Zwischenrufe aus Übersee

Wie ein Europäer den Alltag an der US-amerikanischen Ostküste erlebt.

Opiatkrise ungebremst

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72.000 Amerikaner sind im Jahr 2017 an einer Drogenüberdosis gestorben. Die Opiat-Epidemie hat ihren Höhepunkt erreicht.

Der Mann war nicht ansprechbar und rang nach Atem, als die Polizisten Thomas Lagomarsino und Andy Lee in die Wohnung kamen. Er hatte sich eine Überdosis gesetzt. Das erkannten die Beamten, weil sie es schon so oft gesehen hatten. Sie verabreichten ihm Narcan, einen Nasenspray, speziell entwickelt für Opiat-Opfer. Als dann die Notärzte eintrafen, hatte der Mann das Bewusstsein wiedererlangt.

Narcan gehört mittlerweile zur Standardausrüstung der Polizei. Bewusstlose, um ihr Leben ringende Drogensüchtige sind ein allzu gewohntes Bild. Auch für die Polizei in East Liverpool, Ohio, die zu einem ungewöhnlichen Mittel griff. Im September 2016 entdeckten sie Rhonda Pasek und James Accord, bewusstlos durch Opiatkonsum, in ihrem Auto, auf dem Rücksitz befand sich ihr sichtlich geschocktes Enkelkind. Das war selbst den hartgesottenen Offizieren zu viel. Sie stellten die Fotos auf ihre Facebook-Seite, mit der Erklärung: »Wir wissen, dass viele wegen dieser Bilder entsetzt sein werden, das tut uns leid, aber es ist Zeit, dass die Öffentlichkeit erfährt, womit wir täglich zu tun haben.«

Die Bilder lösten eine Welle der Empörung aus und gaben der Epidemie ein Gesicht: das einer bewusstlosen, weißen Großmutter. Oma und Drogen in einem Satz, das passt überhaupt nicht zusammen. Was folgte, waren Schuldzuweisungen an eine Frau, die jedes Verantwortungsbewusstsein verloren und ihren moralischen Kompass über Bord geworfen hatte. Aber auch East Liverpool wurde als Ort der Verzweiflung ausgemacht, in dem es kaum einen Haushalt gibt, der nicht in der einen oder anderen Form Sozialhilfe empfängt. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Stimmung depressiv. Wo sonst könnte eine Oma zum Junkie werden?

Ein Wissenschaftsteam um Janet Currie der Princeton University hat genau diese Frage untersucht: Wurde die Opiat-Epidemie ausgelöst durch die Finanzkrise und ihre Folgen – Arbeitslosigkeit, Armut und Hoffnungslosigkeit?

Currie kommt dabei zu einem überraschenden Ergebnis. Es besteht kein Zusammenhang. Im Gegenteil: Ein Großteil der Süchtigen steht völlig normal im Arbeitsprozess. Sie sind nicht die verarmten Randgruppen, sondern haben etwas anderes gemeinsam: Irgendwann in ihrem Leben hat ihnen ein Arzt Schmerzmittel verschrieben, ganz legal auf Rezept.

»Ein bestimmendes Merkmal der Epidemie des Drogenmissbrauchs ist, dass viele Überdosierungen und Tote direkt auf legale Opiate zurückgeführt werden können, von einem Arzt verordnet«, sagt Currie, Professorin der Wirtschaftswissenschaften und Direktorin des Zentrums für Gesundheit der Uni Princeton.

Wenn man der Epidemie Herr werden will, dann reicht der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit nicht. Der sei zwar gut, aber aussichtsreicher wäre, sich die Verschreibepraxis der Ärzte anzuschauen, weil der Weg zum illegalen Fentanyl nicht beim Dealer, sondern bei den Göttern in Weiß beginne.

72.000 Mal kam jede Hilfe zu spät, 72.000 Menschen starben im Jahr 2017 in den USA an einer Überdosis. Am 24.Oktober 2018 hat Präsident Trump ein von beiden Parteien mit überwältigender Mehrheit unterstütztes Gesetz unterschreiben, das sechs Milliarden Dollar in den kommenden zwei Jahren für die Bekämpfung der Krise vorsieht und hart gegen Dealer vorgeht. Gleichzeitig wird auch massiv in Forschung investiert, um rezeptpflichtige, opiathältige Schmerzmittel zu ersetzen.

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