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Walter Boltz ist Regulator für den heimischen Strom- und Gasmarkt.E-Control-Geschäftsführer Walter Boltz spricht im Report über fehlgeleitete Ökostromaufschläge und muntert Haushalte auf, ihren Energielieferanten zu wechseln.

Report: Jährlich werden bis zu 320 Mio. Euro in die Förderung von Ökostrom investiert. Sie werfen Stromlieferanten vor, daraus Gewinne abzuschöpfen.
Walter Boltz: Wir haben aus einzelnen Rechnungen, die wir in Streitschlichtungsfällen zu Gesicht bekommen hatten, hochgerechnet, dass die ausgewiesenen Ökostrombeiträge den Konsumenten Kosten von 77 Mio. Euro verursachen. Auch die Wettbewerbsbehörde ist zu dem Schluss gekommen, dass es diese Mehrverrechnung gibt – wenn auch nicht in dieser Höhe. Doch hat die Wettbewerbsbehörde dazu keine Durchsetzungskraft gegenüber den Versorgern. Es kann eben nicht gegen alles, was ungehörig ist, gesetzlich vorgegangen werden kann. Befriedigend ist dies trotzdem nicht. Die Firmen spiegeln hier den Kunden vor, mehr Ökostromkosten zu haben, als tatsächlich der Fall ist.

Wie lässt sich dieses Problem dann überhaupt anpacken?
Es gibt aus verschiedenen Gründen Bestrebungen, die Ökostromfinanzierung auf völlig neue Beine zu stellen. Eine Überlegungen wäre, die erhöhten Tarife nicht den Netzbetreibern zwangsweise aufzubürden, sondern alternative Finanzierungsmodelle und Verrechnungsmodelle zu finden. Für die Lieferanten war es so nebenher ja immer auch attraktiv, diese Kosten extra herauszuheben. So haben sie die Verantwortung für die eigenen Preise jemand anderem in die Schuhe schieben können. Denkbar wäre eine neue Finanzierung aus dem Bundesbudget. Die  Ökostromfinanzierung würde hier mit anderen Sonderregelungen konkurrieren, sie müsste sich mit ihnen messen. So könnte dann im Rahmen von Klimaschutzmaßnahmen im Gesamten für Österreich vorgegangen werden – etwa ob es gerade sinnvoller ist, 100 Mio. Euro in die thermische Sanierung oder eben 100 Mio. Euro in den Ökostrom zu stecken. Seine Förderung ist aus Sicht des Klimaschutzes mindestens gleichwertig mit Maßnahmen in der thermischen Sanierung zu sehen. Gerade letztere erzielen ja einen wesentlich höheren Klimaschutzbetrag pro eingesetztem Euro. Leider stehen wir auch vor der Situation, dass die neu eingereichten Ökostromanlagen offenbar immer teurer werden. Die Windkraftbetreiber und andere – sie alle wünschen ja höhere Einspeistarife.

Die Wechselbereitschaft bei Privatkunden ist in Österreich nach wie vor gering. Was sind Ihre Erfahrungen dazu? Haben Sie noch Hoffnung, doch mehr Kunden zum Wechsel ihres Strom- oder Gaslieferanten bewegen zu können?
Durch einen Wechsel des Energielieferanten lassen sich für Haushalte sicherlich keine Riesensummen einsparen, doch stellt sich diese Frage auch nicht bei anderen Themen – etwa wenn etwas im Geschäft eingekauft wird. Dem gegenüber steht aber eine diffuse Angst vor einer Abkehr von dem gewohnten, vertrauten Lieferanten. Vielleicht brauch dies noch Zeit. In anderen Ländern hat die Bereitschaft zu wechseln, zehn bis 15 Jahre gedauert. Oft bedurfte es dazu eines speziellen Ereignisses: So hat die Diskussion um den Vattenfall-Reaktor in Ostdeutschland die Wechselrate in jener Region sprunghaft ansteigen lassen. Der Strompreis selbst hatte sich nicht verändert, doch die öffentliche Diskussion hatte Tausende bewegt, von Vattenfall wegzugehen.
Beim ersten Mal ist die Wechselentscheidung wesentlich härter, als beim zweiten oder dritten Mal. In Ländern in Skandinavien bekommen die Kunden eines Energielieferanten stets zwei Rechnungen – eine für Strom oder Gas und eine für das Netz. Es gibt zwei völlig voneinander getrennte Beziehungen zum Lieferanten und zum Netzbetreiber. Separate Rechnungen, separate Kuverts und noch dazu in verschiedenen Intervallen verschickt, haben beispielsweise in Schweden zu einer Wechselrate von 30 Prozent geführt. Auch leiden wir in Österreich darunter, dass es nicht sehr viele Mitbewerber gibt, die massiv auf Marketing setzen.

Nun, Ökostrom von spezialisierten Anbietern zu beziehen – das wäre doch ein guter Grund für einen Wechsel.
Durchaus – in Holland konnten zu Beginn der Liberalisierung die Haushalte einige Jahre ausschließlich zu Ökostromlieferanten wechseln. Das hatten dann auch 12 bis 14 Prozent getan. Dabei haben die Menschen schnell gemerkt, dass ein Lieferantenwechsel nicht gefährlich oder schmerzhaft ist. Es gäbe auch in Österreich keine unseriösen Stromanbieter, vor denen man sich fürchten müsste. Die alternativen Anbieter, angefangen vom Verbund bis zu den kleineren Diskonttöchtern der Landesenergieversorger – das sind alles grundsolide Unternehmen.

Wie niedrig sind denn die Wechselraten tatsächlich in Österreich?
Bei Strom sind es ein bis eineinhalb Prozent pro Jahr. Bei Gas ist es nochmal um die Hälfte weniger – obwohl dort wesentlich mehr eingespart werden könnte, wenn viel mit Gas geheizt wird.



Zur Person
Walter Boltz ist Geschäftsführer der E-Control GmbH und damit Regulator für den Strom- und Gasmarkt in Österreich. Anfang Mai wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden des Regulierungsrates der neu geschaffenen EU-Energieregulierungsagentur ACER gewählt.


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