Zwischenrufe aus Übersee

Wie ein Europäer den Alltag an der US-amerikanischen Ostküste erlebt.

Der lange Marsch

Zu Fuß in eine bessere Zukunft: Latinos begeben sich seit Jahrzehnten auf den langen Marsch nach Norden, um der Armut in ihren Heimatländern zu entkommen.

Javier arbeitet an einer Shell-Tankstelle in Mercer County. Er kommt aus Mexiko und hat die rund 4500 Kilometer von seiner Heimatgemeinde nach New Jersey zu Fuß zurückgelegt.

Er ist illegal in den USA und das schon seit fast 10 Jahren. “Ich bin hierher gekommen, weil sehr viele Mexikaner da sind, und wir unbehelligt hier leben können.„ Meine Kinder gehen hier zur Schule, keiner fragt nach unserem Status.“

Der Bezirk hat eine “Don’t ask, don’t tell“ Regel. Die lokale Polizei, die Schulen, das Gemeindeamt und auch viele Arbeitgeber fragen nicht nach Papieren. Die Unternehmen stellen an, führen die Lohnsteuern und die Sozialversicherung ab und das wars. Vor dem Finanzamt sind die Illegalen legal, vor der Einwanderungsbehörde Gesetzesbrecher. Nur die Immigration and Customs Enforcement (ICE) ist eine Bundesbehörde und die kümmert lokale Behörden wenig.

Rund 200 Städte, darunter Los Angeles, San Francisco, New Haven, Portland, Philadelphia, haben sich ganz offiziell zu Schutzgebieten erklärt. Sie melden keine Illegalen an die Bundesbehörden, sie unterstützen keine Abschiebungen, selbst dann nicht, wenn Illegale mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Jede Stadt hat ihre eigene Polizei, finanziert sie selbst, bestellt den Polizeichef, oft durch direkte Wahlen, und gibt sich selbst die Regeln. Dagegen ist Washington machtlos.

Dabei argumentieren viele der Kommunen sehr pragmatisch. Philadelphia etwa war ein Dorn im Auge, dass früher illegale Einwanderer aus Angst vor Abschiebung sich praktisch nie als Zeugen von Verbrechen gemeldet hätten. Die Angst habe man ihnen genommen und das habe der Aufklärungsrate gut getan.

In Los Angeles gilt seit 1979 die “Special Order 40“, die es dem LAPD (Los Angeles Police Department) verbietet, Verstöße gegen die Einwanderungsgesetze zu ahnden. Viele kleinere Städte haben zwar keine formellen Beschlüsse gefasst, scheinen daher nicht offiziell als Schutzzonen auf, sie folgen aber dieser Praxis.

Geschätzte 350.000 Latinos begeben sich jährlich auf den großen Marsch und sorgen dafür, dass die Population der 11,5 Millionen Illegalen weiter wächst. Washington scheitert genauso wie Brüssel regelmässig daran, in einem großen Wurf das Thema zentral zu bewältigen. Macht aber nichts, weil die amerikanischen Städte zwar keine perfekten aber pragmatische Lösungen finden. Solche, die es Javier ermöglichen seine Familie zu versorgen und alle paar Monate ein wenig Geld an seine Verwandten in Mexiko zu schicken. Und das ist ja was…

 

 

 

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