Rekordbilanz mit Schönheitsfehler

Foto: Zerkleinerungsmaschinen des Familien-unternehmens Untha Shredding aus Kuchl gehen zu 90 % in den Export. Foto: Zerkleinerungsmaschinen des Familien-unternehmens Untha Shredding aus Kuchl gehen zu 90 % in den Export. Foto: Untha Shredding

Österreich Exportwirtschaft lebt seit dem Vorjahr spürbar auf. Allerdings steigen auch die Importe massiv an – seit 2015 hat sich das Defizit in der Außenhandelsbilanz verdreifacht. Die schwelenden Konflikte zwischen den USA, China, Russland und der EU könnten einen Dämpfer bringen.

2017 war ein gutes Jahr für Österreichs Exportwirtschaft. Die heimischen Ausfuhren sind gegenüber 2016 auf knapp 142 Milliarden Euro gewachsen, das entspricht einem Plus von 8,2 %. Allerdings stiegen gleichzeitig die Einfuhren (plus 8,8 %) noch etwas stärker. Das Loch in der Außenhandelsbilanz weitete sich somit auf 5,6 Milliarden Euro aus. Vor allem bei agrarischen Rohstoffen und Halbfabrikaten für die Weiterverarbeitung ist Öster­reich auf Importe angewiesen. Das betrifft nicht nur Südfrüchte, Kakao, Kaffee oder exotische Gewürze, sondern Waren, die sich in nahezu jedem Haushalt finden wie etwa Haselnüsse, Reis oder Fisch. Der Bedarf an pflanzlichen Ölen kann laut Statistik Austria nur zu 31 % aus heimischem Anbau gedeckt werden, bei Obst liegt der Grad der Eigenversorgung gar nur bei 27 %.

Harald Mahrer, Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, bereitet das kein Kopfzerbrechen (siehe Interview). Tatsächlich steht die heimische Wirtschaft auf festen Beinen. Die positive Konjunkturentwicklung macht sich erfreulich bemerkbar. Lediglich der Handel mit der Türkei und Großbritannien fiel aus der Reihe. Erdogans Machtgehabe sorgt offenbar für Unbehagen, auch der Brexit wirft seinen Schatten voraus: Sogar die Importe (minus 8,5 %) aus dem Vereinigten Königreich brachen empfindlich ein.

Mit der prognostizierten Abschwächung der Konjunktur könnte der flotte Höhenflug ohnehin schon bald gebremst werden. Mit rund drei Prozent Wachstum dürfte der Höhepunkt bereits überschritten sein, 2019 dürfte sich das BIP bei einem Plus von zwei Prozent einpendeln. »Handelspolitische Risiken« und »merklich abwärtsgerichtete Prognoserisiken« sehen die Wirtschaftsforscher des IHS, »erhöhte Unsicherheiten über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Ausland« nannte das Wifo zuletzt als Gründe für die schwindende Dynamik.Österreich bewegt sich hier in Einklang mit der Weltkonjunktur. »Bereits die Sorge über eine mögliche Eskalation des Handelskonflikts, etwa zwischen den USA und China, könnte die weltweite Investitionsbereitschaft dämpfen«, sagt IHS-Chef Martin Kocher.

Ausgebremst

Die angedrohte drastische Anhebung der Zölle auf europäische Autos konnte EU-Präsident Jean-Claude Juncker in einem persönlichen Treffen mit Donald Trump im Juli zwar verhindern, angesichts der Unberechenbarkeit des amerikanischen Präsidenten ist die momentane Ruhe mit Vorbehalt zu genießen. Immerhin sind die USA Österreichs­ zweitwichtigster Exportpartner, gestützt durch die heimische Kfz-Zuliefererbetriebe. 55 % der österreichischen Lieferungen in die USA entfallen auf Maschinen und Fahrzeuge. Strafzölle oder andere Handelsbarrieren für die Autoindustrie würden durch den Umweg über Deutschland auch Österreich betreffen.  Etwas stabiler gestalten sich die österreichisch-russischen Beziehungen: Entspannung ist nicht erst seit Putins Besuchen in Österreich angesagt. Nach einem Durchhänger infolge der EU-Sanktionen zog das Russland-Geschäft bereits im Vorjahr wieder deutlich an. Russland zählt seit einem Jahrzehnt stets zu den 20 wichtigsten Handelspartnern Österreichs. Vorwiegend Maschinen, Fahrzeuge und chemische Erzeugnisse kommen aus rot-weiß-roter Produktion nach Russland.

Bild oben: Das steirische Unternehmen Wollsdorf Leder Schmidt & Co. erzeugt Spezial-leder für Autos, Flugzeuge und Schiffe.

Im Bereich Technologie gibt es noch besonders viel Luft nach oben. Mit einer Exportquote von 14 % liegt Österreich hier unter dem europäischen Mittelfeld. Die Außenwirtschaft Austria forciert deshalb als »Innovationsagentur« Kooperationen österreichischer Unternehmen mit internationalen Forschungseinrichtungen.

Blick nach Afrika

Generell könnte die heimische Exportwirtschaft ruhig breiter aufgestellt sein. 80 % der Ausfuhren gehen nach Europa. Mehr als die Hälfte des Außenhandels wickelte Österreich im Vorjahr mit nur fünf Partnerländern ab: Deutschland, USA, Italien, Frankreich und Schweiz. Importe kommen vorwiegend aus Deutschland, Italien, China, der Schweiz und der Tschechischen Republik.

Während die ganze Welt nach China und die USA schaut, könnte sich beispielsweise ein Blick nach Afrika durchaus lohnen: Märkte, die nicht sofort in den Fokus fallen. Mangels Infrastruktur ist Afrika dabei, einzelne Technologiestufen zu überspringen, und etabliert sich nebenbei als Testregion für Innovationen. So ist Kenia führend bei FinTech-Anwendungen. In Ruanda entstand bereits vor Jahren der erste Drohnenflugplatz, um entlegene Gebiete zu versorgen. Rudolf Thaler, Afrika-Experte der Außenwirtschaft Austria in der WKO, verweist auf die immensen Marktchancen und will Vorurteile abbauen: »Es gilt, die teilweise bestehende Scheu vor unserem Nachbarkon­tinent zu nehmen, über den bei uns noch viele Klischees bestehen.« Mehr als eine Milliarde Menschen leben in den 54 Ländern des schwarzen Kontinents. Die österreichischen Exporte belaufen sich jedoch auf nur knapp ein Viertel der Exporte, die in die kleine Schweiz gehen.

Dennoch gibt es eine ganze Reihe österreichischer Unternehmen, die hier bereits erfolgreich tätig sind. Eine dieser rot-weiß-roten Erfolgsgeschichten ist Alpla. Der Vorarlberger Technologieführer in der Kunststoff- und Verpackungstechnik hat u.a. durch die Übernahme des afrikanischen Marktführers Boxmore Packaging innerhalb von drei Jahren 19 Produktionsstätten und zwei Standorte aufgebaut. »Es ist vernünftig, mit Joint-Venture-Partnern und Unternehmenszukauf samt Kundenstock in den afrikanischen Markt einzusteigen, denn ein lokaler Partner bringt Marktkenntnis und das Netzwerk ein«, umreißt Alpla-Marketingchef Dominic Fiel die Expansionsstrategie des Unternehmens.  Für Skidata, Weltmarktführer für Zutrittssysteme und Parkraummanagement, wurde die Fußball-WM 2010 in Südafrika zum Türöffner. Bereits 1993 hatte das Salzburger Unternehmen den Tafelberg mit Liftzugangskontrollen ausgerüs­tet. Im Auftrag der FIFA stattete man alle WM-Stadien mit Zugangssystemen aus. Skidata ist inzwischen in Südafrika mit einer eigenen Firma vertreten; die lokalen Partner in Nigeria, Gabun, Kenia und Angola werden von Österreich aus betreut. »Jetzt besteht die Chance, den afrikanischen Markt mitzuentwickeln und zu gestalten«, erklärt Chief Sales Officer Robert Weiskopf.

Kleine Exportkaiser

Unter den Bundesländern stellt Oberösterreich – getragen von der starken Zuliefererindustrie und dem Flaggschiff Voest – mit einem Viertel der Ausfuhren den Löwenanteil. Die Exportquote des Leondinger Feuerwehrausstatter Rosenbauer liegt bei 93 %. Für Vorstandsvorsitzenden Dieter Siegel war der Außenhandel stetige Triebfeder für Innovationen: »Ohne Exporte hätten sich viele technische Neuerungen nicht gerechnet und wären damit unmöglich gewesen.«

Im Schatten der großen Leitbetriebe Österreichs wachsen viele heimische Unternehmen fast unbemerkt zu wahren Exportkaisern heran. Unter den erfolgreichsten Exporteuren des Landes findet sich auch das Kuchler Familienunternehmen Untha Shredding. Der Hersteller von Zerkleinerungsmaschinen setzt auf höchste Qualität und ein lückenloses Servicenetz. Die Produktpalette reicht von Zerkleinerungsmaschinen für Altholz, Metall und Kunststoff über Abfallaufbereitungsanlagen bis zu speziellen Anwendungsbereichen wie Krankenhausabfällen. 90 % der Produktion gehen in den Export – vorwiegend in die EU, aber auch in die USA. »Die Themen Umweltschutz und Recycling zählen sicher nicht zu Trumps Steckenpferden«, hält Untha-Geschäftsführer Alois Kitzberger Auswirkungen auf das USA-Geschäft durchaus für möglich.

Auch die Kärntner Tischlerei Mandler in Greifenburg, Spezialist für exklusive Yacht- und Hoteleinrichtungen, erzielt 95 % des Umsatzes im Ausland. Der steirische Lederproduzent Wollsdorf Leder Schmidt & Co. verzeichnete im Vorjahr 43 % Umsatzwachstum. Erzeugt werden Spezialleder für Autos, Flugzeuge, Boot und Bahn sowie hochwertiges Interieur. Wollsdorf betreibt Vertriebsniederlassungen in den USA, Hongkong, China und Australien. 90 % der Produkte werden exportiert. Die Expansionspläne gehen weiter: Zu Jahresbeginn wurden bereits 130 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgenommen. In der hauseigenen Wollsdorf Leather Academy können alle Beschäftigten ihre persönliche Weiterentwicklung vorantreiben und im Konzern neue Tätigkeitsbereiche übernehmen.

Das mittelständische Unternehmen ist keineswegs eine Ausnahme in der österreichischen Exportstatistik. 98 % der Exportunternehmen sind Klein- und Mittelunternehmen, rund ein Drittel sogar Kleinstbetrieben zuzurechnen. »Freihandel und offene Märk­te nützen insbesondere auch dem Mittelstand«, spricht sich Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck deshalb für den Abschluss weiterer Handelsabkommen aus. 

Last modified onFreitag, 05 Oktober 2018 11:44
back to top