China first!

China first!

China befindet sich auf dem Weg zur Weltmacht Nr. 1 – effektiv und konsequent. Die populistische Verzwergung Europas kann indessen nur in eine Sackgasse führen.

Müssen Statistiken immer langweilig sein? Nein! Wenn Sie etwa auf YouTube »Top 10 Country GDP Ranking History (1960–2017)« eingeben, sehen Sie ein dreiminütiges Video mit tanzenden Querbalken. Sie stellen die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern in absoluten Zahlen und in Relation zueinander über knapp ein halbes Jahrhundert dar. Das Wachstum des chinesischen Balkens ist atemberaubend, insbesondere seit China 2001 der WTO beitrat. China ist zweifellos auf dem Weg zur Weltmacht Nummer 1 – sehr effektiv und gar nicht »trumpelhaft«. Die USA, vor allem aber ein uneiniges Europa werden sich »sehr warm anziehen müssen«.

Ein paar besondere »Enabler« dieses exorbitanten Aufschwungs seien hier herausgegriffen: Mao Zedong wollte nach seinem Sieg im Bürgerkrieg 1949 alte konfuzianische Traditionen mit ihrer Orientierung an der Familie und ihrer sittenstrengen Harmonie abschaffen und eine neue kollektivistische Gesellschaft etablieren. Seinen aberwitzigen Vorhaben fielen dabei mehr als 70 Millionen Menschen zum Opfer. Nach seinem Tod wechselte der Fokus von Umerziehung auf Entwicklung und Deng Xiaoping erklärte 1978 das Streben nach Reichtum für jeden zum Staatsziel. Was dabei durchgängig bis heute erhalten blieb, ist der alleinige Machtanspruch der Kommunistischen Partei, die sich ab da dem Turbokapitalismus verschrieb. Dass dabei alles, was George Orwell in seinen dystopischen Romanen »Animal Farm« und »1984« beschrieben hat, auch eingetreten ist, sei in diesem Zusammenhang ebenfalls erwähnt. Besonders »1984« ist mit dem Aufbau einer totalen digitalen Überwachung in Verbindung mit einem äußerst rigiden Sozialpunktesystem in China wohl aktueller denn je.

Als totalitärer Staat ist es wesentlich einfacher, eine alles umspannende nationale Supraplanung durchzusetzen. Dabei wird eine »Mittelpunktaufgabe« definiert, auf die die Führung dann über Jahrzehnte konsequent alle Aktivitäten ausrichtet. Die Allmacht der Partei kann dann auch schon mal eine Million Menschen für ein Staudammprojekt umsiedeln oder Hunderte Milliarden Dollar in die Hand nehmen, um eine »Neue Seidenstraße« samt gewaltiger Auslandsinvestitionen aufzubauen. Undenkbar in demokratischen Strukturen, die davon leben, dass ein Für und Wider offen diskutiert werden kann und es zu regelmäßigen Machtwechseln kommt.

Im Zentrum der westlichen Welt stehen das Individuum und seine Selbstverwirklichung. Im chinesischen Menschenbild ist der Mensch dagegen viel eher Teil eines Netzwerks, das im Zweifel unbedingten Vorrang vor der individuellen Freiheit hat. Zentraler Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Wohl und Ansehen der erweiterten Familie, während Außenstehenden eher misstrauisch und rücksichtslos begegnet wird. Den Umgang mit Zahlen, Auswendiglernen, Drill und beinharten Wettbewerb sind Chinesen seit der Vorschule gewohnt. Gleichzeitig sind sie Weltmeister in »copy & develop«.
China hat eine Bevölkerung von 1,4 Millarden Menschen. Eigentlich sollte es angesichts dieser Fakten glasklar sein, dass der fortschreitende nationalistische »Kantonli-Geist« in Europa nur eine Sackgasse sein kann und letztlich zur Verzwergung Europas führt. Übrigens, im Mai 2019 sind Europawahlen!

Der Autor: Herbert Strobl ist Managementberater und Entwicklungsbegleiter mit den Schwerpunkten Führung, Veränderung und Unternehmenskultur. Er verfügt über 20 Jahre Führungserfahrung in internationalen Konzernen und arbeitet als systemischer Unternehmensberater.

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