mit Beteiligungen expandierende Unternehmen auf ihrem Weg in die Internationalisierung. Im Vorjahr erwarb der aws Mittelstandsfonds 40 % der Anteile des Grazer Technologieunternehmens Tectos, das sich in der Automotive-Industrie mit Engineering-Dienstleistungen und Prüfstandtechnik als Nischenplayer gut positionierte und nun Märkte in Asien, Australien und Südamerika ansteuert.

In vielen Fällen macht aws gemeinsame Sache mit anderen Kapitalgesellschaften. Speedinvest, einer der bekanntesten Risikokapitalgeber Österreichs, konzentriert sich mit seinen Venture-Capital-Fonds auf Starthilfe für die »jungen Wilden« und verbuchte in den vergangenen Jahren mehrere hochkarätige Exits.

Eines der erfolgreichsten Investments, die Flohmarkt-App Shpock, wurde 2015 an den norwegischen Medienkonzern Schibsted verkauft. Seine Finger mit im Spiel hatte auch Business Angel Hansi Hansmann, der schon die Runtastic-Übernahme an Adidas einfädelte. Die lukrierten Millionenbeträge – bei der letzten Anteilserhöhung 2015 lag die Bewertung von Shpock bei rund 200 Millionen Euro – fließen umgehend in neue vielversprechende Projekte.


Info: Arten von Beteiligungskapital

1. Frühphasenfinanzierung: In der Seed-Phase werden Produktideen vom Finanzier auf ihre technische und wirtschaftliche Umsetzung geprüft. In der Startup-Phase erstellen Unternehmen Businesspläne, die Produkte werden fertig entwickelt und in die Produktion übergeleitet, erste Marketingaktivitäten laufen an. Die Beteiligungsgeber bewerten die Unternehmensidee nach ihren Marktpotenzialen und unterstützen deren Umsetzung bzw. Verwertung. Sie helfen außerdem bei der strategischen Ausrichtung der Unternehmen, unterstützen ihre Einbindung in unternehmerische Netzwerke und sorgen für die nötige Finanzierungsbasis.

2. Expansionsfinanzierung: Während der vorbörslichen Expansionsphase bauen die Unternehmen bereits etablierte Kundenbeziehungen aus, erschließen neue Märkte und internationalisieren ihre Aktivitäten. Die Beteiligungsgeber helfen beim Aufbau organisatorischer Strukturen, vermitteln internationale Kontakte, unterstützen bei Unternehmenskäufen und decken den steigenden Finanzierungsbedarf. Während der »Later Stage«-Phase helfen sie bei der Vorbereitung des Börsengangs und der geeigneten Platzierung.

3. Management-Buy-Out (MBO) und Management-Buy-In (MBI): ,Etablierte mittelständische Unternehmen sind mit veränderten Marktbedingungen und steigender internationaler Konkurrenz konfrontiert oder stellen sich die Frage der Unternehmensnachfolge. Eine Lösung könnte ein MBO sein, bei dem das Unternehmen von der bestehenden operativen Geschäftsführung gemeinsam mit Private-Equity-Gebern übernommen wird. Eine andere Möglichkeit ist das MBI, bei dem sich ein externes, branchenerfahrenes Management mithilfe von Beteiligungsgebern ins Unternehmen einkauft. Wird das Kapital teilweise von Banken oder anderen Quellen als Fremdkapital zur Verfügung gestellt, spricht man von »leveraged Buy-out bzw. Buy-in«.

4. Mezzaninkapital: Im Wesentlichen handelt es sich um ein nachrangiges Darlehen, ausgestattet mit Optionen auf Gesellschaftsanteile, das eine Stellung zwischen Eigen- und Fremdkapital einnimmt. Es wird als Ergänzung zu Beteiligungsgeschäften in der Expansionsphase und hier oft als Überbrückungsfinanzierung bis zum Börsengang eingesetzt. Der Kapitalgeber hilft, sehr hohen Finanzierungsbedarf zu decken und eine geeignete Finanzierungsstruktur einzurichten, um für Beteiligungs-Exits vorbereitet zu sein.

back to top