Facehuch!

Facehuch! Foto: Thinkstock

Ein börsennotierter US-Konzern, der alle unsere Daten hat, ist nicht unser Freund? Damit konnte keiner rechnen. Eine Anklage von Rainer Sigl.

Nein, ich weiß, was Sie jetzt sagen wollen: Klar sind wir umgeben von Datenkraken, natürlich sind wir längst gläserne Bürger und sowieso wissen die da oben längst, was wir da unten denken, reden und machen. Unser Doktor schickt unsere Leberwerte an die Sozialversicherung, unser Navi führt besser Fahrtenbuch als unsere Steuererklärung und dank meiner drölfzig Kundenkarten haben ungezählte Handelsketten digitale Zwillinge von mir, die eigentlich genauso gut statt mir einkaufen gehen könnten. Aber dass jetzt ausgerechnet Facebook unser Vertrauen so missbraucht, ist doch ein harter Schlag.

Wer, bitte, rechnet denn damit, dass eine Datenbank, die ich über die Jahre penibel mit den Namen aller meiner Verwandten, Freunde, Bekannten, Kindergarten-, Schul- und Unikollegen und deren Fotos gefüttert habe, mich jetzt so in eine Schublade steckt? Wer glaubt denn, dass aus einer Antwortsammlung all der Dutzenden ulkigen Persönlichkeitstests, die ich aus Langeweile im Lauf der Jahre gemacht habe, irgendwelche voreiligen Schlüsse über mich gezogen werden? Wer kommt denn auf die Idee, dass sich irgendwelche kranken Konzerne, Parteien oder Milliardäre für die geschätzt 72.351 Dinge, Zeitungsmeldungen und Postings interessieren könnten, die ich so im letzten Jahr geliket habe?

Ja, ganz toll, schönen Dank auch – dass Sie mir jetzt mit »Im Internet ist man nicht anonym« und »Wenn etwas nix kostet, bezahlt man mit seinen Daten« und »Ich hab’s schon immer gesagt« kommen, ist wirklich maximal unhilfreich – was soll ich denn bitte machen? Facebook löschen? Wie so ein Neandertaler? Wieso reiß ich dann nicht gleich die Stromleitungen und Wasserrohre aus der Wand, verheiz den Parkettboden im Wohnzimmer und selch die Meerschweinderl? Ich mein: Nur weil sich ein Werkzeug so fundamental gegen das Funktionieren unserer Gesellschaft, unserer Demokratie und unserer individuellen psychischen Gesundheit richtet, muss es ja noch lang nicht ganz schlecht sein, oder?!?

Bitte, es ist nun mal so: Wir leben in einer Informationsgesellschaft, und da gehört ein bisschen Offenheit schließlich dazu, ja? Und Vertrauen! Ich mein, gut, ich schenke meinetwegen einem gesichtslosen, von einem offensichtlich emotional gestörten Milliardärsmilchbubi geleiteten weltweiten Konzern einen tiefen Einblick in meine Seele, aber dafür erfahre ich auch immer, wenn wo wer Geburtstag hat oder Flüchtlinge das neue iPhone geschenkt bekommen! Und das vom Staat!

Aber klar, jetzt kommen sie daher, die oberschlauen, ach so coolen Facebook-Verweigerer mit ihren Birkenstockschlapferln. Dann haut’s halt ab! Im Ernst: Ihr seid’s uns ja nur die vielen Freunde neidig. Weil, bei allen Nachteilen von Facebook: Freunde sind halt trotzdem das Wichtigste im Leben. So ab 500 Stück, mein ich.

Und außerdem: Ich hab nix zu verbergen. Also: Nicht mehr.

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