Thermische Sanierung attraktiver machen

Foto: »Wir sollten alle Vorschriften ergebnisoffen überprüfen und dann entscheiden, was davon wir wirklich brauchen. Wir haben in Österreich einen Hang dazu entwickelt, alles möglichst kompliziert zu gestalten. Das sehe ich sehr kritisch«, sagt Elisabeth Köstinger.   Foto: »Wir sollten alle Vorschriften ergebnisoffen überprüfen und dann entscheiden, was davon wir wirklich brauchen. Wir haben in Österreich einen Hang dazu entwickelt, alles möglichst kompliziert zu gestalten. Das sehe ich sehr kritisch«, sagt Elisabeth Köstinger.  

Im Interview mit Report(+)PLUS spricht Nachhaltigkeitsministerin Elisabeth Köstinger über geplante Maßnahmen, die Sanierungsquote zu erhöhen, die notwendige Evaluierung von Klimaschutzauflagen im Wohnbau und darüber, warum Gebäudedämmung ein Schlüsselfaktor ist.

(+) plus: Laut Koalitionsabkommen zählt es zu den Zielen der Regierung, den »Klimaschutz konsequent voranzutreiben« und »internationale Vorgaben zur Reduktion von Treibhausgasemissionen für Österreich zu erfüllen«. Mit welchen konkreten Maßnahmen sollen diese Ziele erreicht werden?

Elisabeth Köstinger: Seit vielen Jahren ist die Rede von einer Klima- und Energiestrategie. Passiert ist bislang leider nichts. Ich habe das ganz oben auf die Agenda meiner Arbeit und damit auch der Regierung gesetzt. Diese Strategie soll bis zur Jahresmitte fertig und beschlossen sein. Das ist sehr wichtig, weil man ohne gutes Fundament auch kein Haus bauen kann. Wir sehen jetzt, dass die Summe an Einzelmaßnahmen der letzten Jahre nicht zum gewünschten Ziel geführt haben. Deshalb ist ein guter Plan wichtig, den man dann mit Maßnahmen befüllen und abarbeiten kann. Inhaltlich gibt es hier schon viele Ideen. Die Elektromobilität wird ebenso eine große Rolle spielen wie die thermische Sanierung bei Bestandsgebäuden. Wir wollen auch ein »100.000-Dächer«-Programm für Photovoltaik mit Speichermöglichkeit auflegen. Damit gehen wir den Weg zur Energieautarkie aus nachhaltiger Erzeugung Schritt für Schritt weiter. Das Ziel ist: 100 Prozent des heimischen Energiebedarfs aus erneuerbaren Energieträgern herzustellen. Das ist eine gewaltige Aufgabe, aber sie ist schaffbar. 

(+) plus: Der Gebäudesektor, speziell der Gebäudebestand, ist für rund 30 % der CO2-Emissionen verantwortlich. Dennoch wurde in den letzten Jahren die Dotierung des Sanierungsscheck zur Förderung der thermischen Sanierung laufend reduziert, zuletzt auf 40 Millionen Euro. Planen Sie eine Weiterführung der Aktion und soll die Dotierung, wie ursprünglich bereits geplant, wieder erhöht werden?

Köstinger: Es ist zu früh, um jetzt schon konkrete Zahlen zu nennen. Klar ist, dass wir thermische Sanierung attraktiver machen müssen. Es kann nicht sein, dass ein Neubau auf der grünen Wiese finanziell attraktiver ist als die Sanierung eines alten Hauses im Ortskern. Hier gibt es sicher Handlungsbedarf. Wir müssen aber auch in der Bewusstseinsbildung dorthin kommen, dass den Menschen klar wird, dass eine thermische Sanierung in erster Linie ja ihnen selbst hilft, weil sie sich enorme Kosten sparen. Die Mobilisierung von Eigenkapital ist ein wichtiger Schlüssel. Jeder muss verstehen, dass es auch an seinem eigenen Verhalten liegt, ob Klimaschutz gelingt. Das ist nicht allein ein Regierungsprojekt, sondern ein nationales Anliegen, das jeden direkt und persönlich betrifft und wo jeder mithelfen kann.
 
(+) plus: Im Regierungsübereinkommen ist auch die Rede von einer »weiteren Förderung der Wärmedämmung und thermischen Sanierung« bei gleichzeitiger »Evaluierung der Klimaschutzauflagen im Wohnbau«. Was genau ist darunter zu verstehen? Ist das nicht ein Widerspruch?

Köstinger: Das ist kein Widerspruch, weil es hier um verschiedene Dinge geht. Das eine ist die Dämmung und Sanierung bei bestehenden Gebäuden. Wir sollten eine Sanierungsquote von drei Prozent pro Jahr haben. Tatsächlich liegen wir bei unter einem Prozent. Die Sanierung und Dämmung von Bestandsliegenschaften ist ein Schlüsselfaktor. Hier müssen wir etwas tun, um diese Quote wieder zu steigern. Mit »Evaluierung von Klimaschutzauflagen im Wohnbau« sind die Richtlinien für den Neubau generell gemeint. Hier schießen wir da oder dort übers Ziel hinaus, denn die Auflagen sind inzwischen gewaltig. Da stellt sich schon die Frage, ob das in einem Verhältnis zum erzielten Erfolg und vor allem zu den steigenden Kos­ten steht. Wir müssen ja auch darauf schauen, dass Wohnen für die Menschen leistbar bleibt. Wir sollten diese Vorschriften ergebnisoffen überprüfen und dann entscheiden, was davon wir wirklich brauchen. Das gilt im Übrigen für fast alle Gesetzesmaterien. Wir haben in Österreich einen Hang dazu entwickelt, alles möglichst kompliziert zu gestalten. Das sehe ich sehr kritisch. 

(+) plus: Welche neuen, zusätzlichen Ideen und Überlegungen gibt es aktuell, um den CO2-Ausstoß im Gebäudesektor zu reduzieren?

Köstinger: Wie schon erwähnt, es geht in erster Linie um die Sanierungsquote. Das ist das wichtigste Ziel. Natürlich müssen wir mittelfristig auch weg von fossilen Energieträgern. Ich glaube nicht, dass Ölheizungen eine große Zukunft haben werden. Aber auch bei erneuerbaren Energieträgern wie etwa bei Hackschnitzel- oder Pelletssystemen kommt es zu Emissionen. Am besten ist daher die Energie, die man erst gar nicht braucht. Dämmung, Sanierung und niedriger Energieverbrauch sind im Gebäudesektor die Schlüsselfaktoren. Dazu kommt, dass jedes Gebäude ein kleines Kraftwerk werden sollte. Die Technologien für die Speicherung von Strom entwickeln sich jeden Monat merkbar weiter. Je mehr Häuser den Strom, den sie benötigen, auch selbst erzeugen, desto besser ist das für das Klima. Und dem einzelnen Haushalt bringt das finanzielle Vorteile.  

(+) plus: Im Regierungsprogramm heißt es unter »Energie«, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz betreffend Gebäudesanierung mit einem Bekenntnis zu den jährlichen Direktförderungsprogrammen erfolgt. Ist mit neuen Förderprogrammen zu rechnen?

Köstinger: Ich habe eine andere Herangehensweise. Zuerst müssen wir überlegen und entscheiden, wohin wir wollen und mit welchen Methoden und Technologien. Erst dann sollte man darüber reden, mit welchen Fördermaßnahmen man das sinnvoll begleiten kann. Ich bin dagegen, dass Verhaltensänderungen ausschließlich auf Förderungen aufbauen und beruhen. Wir müssen die Menschen überzeugen. Wer den Sinn einer Maßnahme nicht sieht, der wird sie nicht in Angriff nehmen, mit oder ohne Förderung.

(+) plus:  Stichwort »Green Jobs«: Ihr Ministerium will Arbeitsplätze im Umweltsektor forcieren. Wo sehen Sie das größte Potenzial?

Köstinger: Es gibt inzwischen keinen Bereich mehr, in dem keine Green Jobs möglich sind. Das ist in meinem Ressort so, aber auch in jedem Unternehmen. Green Jobs sind das beste Beispiel, dass ein nachhaltiger Umgang mit der Umwelt und eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung Hand in Hand gehen können. Insgesamt ist der Bereich der Umwelttechnik, in all seinen Ausformungen, ein großer Zukunftsmarkt. Hier gilt es weiterhin mit innovativen Ideen vorne dabei zu sein. Wenn es um einen Beitrag zum Umweltschutz geht, ist aber auch der Bereich des flexiblen Arbeitsplatzes ein interessantes Thema. Es muss nicht jeder immer im Büro sitzen, viele Dinge können Menschen – wenn sie das wollen und es möglich ist – auch im Home-Office erledigen, das spart wiederum viele Verkehrswege.

(+) plus: Was sind aus Ihrer Sicht die kurzfristig wichtigsten Maßnahmen, die – ministerienübergreifend – gesetzt werden müssen, damit Österreich die Ziele des Pariser Abkommens erreicht?

Köstinger: Diese Maßnahmen werden wir in der Klima- und Energiestrategie aufbereiten. Klar ist, Klimaschutz kann nur gelingen, wenn alle mithelfen. Ich bin daher in sehr enger Zusammenarbeit mit Verkehrsminister Norbert Hofer, denn nur gemeinsam können wir da etwas bewegen.

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