Die Zügel weitergeben

Foto: 80 % der österreichischen Unternehmen befinden sich in Familienbesitz. Nur noch die Hälfte findet jedoch einen Nachfolger in der Familie. Foto: 80 % der österreichischen Unternehmen befinden sich in Familienbesitz. Nur noch die Hälfte findet jedoch einen Nachfolger in der Familie.

Die Betriebsübergabe ist für jedes Unternehmen eine kritische Phase – egal ob sie innerhalb der Familie oder an Außenstehende erfolgt. Die rechtlichen und wirtschaftlichen Regelungen sind dabei nur eine Seite, die persönliche Ebene geht oft noch tiefer.

Gedanken über die Nachfolge in der Unternehmensleitung verschieben viele Eigentümer auf einen unbestimmten Zeitpunkt – »wenn es so weit ist«. Doch Unfälle oder schwere Krankheiten kündigen sich selten vorher an. Ist es »so weit«, könnte es gleichzeitig »zu spät« sein für eine geordnete Übergabe. Selbst wenn kein Unglück eintritt, stehen noch im Pensionsalter viele UnternehmerInnen ohne Nachfolger da. Strukturierte Planung sieht anders aus. Während ein besonnener Firmenchef sonst jede Entscheidung mit Weitblick trifft, wird ausgerechnet der Weiterbestand des aufgebauten Unternehmens dem Zufall überlassen. Ein Patentrezept gibt es nicht. Doch wird rechtzeitig mit der Planung begonnen, verläuft die Nachfolge in der Regel reibungsloser.

Die liebe Familie

In Österreich befinden sich mehr als 80 % der Unternehmen in Familienbesitz. Während früher rund drei Viertel einen Nachfolger in der Familie fanden, gelingt dies mittlerweile nur noch der Hälfte aller Familienbetriebe. Die Kinder wollen nicht mehr in die Fußstapfen der Eltern treten, sondern schlagen oft einen ganz anderen Weg ein. Die Elterngeneration ist somit gezwungen, ihr Lebenswerk an einen externen Nachfolger zu verkaufen. »Die Kunst ist dabei, den richtigen Käufer zu finden: jemanden, der bereit ist, das eigene Lebenswerk fortzuführen und dafür einen ordentlichen Preis zu zahlen«, umreißt Josef Rumpl, Partner bei Uniconsult Corporate Finance, die Problematik.

Bild oben: Theresa Ludwiger-List (re.) holte mit Gabriela Zraunig und Ursula Leinemann zwei familienfremde Führungskräfte ins Management der List GC.

Aber unabhängig davon, ob die Nachfolge in der Familie erfolgt oder in einen Verkauf des Unternehmens mündet – die Übergabe ist meist eine sehr emotionale Angelegenheit. Spezialisierte Experten stehen den Eigentümern deshalb nicht nur bei betriebswirtschaftlichen Fragen, sondern auch bei strategischen Entscheidungen und zwischenmenschlichen Aspekten beratend zur Seite.

»Eine Betriebsübergabe ist sehr komplex. Es muss genügend Zeit eingeplant werden, um einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen«, sagt Wolfgang Reiger, Obmann der Fachgruppe Unternehmensberatung und Informationstechnologie (UBIT) der Wirtschaftskammer Salzburg. Jede Unternehmensnachfolge ist individuell zu bewerten, nicht zuletzt aufgrund der persönlichen Konstellation. Dennoch gibt es eine Reihe von Punkten, die es in jedem Fall zu klären gilt. Ein externer Experte kann bei allfälligen Konflikten zudem eine neutrale Position einnehmen und den Weg zu einer versöhnlichen Lösung ebnen.

Drei Interessen gilt es hier zu berücksichtigen: Eigentümern, die das Unternehmen mit viel Herzblut selbst aufgebaut haben, fällt das Loslassen verständlicherweise nicht immer leicht. Nachfolger, die neue Pläne verwirklichen wollen, fühlen sich in ihrer Tatkraft mitunter gebremst. Nicht zuletzt müssen aber strukturelle Veränderungen an Geschäftspartner, Lieferanten und Kunden so kommuniziert werden, dass diese weiterhin auf verlässliche, professionelle Geschäftsbeziehungen vertrauen.

Werte festgeschrieben

Auch in der Unternehmensgruppe List GC, einem Hersteller luxuriöser Innenausstattungen für Yachten, wurden in den vergangenen Jahren die Weichen neu gestellt. Das niederösterreichische Unternehmen entwickelte sich aus einer 1950 von Franz List senior gegründeten Tischlerei mit Sitz in Bad Erlach. Seit 2016 leitet Theresa Ludwiger-List den Familienbetrieb in dritter Generation. Sie startete mit 26 Jahren in der Tourismus-Division und wechselte 2009 ins Management-Team der List General Contractor.

Das Unternehmen wächst seither kontinuierlich, die Anzahl der Beschäftigten stieg innerhalb der letzten fünf Jahre von 71 auf 230. Vor kurzem holte Theresa Ludwiger-List mit der Betriebswirtin Gabriela Zraunig und der Qualitätsmanagerin Ursula Leinemann zwei familienfremde Managerinnen ins Führungsteam.  Ein Familienkodex, der unter partizipativer Beteiligung aller Familienmitglieder erstellt wird, schreibt die strategische Grundausrichtung, Leitbilder und Werte fest, die der Eigentümerfamilie wichtig sind.

»Familienunternehmen verändern sich von Generation zu Generation. Die zentrale Frage ist: Was nehmen wir uns für die Zukunft mit?«, sagt Ludwiger-List. »Ich bin überzeugt, dass der Familienkodex eine sehr gute Basis für diesen Change-Prozess ist.«

Das Bankhaus Carl Spängler begleitet seit 15 Jahren Familienunternehmen in Übergabeprozessen. Der »Governance Kodex«, in dem die Familie gemeinsame Werte und Ziele in einem Regelwerk schriftlich festhält, bringt Klarheit, einen strategischen Rahmen über die weitere Entwicklung, wirtschaftliche Stabilität sowie Sicherheit in kritischen Situationen. Überdies hat sich der in der Regel in langen Diskussionen erarbeitete Konsens zur Prävention von Konflikten bestens bewährt, wie Elisabeth Kastler, Geschäftsführerin der Spängler M&A GmbH, weiß: »Unterschiedliche Erwartungshaltungen spielen eine Rolle, wenn man sich über die strategische Ausrichtung nicht einig wird. Das wirkt sich auf die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens aus: Wichtige Investitionen werden nicht getätigt, die anfängliche Motivation wechselt in Frustration.«

Auch in einer Studie wurde die positive Wirkung des Familienkodex bestätigt. Gemeinsam mit dem Bankhaus Spängler nahm Joshua Consulting Unternehmen unter die Lupe, die bereits über mehrere Generationen bestehen. Unabhängig vom Führungsmodell oder der Unternehmensgröße wurden drei Erfolgsfaktoren identifiziert: das Bewahren der Werte in einem Familienkodex, die Regelung der Nachfolge und die strategische Planung. 38 % der befragten Unternehmen haben alle drei Instrumente im Einsatz, 47 % mindestens zwei.

Nachfolger in Aussicht

Bei 68 % der Studienteilnehmer steht innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Übergabe bevor, wobei drei Viertel bereits einen Nachfolger in Aussicht haben. Trotzdem unterschätzen viele Betroffenen erfahrungsgemäß die Dauer und den Kommunikationsaufwand einer Übergabe. Das rächt sich, wenn das Schicksal einen Strich durch die Rechnung macht.

Sebastian Hilscher hatte gerade sein Studium abgeschlossen, als sein Vater einen Schlaganfall erlitt. Statt der geplanten Weltreise lag sein Lebensmittelpunkt plötzlich in Attnang-Puchheim. Zeit für Überlegungen blieb nicht – es galt wirtschaftlichen Schaden abzuwenden und Verantwortung für die Mitarbeiter zu tragen. Die Overtec GmbH, 1978 von Nikolaus Hilscher gegründet, war im Kerngeschäft lange auf den Dämmstoffhandel konzentriert und etablierte sich nach und nach mit der Entwicklung von patentierten Fertigteilen für die Bauindustrie. Die freie Handhabe durch die Erkrankung des Vaters nützte der Junior-Chef für umfangreiche Modernisierungen.

Der eigentliche Übergabeprozess, inklusive einiger Vater-Sohn-Konflikte, begann erst nach der Genesung von Nikolaus Hilscher. Dieser stand den Expansionsplänen seines Sohnes anfangs skeptisch gegenüber, ließ sich aber schließlich überzeugen. Umgekehrt schätzt Sebastian inzwischen Wissen und Erfahrung des Vaters – die Zeit, als er glaubte, alles besser zu wissen, ist vorbei.

Bild oben: Durch die plötzliche Erkrankung von Nikolaus Hilscher musste Sohn Sebastian überraschend die Leitung der Overtec GmbH übernehmen. Der eigentliche Übergabeprozess begann erst nach der Genesung des Vaters.

»Mein Vater wollte übergeben. Wir waren noch gar nicht so weit«, erzählt Erich Polz, wie es Ende der 1980er-Jahre zu der Übergabe des Weinguts an ihn und seine Brüder – Walter ist Miteigentümer, Reinhold fungiert als Geschäftsführer – kam. Die Eltern hatten aus gutem Grund keine Bedenken: Der südsteirische Betrieb heimste in den vergangenen Jahren zahlreiche internationale Auszeichnungen ein. Für das Hochzeitsdinner der schwedischen Prinzessin Madeleine lieferte das Weingut Polz 160 Großflaschen Sauvignon Blanc an das Königshaus.

Nun ist mit Erichs Sohn Christoph, der im Sommer 2011 die Funktion des Winemakers übernahm, bereits die vierte Generation an Bord. Auch für ihn steht die Fortführung der Familientradition an oberster Stelle: »Unser Gedanke ist es, langfristig eine qualitative Wertsteigerung der natürlichen Gegebenheiten zu erzielen und nicht das Ausschlachten in einer Generation. Die Rebstöcke am Hochgrassnitzberg sind zwischen 1985 und 1986 gesetzt worden. Ich zehre immer noch davon. Wenn ich jetzt neue Rebstöcke setze, hoffe ich, dass in 30 Jahren jemand anderer davon zehren kann.«

Unterstützung von außen

Gerade wenn der Betrieb ohnehin in der Familie bleiben soll, gehen alle Beteiligten meist von einer problemlosen Übergabe aus. Das Gegenteil ist der Fall: Erhebungen des deutschen NachfolgerForums BMS zufolge sind etwa Probleme bei der Finanzierung die Ausnahme. Unterschiedliche Vorstellungen über die künftige Ausrichtung des Unternehmens, strukturelle Veränderungen, die weitere Mitarbeit des Übergebers im Betrieb sowie fehlendes Vertrauen in die Nachfolger bergen hingegen jede Menge Konfliktpotenzial.

Bild oben: Erich, Christoph und Walter Polz (v.li.) führen die Familientradition des Weinguts Polz in der Südsteiermark fort.

»Gewiefte Unternehmer, die eine Firma ihr Leben lang erfolgreich aufbauen, sammeln viele wertvolle Erfahrungen – aber häufig fehlt ihnen die entscheidende Erfahrung der Firmenübergabe an die nächste Generation«, sagt BWS-Leiter Peter Hertweck. Unter diesem Aspekt betrachtet macht sich die Einbindung von Übergabeexperten nicht nur bei Nachfolgelösungen mit Dritten, sondern gerade auch innerhalb von Familien bezahlt.  Im Falle der legendären Malzzuckerl »Kirstein-Blockmalz« erwies sich die Familientradition leider als weniger tragfähig.

Mit 78 Jahren bemüht sich heute Wilhelm Kirstein, das Erbe seines Urgroßvaters vor dem Vergessen zu bewahren. Ludwig Kirstein, gelernter Konditor, hatte vor 140 Jahren erstmals Zuckerl hergestellt. Sein Sohn Emil errichtete 1912 in Wien für die Erzeugung eine der modernsten Fabriken Europas und machte das dunkle Milchzuckerl – auch als »bewährte Hustenhilfe« beworben – weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Als Emil Kirstein, ein leidenschaftlicher Geschäftsmann, starb, war sein Enkel Wilhelm Anfang 30 und hatte durchaus große Pläne. Der Vater hielt davon nichts und verkaufte sämtliche Anteile und Markenrechte an den Grazer Konkurrenten Englhofer. »Ich wurde vor vollendete Tatsachen gestellt«, erinnert sich Wilhelm Kirstein mit Wehmut.

Bild oben: Knapp die Hälfte der Unternehmen hält sowohl Umsatz als auch Anzahl der Beschäftigten stabil. Jedes zehnte Familienunternehmen befindet sich in der Phase vor der Übergabe.

Das beliebte Blockmalz verschwand nach Übernahme durch Nestlé und später Storck aus den Regalen. Nach einer langen internationalen Managerkarriere in der Industrie holte sich Wilhelm Kirstein 2017 die Markenrechte zurück. Ein bayerischer Familienbetrieb produziert die Zuckerl, der Vertrieb erfolgt über Salzburg Schokolade. Einige hundert Händler nahmen Blockmalz ins Sortiment auf. Damit die Erfolgsgeschichte nicht wieder ein jähes Ende findet, sucht »Öster­reichs ältester Jungunternehmer«, wie ihn Der Standard titulierte, dringend Partner oder Nachfolger. Kirsteins eigene Kinder schätzen zwar sein Engagement – in seine Fußstapfen treten möchten sie jedoch nicht.


Fragen an den/die Übergeber

- Wann wollen Sie sich zurückziehen?
- Wen wünschen Sie sich als Nachfolger?
- Soll das Unternehmen in der Familie bleiben oder an Dritte übergeben werden?
- Haben Sie Vertrauen in ihre/seine Führungsqualitäten?
- Sind Sie bereit, Ihr Wissen weiterzugeben?
- Möchten Sie nach der Übergabe weiter im Unternehmen tätig sein?
- Ist Ihre Altersvorsorge gesichert?

Fragen an den/die Nachfolger

- Fühlen Sie sich in der Lage, das Unternehmen zu leiten?
- Ist Ihre Familie mit der Übernahme einverstanden?
- Ist das Unternehmertum Ihre Berufung?
- Bringen Sie fachliche, wirtschaft-liche und soziale Kompetenzen mit?
- Sind Sie mit der finanziellen Situation des Betriebes vertraut?
- Vertrauen Ihnen die MitarbeiterInnen?
- Sind Sie bereit, zu lernen und Eigenkritik zu üben?


Möglichkeiten der Übergabe

-Schenkung
- Übertragung gegen Rente
- Übertragung gegen Fruchtgenuss oder Wohnrecht
- Übertragung durch gesetzliche Erbfolge oder Testament
- Übertragung eines Mitunternehmer- oder Kapitalanteils
- Verkauf
- Umgründung
- Verpachtung
- Betriebsaufgabe

 

 

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