»Das wird schneller gehen, als wir heute denken«

»Das wird schneller gehen, als wir heute denken« Foto: DSAG

Was hat es mit Blockchain tatsächlich auf sich? Wann wird die Technologie in konkrete Business-Modelle gegossen? Diese Fragen hat dem Energie Report Otto Schell, Vorstandsmitglied des Verbands »Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG)«, beantwortet. Schell, im Brotberuf in der Automobilbranche beschäftigt, verantwortet bei der DSAG den Bereich IoT und Business Transformation.

Report: Blockchain soll Erwartungen zufolge künftig einen technischen Untergrund für transparente Prozesse beispielsweise für Transaktionen und Handel aller Art liefern. Ist dies bereits auch ein Thema bei den Unternehmen?

Otto Schell: In Blockchain steckt wie in so vielen anderen neuen Themen vor allem einmal eine sehr große Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten. Es geht hier nicht nur um eine Prozess- oder IT-Sicht, sondern um eine disruptive Wirkung auf sehr viele Bereiche. Die meisten Unternehmen  stecken derzeit aber in völlig anderen Diskussionen, etwa ob nun in die neue SAP-Suite S4 investiert wird. Viele befinden sich beim Thema Blockchain in einer Awareness-Phase, wenngleich es einzelne Vorreiter gibt.

Report: Wo kommen Blockchain-Modelle bereits zum Einsatz?

Schell: Um das zu beantworten, muss man unterscheiden, aus welcher Sicht man Blockchain betrachtet. Wenn wir reine Finanztransaktionen hernehmen, haben wir die großen Netzwerke wie Etherum und Bitcoin. Hier wird Neues in der Finanzwirtschaft geschaffen. In der Prozesswirtschaft dagegen fangen große Strategieberater und Dienstleister sowie auch Softwareunternehmen wie SAP erst an zu erkennen, wie auf Blockchain-Basis Prozesse verändert werden – wie diese ohne Mittelsmänner, ohne zentrale Steuerung und Kontrolle funktionieren können. All diese großen Systemhäuser und Serviceprovider – unter anderem auch die Big-5-Strategieberater – fangen an, Anwendungsfälle zu generieren. So gibt es zum Beispiel für den Lebensmittelbereich erste Beispiele, wie Herstellungs- und Lieferketten authentifizierbar und transparent dokumentiert werden. Da ist dann entlang der gesamten Wertschöpfungskette ersichtlich, dass beispielsweise ein Käse tatsächlich aus einer vorgegebenen Region stammt und nach gewissen Vorgaben produziert worden ist. Einsatzgebiete im öffentlichen Bereich oder Gesundheitswesen sind denkbar, wenn man zum Beispiel an die Krankenversicherungskarte denkt.

Report: Im Energiebereich wird in dem Pilotprojekt Brooklyn Microgrid ein lokaler, unabhängiger Stromhandel auf Blockchain-Basis erprobt. Wo könnte Blockchain-Technologie in der Automobilbranche zum Einsatz kommen?

Schell: Hersteller haben mitunter mit riesigen Papiertürmen aus Stücklisten von Fahrzeugteilen zu tun – die zum Beispiel in den USA ausgedruckt werden, wenn etwas in der Konfiguration geändert wird. Wenn man dies in eine Blockchain geben könnte – nachverfolgbar und unverfälschbar –, kann dieser Ausdruck einfach durch ein Scan-Label ersetzt werden, das dann auf das Blockchain-System referenziert. Überall in der produzierenden Industrie gibt es die Herausforderung einer möglichst einfachen, sicheren Rückverfolgbarkeit von Teilen.

Report: Was ist der Vorteil gegenüber einer zentralisierten Lösung, über die Herkunftsnachweise abrufbar sind? Diese gibt es ja bereits.

Schell: Die Idee von Blockchain ist ein Netzwerk an Knoten, an denen nicht nur die Informationsweitergabe – der Block – geschieht, sondern wo auch sämtliche Daten des Netzwerks gespeichert liegen. Kein Einzelner könnte da etwas rückwärtsgerichtet und verdeckt verändern. Wenn Sie nun beispielsweise viel mit dem Auto unterwegs sind, sich bei Ihnen verschiedenste Coupons von Tankstellen und Raststätten ansammeln, könnten Sie – würden sich die Betreiber partnerschaftlich auf eine Blockchain einigen – den Gutschein der Firma A auch beim Unternehmen B einlösen. Hier wäre ein Vertrauensverhältnis über Unternehmensgrenzen hinweg garantiert, ein Tausch von Leistungen wäre möglich. Solche Modelle könnte man auch ins Leasing übertragen. Dort gibt es schon Überlegungen in diese Richtung.

Report: Ist Blockchain das Internet der Zukunft?

Schell: Ich sehe das Thema in erster Linie einmal aus Prozesssicht. Seit 20 Jahren habe ich in meiner Arbeit mit standardisierten Prozessen und auch mit Prozessbrüchen zu tun. Wie könnte man diese Lücken mit einem Modell einer sicheren Nachverfolgbarkeit schließen? Blockchain kann die Art und Weise, wie wir in einem zukünftigen IoT-Umfeld arbeiten, massiv verändern. Nach außen hin wird es einfacher und transparent – was aber nicht heißt, dass der Aufbau dieser Netzwerke sehr aufwendig ist. Das Internet per se ist keine sichere Umgebung für Geschäftsprozesse. Das könnte man mit dieser Technologie verbessern, auch im Sicherheitsumfeld.

Report: Blockchain-Umgebungen sind von einem immensen Aufwand an Rechnerleistung und damit auch Energie bestimmt. Was ist Ihre Erwartung: Kann das noch technologisch gelöst werden?

Schell: Es gibt derzeit sogar die Diskussion, dass es nicht genug Kühlung in der IT für den Blockchain-Bedarf gibt. Wenn man aber die Entwicklungen bei Sensorik, In-Memory-Computing oder Quanten-Computing verfolgt, sieht man, dass sich da schon einiges tut. Ich bin fest davon überzeugt, dass es in Zukunft Möglichkeiten für stabile und leistbare Infrastrukturen geben wird oder auch Redundanzen gefunden werden.

Report: Wann wird die Technik wirklich bereit für eine breite Anwendung sein?

Schell: Das Thema Blockchain ist bereits gut zehn Jahre alt, jetzt aber überlegen viele sowohl aus Business- als auch aus IT-Sicht, wie man damit Technologie umbauen kann. Blockchain liefert mir ja keine fertige Lösung. Unternehmen werden sich 2018 mit Proof-of-Concepts beschäftigen, ab 2019 wird man dann schon in erste Pilotprojekte gehen. Den Go-Live von Anwendungen sehe ich noch etwas später.

Dieser größere Zeitraum hat einen guten Grund. Im Gegensatz zu einem Digitalisierungsprojekt, in dem etwa Geräte mit Sensoren ausgestattet werden, sprechen wir bei Blockchain von einer völligen Neuerfindung von Prozessketten. Einfach einen Teil in einer bestehenden IT-Landschaft mit einer Blockchain-Komponente zu versehen – das wird nicht funktionieren. Ich rate Unternehmen jedenfalls, sich schon jetzt mit möglichen Strategien dazu zu beschäftigen. Wenn dann die Technologie so weit ist, ist man besser vorbereitet.

Nehmen wir die Standardprozesse rund um einen neuen Personalausweis oder eine Verlängerung. Sie müssen dazu mit Ihren Dokumenten zu einem Amt gehen, brauchen ein neues Foto. Der Ausweis wird gedruckt, Sie leisten eine Unterschrift und das Dokument wird nach einigen Jahren wieder ablaufen. Würde dies auf einer Blockchain basieren, könnte der Ausweis gleich einmal ein Leben lang gültig bleiben. Über die Blockchain wären ja alle historischen Vorgänge nachvollziehbar. Wenn man diesen Gedankengang konsequent weiterdenkt, muss man sich fragen, ob dadurch nicht auch eine Menge manuelle Arbeitsschritte und damit auch Arbeitsplätze ersetzt werden. Das bereitet auch den Banken Sorge: Ihre Rolle als Mittelsmann in Finanztransaktionen könnte in Zukunft nicht mehr relevant sein.

Report: Was fordern Sie vom Softwarehersteller SAP zu diesem Thema?

Schell: SAP unterhält in vielen verschiedenen Lösungsbereichen und zu Branchenthemen sogenannte Advisory Councils gemeinsam mit seinen Kunden. Die DSAG ist hier ebenfalls beteiligt. Hier können Unternehmen ihre Überlegungen und Strategien gegenüber dem Softwarehersteller kundtun, der diese auch in einer Co-Innovation aufgreift.
Mit seiner Plattform Leonardo fasst SAP verschiedenste Komponenten und IoT-Lösungen zusammen. Wenn nun eine Anlage als digitaler Zwilling auch übers Internet verwaltet werden kann und die Aufträge, Arbeiten und Bestätigungen bei Wartungsservices auf einer Blockchain liegen sollen, erwarten wir von SAP, dass diese Möglichkeit zumindest in alle Überlegungen einbezogen werden.

Es ist schon klar, dass Unternehmen nicht von heute auf morgen Strukturen, die über 40 Jahre entstanden sind, über den Haufen werfen. Wenn man aber die Technologie einmal verstanden hat und wenn erste Beispiele für sinnvolle Anwendungen vorliegen – dann wird das schneller gehen, als wir heute denken.


Zur Person: Otto Schell ist seit September 2008 Mitglied des Vorstands der DSAG. Hauptberuflich ist er derzeit als Global Enterprise SAP Business Architect and Head of SAP CCoE bei der Opel Automobile GmbH (PSA Group) beschäftigt.

Last modified onMittwoch, 03 Januar 2018 11:41
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