"Vieles hat mit Unwissenheit zu tun"

"Vieles hat mit Unwissenheit zu tun"

Die Flucht in die Stadt oder die Flucht in ein anderes Land – beides bringt Herausforderungen auch für den Arbeitsmarkt und Wirtschaftsstandort. Manuela Vollmann, Geschäftsführerin abz*austria, über die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben sowie die Beschäftigung von asylberechtigten Frauen.

(+) plus: Sie haben vor kurzem mit dem Verein abz*austria ein Vierteljahrhundert Bestehen feiern können. Was sind Ihre Schwerpunkte derzeit?

Manuela Vollmann: Ich denke, es ist ein großer Vorteil für uns, dass wir immer schon an der Schnittstelle zur Wirtschaft gearbeitet haben, auch schon mit unserem ersten Projekt vor 25 Jahren. Wir stehen derzeit vor einem enormen Entwicklungsschub, die Themen Gleichstellung und Diversity in der Wirtschaft voranzubringen, hier können wir unsere Erfahrungen aus den letzten 25 Jahren nun sehr gut nutzen. Es gibt Projekte wie den »V/Faktor« – V wie Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben – in denen an Strategien im ländlichen Raum gearbeitet wird.

Fernab der Ballungszentren gibt es viele kleine und mittlere Unternehmen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen und halten wollen. Welche Strukturen brauchen nun diese Betriebe und was wird auch in einer Region dazu benötigt? Wie passt eine Unternehmenskultur – Stichwort Employer Branding – zu flexiblen Arbeitszeiten oder Arbeitsorten und zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf? abz*austria führt dazu nun bis Mitte 2019 das Pilotprojekt, das vom Europäischen Sozialfonds und dem Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz unterstützt wird, im Waldviertel, in der Oststeiermark und in der Obersteiermark West/Leoben durch. Wir entwickeln gemeinsam mit den Partnern BAB Unternehmensberatung und der ÖAR GmbH Lösungen zu Themen wie Mobilität oder Kinderbetreuung – Seite an Seite mit Unternehmen aus diesen Regionen und auch den Gemeinden. Ziel ist, dass die gesamte Region wieder ein attraktiver Standort für die Wirtschaft und für Jobs wird.

Mit dem Hintergrund der Landflucht versuchen wir auch, dass junge Menschen nach einem Studium in Wien oder Graz wieder zurück in diese Regionen gehen wollen. Die Regionen begrüßen das Projekt – wir hatten im Vorfeld des Projekts ein Auswahl- und Bewerbungsprozedere, welche Region in Österreich das Projekt überhaupt bekommt. Die ausgewählten Regionen freuen sich, dass sie dabei sein können und arbeiten gut mit uns zusammen. Wir wollen aber auch einen Mehrwert für andere Regionen in Österreich schaffen, indem wir Erfahrungen sammeln und festhalten, was funktioniert, und was eben auch nicht funktioniert.

(+) plus: Wie können Maßnahmen für eine regionale Stärkung des Arbeitsmarktes konkret aussehen?

Vollmann: Kleinere Betriebe stehen klassisch vor der Herausforderung, zwar mehr Mütter einstellen zu wollen – diese haben aber ein Betreuungsproblem in den Ferien, wenn Schule und Kindergarten geschlossen haben. Hier ist dann die Gemeinde gefragt, etwa das Schulgebäude im Sommer zu beleben oder kleinere Kindergruppen vor Ort zu organisieren. Eventuell haben ja mehrere Unternehmen das gleiche Problem der fehlenden Kinderbetreuung und können dann – mit finanzieller Beteiligung einer Gemeinde – eine gemeinsame Lösung finden. Wir wissen, dass Betreuungsplätze in Kindergruppen durch das zusätzliche Engagement der Eltern meist günstiger als Plätze in öffentlichen Kindergärten sind. In der Stadt funktioniert dieses Modell ja schon sehr gut.

Ein anderes Beispiel ist die Mobilitätsunterstützung von Lehrlingen. Diese sind relativ jung und haben meist noch keinen Führerschein. Auch sie stehen zu Ferienzeiten, abseits regulärer Busintervalle, vor dem Problem, wie sie zu einer Arbeitsstätte fahren können. Sie sehen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein vielschichtiges Thema. Es betrifft nicht nur junge Eltern.

(+) plus: abz*austria engagiert sich auch für Flüchtlinge am Arbeitsmarkt. Worum geht es hier?

Vollmann: In dem Projekt »inclusion@work« haben wir das Onboarding und die Begleitung von asylberechtigten und subsidiär schutzberechtigten Frauen als Thema. Unser Auftrag hier ist nicht die Vermittlung von weiblichen Flüchtlingen, sondern die Unterstützung der Frauen und der Betriebe gleichermaßen durch Inklusions-Assistentinnen. Wir wollen nachhaltige Arbeitsmöglichkeiten schaffen und auch die Investitionen der Unternehmen in diese neuen Arbeitskräfte bestmöglich begleiten. Hier können Tools entwickelt werden, um etwa Hürden bei Sprachbarrieren durch geeignete andere Mittel auszugleichen. Wir sind davon überzeugt, dass Mehrsprachigkeit und Vielfalt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Gewinn für jedes Unternehmen sind.

Mit unserer Beratung, die wir gemeinsam mit der Caritas Wien durchführen, können Unternehmen die Veränderungen am Arbeitsmarkt für sich nutzen, schlummernde Potenziale wecken und auch Fachkräfte gewinnen. Dabei geht es auch um einen Austausch der Unternehmen untereinander und um die Weitergabe von Erfahrungen. Derzeit ist es unsere Aufgabe, 120 interessierte Unternehmen dafür zu begeistern. In Summe bekommen dann 80 Betriebe die kostenlose Möglichkeit der Begleitung von Onboarding-Prozessen. Dies wird derzeit nur in Wien und Niederösterreich angeboten, inkludiert aber auch die Beratung im Falle einer Lehrstelle. Auch dieses Projekt wird über den ESF und das BMASGK finanziert.

(+) plus: Wie offen sind Betriebe überhaupt für Beschäftigung von ­Flüchtlingen?

Vollmann: Leider ist die Lage eher schwierig. Wir finden nur selten offene Arme bei den Unternehmen. Dort, wo Betriebe gewisse »Pain Points« zum Beispiel durch eine hohe Fluktuation beim Personal haben, funktioniert es. Das können Reinigungsunternehmen sein, oder Firmen im Tourismus und in der Gastronomie, aber auch IT-Unternehmen. Sie stellen geflüchtete Frauen am ehesten an. Wir sehen aber ein viel größeres Potenzial.

abz*austria hat von August 2015 bis heute – mit Auslaufen eines Großteils des Volumens im Mai – über Kompetenzchecks mit dem AMS einen guten Überblick über das große Potential der weiblichen Flüchtlinge erhalten, die in Wien nach der Grundversorgung und dem Erhalt des Asylstatus einen A1-Deutschkurs absolvierten und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Wir sehen klar, dass ein Großteil dieser Frauen einfach so schnell wie möglich arbeiten möchte.

Sie wollen keine Mindestsicherung erhalten, sondern ihr eigenes Geld verdienen. Es gibt also eine hohe Motivation und damit auch große Chancen für Betriebe. Häufig werden Frauen aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse auch unterhalb ihrer eigentlichen Qualifikation beschäftigt. Betriebe im Pflegebereich, wo stets Arbeitskräfte gesucht werden, stellen diese Frauen dann als Hilfskräfte an. Hier ist eine Aufgabe für unsere Inklusionsassistenz, auch Möglichkeiten der Weiterqualifizierung oder weitere Stufen einer Ausbildung auszuloten, damit die Frauen auch in qualifizierten Berufen Fuß fassen können.

(+) plus: Grund für die fehlende Offenheit der Betriebe ist wohl der höhere Investitionsbedarf in die Arbeitskräfte.

Vollmann: Man muss schon investieren, aber bekommt auch viel retour und durch unsere Begleitung können wir Unternehmen jetzt auch kostenlos unterstützen. Ich denke, es hat aber auch viel mit Unwissenheit zu tun. Wenn ich täglich in der Zeitung eine Schlagzeile nach der anderen über das sogenannte Flüchtlingsproblem lese, fehlt mir vielleicht etwas der Mut, eine geflüchtete Frau in mein Unternehmen zu holen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht: Wenn die Frauen die Chance bekommen, zu zeigen, mit welcher Motivation und fast schon Ungeduld sie arbeiten wollen, kann das auch festgefahrene Vorurteile aufbrechen. Wir bekommen sehr viel positives Feedback von Unternehmen, die diese Möglichkeiten nutzen.

Klarerweise muss man die Frauen dort abholen, wo sie stehen – wir arbeiten mit sehr gut qualifizierten Frauen etwa aus Syrien und dem Iran, aber etwa auch mit Analphabetinnen aus Afghanistan. Viele Frauen aus dieser Gesellschaft haben ihr Leben lang nur innerhalb ihrer eigenen vier Wände gearbeitet. Wir hatten aber auch schon Beispiele, wo eine Frau seit Jahrzehnten stets die Hochzeitskleider für alle anderen im Dorf genäht hatte. Bis sich herausstellte, welche Kompetenzen sie mitbringt, dauerte es aber etwas. Sie war die perfekte Schneiderin.

Österreich hatte im Vorjahr ein gut dotiertes arbeitsmarktpolitisches Budget wie kaum ein anderes europäisches Land. Klarerweise muss man Kürzungen der Regierung auch in dieser Relation sehen. Gerade der Kompetenzcheck ist aber eine Erfolgsgeschichte für den Arbeitsmarkt und damit für die Unternehmen und die Wirtschaft. Unsere Arbeit orientiert sich an diesem Bedarf.


Über den Verein

Die Arbeit der Non-Profit-Organisation abz*austria begann im Jahr 1992 lokal begrenzt unter dem Namen abz.meidling und wurde in den Folgejahren sukzessive auf ganz Österreich erweitert. ABZ steht Arbeit–Bildung–Zukunft und hat den Fokus auf die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt, in der Wirtschaft und Bildung. Rund 170 MitarbeiterInnen arbeiten in unterschiedlichsten Projekten. Etwa 8.000 Frauen und Männer werden über Programme jährlich unterstützt. Manuela Vollmann teilt sich die gemeinsame Geschäftsführung in einem Top-Sharing-Modell mit Daniela Schallert.

www.abzaustria.at

Last modified onMittwoch, 16 Mai 2018 15:58
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