Zwischenrufe aus Übersee

Wie ein Europäer den Alltag an der US-amerikanischen Ostküste erlebt.

Breitbart und die Geschichte mit der Kuh

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Das rechte Portal macht aus Nachrichten Propaganda mit einem menschenverachtenden Dreh.

Es hat etwas Masochistisches an sich. Ich weiß. Aber am Morgen nach der jüngsten US-Präsidentenwahl habe ich mir verordnet, jeden Tag breitbart.com zu lesen.

Schließlich war Steve Bannon, der Wahlkampfleiter, der The Donald zu Mr. President machte, Chef des rechten Nachrichtenportals.
Ich hatte Trump nicht kommen sehen und so dachte ich mir, die von Breitbart verstehen etwas, das mir bisher völlig verborgen geblieben ist.

Diese Lesetherapie ist eine wirkliche Übung in Selbstüberwindung, täglich, und ich hoffe, Sie, liebe Leserinnen und Leser, wissen zu schätzen, welche Opfer ich auf mich nehme, um besser zu verstehen, was da in den USA an die Oberfläche gespült wurde.

Wie widerwärtig Breitbart ist, zeigt exemplarisch die am 20. März veröffentlichte Geschichte mit der Kuh – und mit Jose N.
Die Schlagzeile auf breitbart.com lautete: »Sex mit Kuh – Illegaler Einwanderer verhaftet.«

Im Gegensatz zu den rechten Recken verwende ich nicht den vollen Namen des Beschuldigten und auch sein Bild veröffentlichen wir nicht, das hat schon Breitbart gemacht, ganz ohne den bei uns üblichen schwarzen Balken vor den Augen.

Das Nachrichtenportal griff dabei eine zunächst im El Tejano veröffentlichte Meldung auf, derzufolge eine Grenzpatrouille Jose N. bei etwas beobachtet hatte, das aussah wie ein viehischer Liebesakt. Ganz sicher waren die Beamten aber nicht. Jedenfalls wurde Jose angezeigt, bekam vom lokalen Sheriff eine Geldstrafe von 1.500 US-Dollar aufgebrummt und wurde an die Grenzschützer übergeben. El Tejano aus dem Starr County berichtete: »Arrest wegen sexuellen Aktes mit Kuh.«

So weit, so schlüpfrig. Breitbart gab dem Ganzen eine Richtung, die genau in das Propagandaschema passt und outete Jose als illegalen Einwanderer – so, als ob es in der Sache einen Unterschied machte.
Ich kann nur an die große Rede des Bürgerrechtlers Martin Luther King denken, in der er den Tag herbeisehnte, an dem Menschen nicht nach Ihre Hautfarbe und Herkunft beurteilt werden, sondern nach der Stärke ihres Charakters.

Die Hetzer von Breitbart machen genau das Gegenteil und berichten mit Vorliebe von Mord, Totschlag und sonstigen Abartigkeiten, wenn Illegale und Ausländer die Täter sind und stricken weiter an der Mär, dass alles Übel von jenseits der Grenze komme.

Es entspricht einfach nicht den Tatsachen, dass illegale Einwanderer krimineller als US-Staatsbürger wären. Das belegt die Kriminalstatistik. Illegale werden halb so oft von Gerichten für schuldig befunden wie waschechte US-Amerikaner. Besser als die illegalen Einwanderer schneiden nur die legalen Einwanderer ab: Sie sind die gesetzestreueste Gruppe. Dass sie straffällig werden, ist um 86 Prozent weniger wahrscheinlich als bei Einheimischen. Die Zahlen wurden vom liberalen Cato Institut in einer im März 2017 veröffentlichten Studie präsentiert.

Aber wen interessieren Fakten, wenn es nur mehr um das Verbreiten der eigenen Vorurteile geht und darum, Ereignisse für die eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren? Die USA ist dabei, zu einer postfaktischen Gesellschaft zu werden, in der man sich aussuchen kann, welche Fake-News man glauben will: die von den rechten Demagogen oder den linken Ideologen.

Alle sind so versessen, das eigene Weltbild zu malen, dass sie verlernt haben, zu sehen, was Sache ist. Und Menschen – Täter wie Opfer – werden zu Kollateralschäden der diversen Propagandafeldzüge.
Armes Amerika!

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