Europas Energiedilemma wird immer größer

Foto:  Kalt und warm: Intensive Diskussionen über die Perspektiven der Gaswirtschaft gab es bei der European Gas Conference in Wien. Foto: Kalt und warm: Intensive Diskussionen über die Perspektiven der Gaswirtschaft gab es bei der European Gas Conference in Wien.

Verunsicherung, Ängste und Zukunftssorgen beherrschten die 11. European Gas Conference Ende Jänner in Wien. Die Gasbranche ist auf der Suche nach einem neuen Platz in der sich stetig und spürbar verändernden Energiewelt. Dazu kommt, dass auch die rechtlichen Rahmenbedingungen im Fluss sind.

Die Erdgasbranche zerbricht sich derzeit den Kopf, wie es mit dem Energieträger Erdgas angesichts der Klimaziele und der weitverbreiteten Euphorie über die Rolle der Erneuerbaren weiter gehen wird beziehungsweise kann. Spürbar war unter den Experten und Managern auch die Tatsache, dass die Energieversorgung generell immer mehr und mehr zum politischen Spielball wird. Was die Gasbranche dabei besonders beklagt: Die Diskussionen um die europäische Energiezukunft lassen Orientierung, Klarheit, Verlässlichkeit und reale Teilziele vermissen.

Die Gaswirtschaft ist bemüht, sich der Herausforderung der Dekarbonisierung – dem Ausstieg aus fossilen Energieträgern – mit zahlreichen Projekten zu stellen, die jahrelang angekündigt, aber bisher nicht wirkungsvoll umgesetzt wurden. Trotz aller schönen Worte fehlen praktische Schritte, die Erdgas attraktiver machen könnten. Denn laut Experten bleibt der umweltfreundlichste fossile Energieträger, nämlich Erdgas, die einzige, vernünftige Alternative zu den Erneuerbaren, die teilweise schon an technische Grenzen stoßen und deren Nutzung  nur mit saftigen Subventionen realisiert werden kann.

Vor dem Hintergrund der sinkenden Gasproduktion in Europa wird das Thema zur Spielwiese europäischer Politik. Während Südwest- und Nordwesteuropa sich zum größten Teil über die europäischen Quellen und LNG (verflüssigtes Erdgas) versorgen und daher wenig abhängig von russischen Gaslieferungen sind, sieht es in Zentral- und Südosteuropa anders aus. Durch das Scheitern des Nabucco-Projekts, das Gas aus dem Iran und dem kaspischen Raum nach Mitteleuropa bringen sollte, ist die angestrebte Diversifikation ins Stocken geraten. Also bleibt als primäre Lieferquelle nur Russland.

Bild oben: Putin-Sonderbeauftragter Viktor Zubkov: russische Gasexporte in die EU höher als je zuvor.

Seit 50 Jahren liefert der russische Konzern Gazprom verlässlich das Gas, trotz politischer Umwälzungen, und das zu wirtschaftlichen Konditionen, beteuerte der für das Gasgeschäft zuständige OMV-Vorstand Manfred Leitner. Von russischer Seite wurde auf der Konferenz argumentiert, dass trotz des verstärkten Einsatzes von erneuerbarer Energie und der vorgegebenen Klimaziele der Bedarf an Erdgas signifikant steigt. So lieferte Gazprom im Jahre 2017 rund 190 Mrd. Kubikmeter nach Europa. Das sind rund 18 Prozent mehr als im Jahr davor. Diese Zahlen nannten Alexander Medvedev, stellvertretender Vorstand von Gazprom, und Viktor Zubkov, der Spezialbeauftragte des russischen Präsidenten Wladimir Putin für die Zusammenarbeit mit dem Forum der Gas-exportierenden Länder.

Wie die beiden Gäste aus Russland ausführten, könne man die Produktion noch weiter hochfahren, sollte die Nachfrage ähnlich zunehmen. Offensichtlich gar keine Freude hat Russland mit der energiepolitischen Wortwahl der EU, die Erdgas immer wieder als Brückentechnologie in eine komplett erneuerbare Zukunft verstanden haben will. Konter aus Moskau: Gas trage maßgeblich zur Reduktion der CO2-Emissionen und zur Verringerung des Klimawandels bei und werde auch künftig diese Rolle übernehmen müssen.

Dauerbrenner Gastransport

Ein weiteres wichtiges Thema war der Dauerbrenner Transport des Gases. Medvedev und Zubkov betonten bei der European Gas Conference, dass das Auslaufen der Transitverträge mit der Ukraine im kommenden Jahr ausschließlich wirtschaftlich begründet und auf den schlechten Zustand der dortigen Pipelines zurückzuführen sei. Die Projekte Turk-Stream und Nord Stream 2 werden laut Zubkov die Versorgungssicherheit Europas weiter verbessern und garantieren, dass das Gas weiterhin zu wettbewerbsfähigen Bedingungen geliefert werden kann. Turk-Stream ist ein internationales Projekt einer Gaspipeline, die auf dem Grund des Schwarzen Meeres von der südrussischen Küstenstadt Anapa in die Türkei  verlegt werden soll. Nord Stream 2 soll die geplante Verdoppelung der Transitkapazitäten von Russland durch die Ostsee parallel zur 2011 eröffneten Gaspipeline Nord Stream ermöglichen.

Die Alternative zu Pipelinegas wäre verflüssigtes Erdgas, das aber derzeit etwa das Vierfache kostet und insbesondere für Zentral- und Südosteuropa technisch und wirtschaftlich aufgrund der geografischen Lage schwer zu argumentieren und zu realisieren ist. In der EU besteht die Hoffnung, sich durch Importe von LNG aus Nordamerika und der Karibik aus der Abhängigkeit von russischen Lieferungen lösen zu können. Daher hätten die USA großes Interesse, den Bau von Nord Stream 2 zu verhindern, zumal die Vereinigten Staaten selbst den Export des durch Fracking gewonnenen Gases auch nach Europa ausbauen wollen. Technisch wäre das ohne Weiteres möglich, da die Kapazitäten in den bestehenden Terminals für die Wiedervergasung des angelieferten Gases derzeit nur zu einem Viertel genutzt werden. Aber die Preise schrecken nach wie vor viele Gashändler und Verteiler, wissen Kenner der Verhältnisse.

Jonathan Stern vom Oxford Institute for Energy Studies glaubt nicht daran, dass die geplante Mega-Pipeline Nord Stream 2 auch tatsächlich errichtet wird. Die Einschätzung ist aus der Sicht von Großbritannien verständlich, da das Land ja vom Projekt nicht betroffen ist. Gegen Sterns Erwartung spricht allerdings, dass die deutschen Behörden am 31. Jänner 2018 den Bau und die Betriebserlaubnis für die geplante Rohrleitung in den deutschen Hoheitsgewässern und das Anlandungsgebiet in Lubmin bei Greifswald genehmigt haben.

Die USA scheuen sich nicht, Sanktionen gegen europäische Unternehmen zu verhängen, die sich an dem Projekt beteiligen, wie die internationale Presse vielfach berichtet. Dies sei im Hinblick auf die Versorgungssicherheit und auf einen autonomen Entscheidungsprozess sowie in der Findung einer nachhaltigen Energiestrategie für die Europäische Union abzulehnen. Eine Verzögerung des Projektes würde die Kosten erheblich erhöhen und führe zu erheblichen Nachteilen für die europäischen Konsumenten. Daran zeige sich auch die Inhomogenität der europäischen Energiepolitik.

Bild oben: Klaus-Dieter Borchardt will umfassend analysieren, ob der Energiebinnenmarkt wie gewünscht funktioniert.

Klaus-Dieter Borchardt, Direktor der EU-Kommission für den internen Energiemarkt, kündigte eine umfassende Analyse an, ob der Energiebinnenmarkt wie gewünscht funktioniert. Dies ist bemerkenswert, da seit rund zwei Dekaden an der Liberalisierung gearbeitet wird und zwischenzeitlich schon einige Adaptierungen an dem teilweise überbordenden Regelwerk vorgenommen wurden. Für 2020 ist eine neue Ausgestaltung des Gasmarktes geplant, kündigte Borchardt an, ohne irgendwelche Details zu nennen. Dennoch: Es gibt ein klares Bekenntnis zu Gas – aber nur unter den Marktregeln, die sich die EU-Kommission selbst gibt.

Die beste energiewirtschaftliche Option für die EU wäre eine Energiepartnerschaft mit Russland, glaubt man in Brüssel. In den nächsten Wochen soll eine Studie über die Integration der russischen und europäischen Gasmärkte präsentiert werden. Laut Europäischer Kommission brächte eine solche Integration den größten volkswirtschaftlichen Nutzen für beide Partner. Eine Umsetzung ist in absehbarer Zeit aber nicht zu erwarten, da der Gasdialog zwischen der EU und Russland derzeit auf Eis liegt, so Borchardt.

Brüssel wird laut Experten jedenfalls die Verantwortung tragen müssen, wenn es mangels realistischer Alternativen zu Versorgungsproblemen kommen sollte. Dabei ist nämlich zu beachten, dass das Erdgasgeschäft naturgemäß ein sehr langfristiges ist. Von der Entdeckung einer Lagerstätte bis zur Förderung und Lieferung vergehen oft bis zu zehn Jahre und mehr. West- und Zentraleuropa haben bereits eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur, während in Ost- und Südosteuropa das Pipelinenetz erhebliche Lücken aufweist. Bisherige Versorgungskrisen haben klar aufgezeigt, dass vor allem in Rumänien, Bulgarien und Serbien, aber auch in Ungarn und Tschechien leistungsstarke Verbindungsleitungen fehlen. Auch wenn es in diesen Ländern nach wie vor eine Reihe von Projekten gibt, wurden diese von den größtenteils sehr westeuropäisch orientierten Teilnehmern der Gaskonferenz nur sehr oberflächlich erwähnt.

Bereits emsig gebaut wird an der TANAP (Trans-Anatolien-Pipeline quer durch die Türkei) und der TAP (Trans- Adria-Pipeline), durch die Gas von der griechisch-türkischen Grenzen nach Italien transportiert werden wird. Ab dem Jahr 2020 soll über die beiden miteinander verbundenen Leitungsprojekte neues Gas aus Aserbaidschan und der kaspischen Region nach Italien und nach Eu­ropa strömen. Aber es gibt Restriktionen für den Export des Gases aus den derzeit erschlossenen Lagerstätten. Neue Projekte sind erst für 2025 geplant.
Billiges Gas wäre aus der Sicht Europas in Turkmenistan verfügbar.

Dazu wäre die Trans-kaspische Pipeline erforderlich, die seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Planungsphase feststeckt. Eine Realisierung gilt als eher unwahrscheinlich, da die rechtliche Lage am Kaspischen Meer zwischen den Anrainerstaaten noch immer ungeklärt ist. Interessantes Detail:  Ägypten hat 2015 den Export von Gas eingestellt, um den stark angestiegenen Eigenverbrauch des Landes am Nil zu decken. Die Aufnahme von Exporten ist in kleinem Ausmaß frühestens ab 2019 vorgesehen. Bleibt die Frage, wohin und wie die Exporte erfolgen sollen.

Alternative LNG?

Ein weiteres wichtiges Thema der 11. European Gas Conference war LNG. Verflüssigtes Gas als Alternative zu russischem Gas – darüber wird in Brüssel und den westeuropäischen Staaten, besonders seit dem Ukraine-Konflikt, verstärkt diskutiert. Die EU verfügt über LNG-Kapazitäten, die 43 Prozent des Gasbedarfs des Union decken könnten. Der Anteil des verflüssigten Gases an den Importen beträgt derzeit aber nur rund zehn Prozent. Die Gründe dafür sind das mangelnde Angebot und die erhebliche Kostendifferenz zum Pipeline-Gas. Die angekündig­te Exportoffensive von US-amerikanischem LNG nach Europa beschränkte sich 2016 auf lediglich drei Schiffe.

Auch künftig werden sich die USA wegen des enormen Eigenbedarfs kaum zu einem bedeutenden Versorger der EU mit LNG etablieren können. Damit bleibt das Thema Diversifizierung der Versorgung schwierig und herausfordernd.

In einem waren sich nahezu alle der über 300 Experten und Manager bei der Konferenz in Wien einig: Erdgas wird in jedem Szenario, welches die EU zur Erreichung ihrer selbstgesteckten Klimaziele und der Dekarbonisierung der Energieversorgung anstrebt, eine entscheidende Rolle einnehmen.

Zum Autor: Otto Musilek ­ist mit seinem Unternehmen MEC Management Energy Consultant als selbstständiger Berater tätig. Er war bis 2007 Geschäftsführer der OMV Gas GmbH und in internationalen Projekten tätig. Musilek hat die Umstellung auf den liberalisierten Energiemarkt aktiv gestaltet und fachlich begleitet.

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