Augen zu und durch

Augen zu und durch Foto: Thinkstock

Man muss nicht alles wissen. Man muss nicht alles sehen, hören und lesen. Das neue Biedermeier lockt.

Draußen scheint die Sonne, die Blüten sind gerade erst von den Bäumen herabgeflattert wie bunte Kitschschmetterlinge und der sanfte Duft des Frühsommers liegt in der Luft. Nein, ich hab nicht gelesen, dass dies der heißeste April aller Zeiten war oder dass ein eisfreier Sommer am Nordpol bevorsteht – ich erfreue mich einfach nur am erwärmten Klima und genieße stattdessen die Tatsache, dass wegen Pestiziden schlappe drei Viertel der Insekten vermutlich unwiederbringlich ausgerottet wurden.

Mal ehrlich: Vermisst die jemand wirklich? Gut, vielleicht die Vögel, aber ich muss sagen, mir taugt das einsame, zugegeben etwas melancholische Zwitschern der ebenfalls stark dezimierten Amseln weitaus mehr als der frühere lautstarke Vogelchor – weniger ist manchmal eben mehr. Nein, auch die Aussicht auf höhere Mieten im Altbau oder auf ultraflexible 12-Stunden-Tage bei gleichem, seit Ewigkeiten stagnierenden Lohn kann mir die Laune nicht verderben, denn ich verrat Ihnen ein Geheimnis: Ich lebe im Moment! Jawohl, die Vergangenheit ist unveränderbar, die Zukunft ist ungewiss!  Vor allem, weil ich statt mich zu ärgern einfach noch ein Packerl mehr am Tag rauche – das ist die Freiheit, die wir meinen! Und ja, unsere Digitalisierungsministerin hat schon recht, wenn sie uns daran erinnert, dass dank Telekommunikationssegnungen wie Videotelefonie wir unsere Kinder auf dem zukünftig läppische 90 Minuten pro Tag längeren zumutbaren Arbeitsweg trotzdem sehen, aber viel weniger wickeln müssen – Win-win, würde ich sagen!

Gut, dass sich wegen kindischer Fehden im Staatsschutz leider langjährige Geheimdienstkooperationen mit ausländischen Diensten zerschlagen, mag zwar bedauerlich sein, aber mal ehrlich: Mir ist das wurscht, immerhin ist aus dem Ausland selten was Gutes gekommen, stimmt’s oder hab ich recht? Als Tierfreund wiegt die Vorfreude auf schneidige Reiterpolizei mit blitzenden Säbeln derartige Hoppalas locker auf.


Und überhaupt: Was immer für ein Aufruhr gemacht wird wegen kleinster Meinungsänderungen! Dass sich etwa zu komplexen Themen wie CETA schon mal auch trotz nur oberflächlicher Beschäftigung damit die Standpunkte um schlanke 180 Grad ändern könne, ficht doch einen wie mich nicht wirklich an – was glauben S’, wie oft ich schon nicht gewusst hab, ob ich ein Seiterl oder doch lieber ein Krügerl bestellen soll! Nichts Menschliches ist mir fremd! Deshalb muss man sich doch nicht so aufpudeln!
Auch das mit dem Antisemitismus: Bitte, schaun Sie, da waren wir alle noch nicht auf der Welt, wie die angeblich den Jesus – also von mir aus: Schwamm drüber! Stattdessen schauen Sie, dieser Frühsommer, diese lächelnden Leistungsträger und Erben, diese Aufbruchsstimmung, diese angenehme Stille am Ballhausplatz und dieser … puh, na servas, ok, der Geruch, also, ich sag’s Ihnen: ICH war das jetzt nicht, bitte! Wie bitte: Ach so, ja, haha, stimmt, das war’s, genau: Die Veränderung hat begonnen. 

Können wir vielleicht das Fenster kurz aufmachen? Nein? Ok.

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