»Den Druck hab ich mir immer selbst gemacht«

Foto: "Ich bin ja eine Rampensau und in der Szene als »Mr. Craft Beer« bekannt. Das hängt mir noch ein bisschen nach.", sagt Michael Klemsch. Foto: "Ich bin ja eine Rampensau und in der Szene als »Mr. Craft Beer« bekannt. Das hängt mir noch ein bisschen nach.", sagt Michael Klemsch.

Michael Klemsch arbeitete als DJ, veranstaltete Luftgitarre-Bewerbe, gewann eine TV-Quizshow und erfand das Craft Bier Fest. Seine sehr persönliche Seite zeigt der Food- und Reisejournalist in seinem Buch zum Thema Übergewicht: Vom Ziel, sich zu »halbieren«, also 100 Kilo abzunehmen, hat er sich inzwischen verabschiedet – und eine neue Lebenserkenntnis gewonnen.

(+) plus:  Welche Rolle spielt Bier in Ihrem Leben?

Michael Klemsch: Ich kenne alle Seiten des Bier-Business. Es begleitet mich seit meinem 18. Lebensjahr. Eigentlich kam ich von der Musik zum Bier: Ich hatte das Vergnügen, die Leningrad Cowboys auf ihrer Tour zu begleiten. Die Band brachte ihr Bier mit eigenem Logo mit und ich übernahm den Vertrieb für Österreich. Das war für mich der Einstieg in ein Geschäft, von dem ich anfangs überhaupt keine Ahnung hatte. Ich war aber engagiert und erfolgreich, wodurch einige Leute in der Branche auf mich aufmerksam wurden. Damals kamen gerade die ersten Trendbiere in kleinen Flaschen heraus, die in Discos und auf Partys getrunken wurden. Für das Marketing brauchte man junge, innovative Leute.

(+) plus:  Sie haben für einige Brauereien im Vertrieb gearbeitet. Seit fünf Jahren organisieren Sie das Craft Bier Fest Wien. Inwieweit hat sich das Bierland Österreich gewandelt?

Klemsch: Der Kreis der Produzenten hat sich radikal geändert, die Konsumenten kaum. Bis Mitte der 90er-Jahre fand am österreichischen Biermarkt eine starke Konzentration statt. Die großen Marktgiganten kauften andere Brauereien auf und sperrten sie zu. Früher gab es allein im Innviertel in jeder großen Stadt zwei Brauereien. Von 120 Brauereien blieben nur 60 oder 70 übrig. Die Brau AG und die Steirerbrau fusionierten zur Brau Union, die mehr als 60 Prozent des Marktes diktiert. Das Angebot entwickelte sich in Richtung Einheitsbier. Einer der großen Konzerne füllt heute noch dasselbe Bier unter vier verschiedenen Markennamen ab. Als Gegenpol dazu schob sich in den letzten Jahren die Kleinbrauer-Szene sehr auffällig in den Markt.

(+) plus: Verglichen mit anderen Ländern kam der Craft-Bier-Trend erst relativ spät nach Österreich. Liegt das auch an der starken Dominanz der großen Braukonzerne?

Klemsch: »Craft Beer« kommt aus den USA und hat dann in Europa zunächst in England Fuß gefasst. In Deutschland ist die Idee in Hamburg und Berlin explodiert, bis zu uns hat es noch ein paar Jahre gedauert. Craft-Bier ist eine Gegenbewegung zum industriellen Einheitsbier. In Norddeutschland gab es praktisch nur noch zwei Marken, der Markt war dort tot. Die Biere, die den österreichischen Markt beherrschen, haben aber alle Charakter. Abseits von den Konzernbieren gibt es in jedem Supermarkt noch einige andere gute Marken, die den österreichischen Konsumenten immer glücklich machen konnten.

(+) plus: Sind die österreichischen BiertrinkerInnen konservativ?

Klemsch: Es gibt eine junge Szene, die sehr aufgeschlossen ist. Die Bier-Nerds machen vielleicht vier, fünf Prozent des Marktes aus. Craft-Bier lebt von Qualität, nicht von der Menge. Bis vor einigen Jahren drehte es sich bei den Brauereiverbänden nur darum, wie stark der Bierkonsum wieder gestiegen war. Biertrinker interessiert das nicht. Craft-Bier ist Handwerk und wird nach alten Methoden gebraut. Man ist stolz darauf, klein zu sein. Das Bier schmeckt gut, aber es kostet auch mehr. Ein 0,3-Flascherl bei der 100-Blumen-Brauerei in Atzgersdorf kostet 1,60 Euro. Im Supermarkt gibt’s das Konzernbier ab 40 Cent. Bei diesem Preisgefüge reguliert sich der Markt selbst. Außerdem sind die österreichischen Biertrinker sehr traditionsverbunden und stehen zu »ihrer« Marke – obwohl die meisten Biere eine Blindverkostung nie bestehen würden.

(+) plus: Sie sind auch Chefredakteur des Bier Magazins, das früher 1515 Craft Bier Magazin hieß. Warum die Namensänderung?

Klemsch: 1515 bezog sich auf das Reinheitsgebot von 1516, an das sich der Craft-Bier-Brauer nicht halten will. Thematisch hat sich das Magazin aber ganz anders entwickelt. Die großen Bierkonzerne wie Stiegl und Brau Union brauen inzwischen ebenfalls Craft-Biere. Wo verläuft die Grenze? In Gourmet- oder Lifestyle-Zeitschriften ist Bier bestenfalls ein Randthema. Wir wollen uns breiter aufstellen, aber die spannenderen Themen passieren im Craft-Bier-Bereich. Zu jedem Craft Bier Fest kommen 6.000 bis 8.000 Leute.

(+) plus: Zeigt das nicht auch, dass Craft-Bier am Markt angekommen ist?

Klemsch: Das kann man durchaus so sehen. Die ganze Branche ist der Craft-Bier-Bewegung sehr dankbar. Mit dem Craft Bier Fest haben meine Kollegen und ich mitgeholfen, die Szene zu vernetzen. Die Konzerne können sich im Licht der Kreativen sonnen und stellen dafür die Infrastruktur zur Verfügung. Die Brauer sind ja nicht verfeindet, sie kennen einander zum Teil aus ihrer Ausbildung und tauschen sich aus. Plötzlich ist wieder interessant, wo der Hopfen herkommt. Die Zwettler lassen ihre Lehrlinge ein eigenes Bier samt lustigem Etikett gestalten. Im Kino läuft ein Film über Bier. Das alles reißt die Leute mit.

(+) plus: Neben Ihren Bieraktivitäten und Ihrem Job als Food- und Reisejournalist schreiben Sie einen Blog zum Thema Übergewicht und Abnehmen, aus dem das kürzlich veröffentlichte Buch »Micky halbiert sich (nicht)« hervorging. Wie kam es dazu?

Klemsch: Ich hatte dem Verlag zwei andere Buchprojekte angeboten – einen Bildband und einen Krimi. »Micky halbiert sich« war für mich eigentlich abgehakt. Man riet mir, das Buch doch zu schreiben: nicht als Erfolgsprojekt, aber als wahre und ehrliche Geschichte. Die tausenden Diätratgeber, die es bereits gibt, frustrieren ja nur. Vor allem in Deutschland läuft das Buch sehr gut, obwohl ich nur ein Interview im Stern und einen Auftritt im ZDF-Frühstücksfernsehen hatte. Offenbar können sich viele Menschen in meinen Erfahrungen finden.

(+) plus: Sie waren einmal Quizkandidat im TV, haben als DJ gearbeitet und Wettbewerbe im Luftgitarrespielen und Handyweitwurf veranstaltet. Als Teilnehmer einer TV-Show haben Sie 60 Kilo abgenommen. Ist die Öffentlichkeit Ihr Antrieb?

Klemsch: Zum ersten Mal habe ich das in der ATV-Show »Du bist, was du isst« ­gespielt. Ich begann mit 200 Kilo und wusste, die Sendung läuft in einem halben Jahr im Fernsehen. Dort werde ich in der Unterhose beim Abwiegen gezeigt und mich dafür genieren. Aber ich wusste fix, dass ich es schaffe, bis dahin viel abzunehmen. Das war mein Antrieb. Natürlich ist das pervers. Da jammere ich, dass ich mich nicht ins Schwimmbad traue, wo mich vielleicht 120 Leute sehen, und dann lasse ich mich vom ORF für »Bewusst gesund« bei der Aquagymnastik mit der Unterwasserkamera filmen. Unvorteilhafter geht es nicht mehr, aber da ist es mir wurscht. Es ist ja erstaunlich, wie viele Menschen diese Sendungen sehen. Jedes Mal, wenn ich über den Naschmarkt ging, wurde ich angesprochen – leider meist von älteren Leuten, nicht von Brooke-Shields-Wesen.

(+) plus: Haben Sie das Mediengeschäft von einer anderen Seite kennengelernt?

Klemsch: Natürlich wird man bloßgestellt, aber ich wusste ungefähr, was bei einem Privatsender auf mich zukommt. Ich fand es schon sehr interessant, wie Reality-TV produziert wird. Viele Zuseher glaubten ja tatsächlich, dass ich zwei Monate von der Ernährungsberaterin Sasha Walleczek begleitet wurde, sie mich in der Früh aufgeweckt und mit mir das Frühstück zubereitet hat. Ich habe sie nur viermal gesehen. Zuerst kam überhaupt das Kamerateam allein, filmte mich als Dicken und sagte: »So, jetzt kannst du abnehmen. Wir kommen in drei Wochen wieder.« Den Druck habe ich mir aber selbst gemacht: Vor 400.000 Leuten wollte ich nicht als einer dastehen, der es nicht geschafft hat. Für mich allein funktioniert das nicht.

(+) plus: Das 2010 im Blog gesteckte Ziel, sich zu halbieren, also unter 100 Kilo zu kommen, haben Sie nicht erreicht. Aus jedem Scheitern lernt man, heißt es. Welche Erkenntnis haben Sie gewonnen?

Klemsch: Obwohl ich während der TV-Show 60 Kilo abnehmen konnte, hatte ich bald wieder 200 Kilo. Da kam mir die Idee für den Blog – das Feedback war enorm.  Ich bekam sogar Briefe aus dem Ausland.

Das Thema Abnehmen begleitet mich noch immer. Ich bin sehr sensibel veranlagt. Da brauchen nur ein, zwei negative Ereignisse zusammentreffen und schon falle ich in die alten Ernährungsrituale zurück. Gute Freunde haben mir geraten, in Zukunft etwas liebevoller mit mir umzugehen. Wenn’s mir besser geht, nehme ich auch wieder ab. Halbieren werde ich mich nicht mehr. Aber 120 Kilo, das wär’ schon schön.

(+) plus: Sie beschreiben auf sehr persönliche Weise Ihre Alltagserfahrungen. Braucht man als dicker Mensch auch eine dicke Haut?

Klemsch: Nein, aber es gibt viele Menschen, die eine dicke Haut brauchen und dadurch dick werden. Ich weiß von vielen Adipositas-Kranken, dass sie sich aus verschiedenen Gründen eine Schutzhülle anfressen und sich immer mehr von der Umwelt abschotten. Viele bewundern meine Offenheit. Ich spreche in meinem Buch auch sehr intime Probleme an, z.B. wie Liebe und Sex auch mit 180 Kilo funktionieren können. Manchen ist das vielleicht zu offen.

(+) plus: Welche Rolle spielt die Psyche beim Abnehmen?

Klemsch: Ich habe eine viersemestrige Ausbildung zum Ernährungsvorsorge-Coach absolviert. Man fühlt sich wie ein kettenrauchender Arzt. Ich weiß, wie es geht, aber mache es nicht. Es ist ja kein Problem, Spaghetti Carbonara zu essen. Aber müssen es drei Teller sein? Wofür steht der zweite Teller, wofür der dritte?

Meine Maßlosigkeit zeigt sich auch in der Arbeit. Ich habe einen 50-Stunden-Job und bin nebenbei grüner Bezirksrat in Wien-Liesing, schreibe ein Buch oder eigentlich drei gleichzeitig. Die Arbeit ist auch eine Flucht.

(+) plus: Plagt Sie das schlechte Gewissen, z.B. wenn Sie zu Verkostungen eingeladen werden?

Klemsch: Ich bin sehr streng zu mir, vor allem im Nachhinein. Ich bin ja eine Rampensau und war in der Szene als »Mr. Craft Beer« bekannt. Das hängt mir noch ein bisschen nach, weil ich seit einiger Zeit kaum Alkohol trinke, aber noch immer viele Einladungen bekomme. Ich habe meinen Konsum sehr eingeschränkt. Früher dachte ich immer, ich muss überall dabei sein. Das muss ich gar nicht.

 

Zur Person

Michael Klemsch, Jahrgang 1967, wuchs in Wien auf. Nach einigen Jahren in der Chemie- und Gartenbaubranche arbeitete er im Vertrieb mehrerer Brauereien und als DJ, veranstaltete Events wie Luftgitarren- und Handyweitwurfbewerbe und holte die finnische Band Leningrad Cowboys und deren eigene Biermarke nach Österreich. Seit 14 Jahren ist Klemsch als Medienarbeiter tätig, organisiert Nachhaltigkeitsmessen und Craft-Bier-Festivals und ist Chefredakteur der Zeitschriften Bier Magazin und Bioküche Österreich. Er ist diplomierter Ernährungsvorsorge-Coach und schreibt seit 2010 den Blog »Micky halbiert sich« (www.mickyhalbiertsich.com). Sein Buch »Micky halbiert sich (nicht). Der ewige Kampf mit den Kilos und den Emotionen« (ISBN: 978-3-218-01170-9) erschien im Frühjahr 2019 im Verlag Kremayr & Scheriau.

Last modified onDienstag, 03 September 2019 09:13
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