Zwischenrufe aus Übersee

Wie ein Europäer den Alltag an der US-amerikanischen Ostküste erlebt.

Klagen, Klagen, Klagen ...

Jeder klagt jeden. Die Amerikaner pochen auf ihr Recht zu klagen und lähmen damit ein System. Dahinter steckt eine Heerschar von Rechtsanwälten, mit raffinierten Methoden.

Das ist doch zum Kopfschütteln. Das dachte sich Denis Norton aus Seattle, Washington, als er die Klage seines Nachbarn Woodrow Thomas zugestellt bekam. Der Hund, so argumentierte der Kläger, belle die ganze Zeit, mit einer Lautstärke von bis zu 128 Dezibel, und das erzeuge emotionalen Stress. So viel Stress, dass 500.000 Dollar als Schadenersatz angemessen seien.
Das fand Norton lächerlich, bis er dann das Urteil erhielt. Der Kläger gewann auf allen Linien, das Haus steht jetzt zur Versteigerung. Norton ist auf den Hund gekommen und Thomas teilt sich den Gewinn mit seinem Rechtsanwalt.

15 Millionen zivilrechtliche Klagen werden jährlich in den USA eingebracht. Es gibt nichts mehr, das den Gerichten zu blöd erscheint. Red Bull weiß davon ein Lied zu singen. Nach einer Sammelklage erklärte sich der Getränkekonzern bereit, zwölf Millionen US-Dollar in einen Fonds einzuzahlen, weil der Slogan »Red Bull verleiht Flügel« nicht im wahrsten Sinn des Wortes richtig ist. Jeder, der nach dem Konsum des Getränkes abheben wollte, aber von der Schwerkraft zurückgehalten wurde, kann sich jetzt aus dem Topf sein Geld abholen. Um genau zu sein: zehn Dollar! Der einzelne Enttäuschte hat wenig davon, wirklich ausgezahlt hat sich die Klage nur für die Rechtsanwälte von Garden City Group, die hauptsächlich mit Sammelklagen ihr Geld verdienen. Je größer der Konzern, umso wahrscheinlicher, dass er früher oder später mit dieser Gruppe Bekanntschaft macht. Die Citygroup Bank, Yahoo, BP, Expedia, Lucent Technologies, die Royal Bank of Scotland und viele andere mehr standen schon auf der Abschussliste.

Das System läuft so: Anwälte finden ein Thema, suchen nach Geschädigten und klagen auf Basis eines Erfolgshonorars. 60 Prozent des erstrittenen Geldes etwa wollen die Anwälte von Hooten & Jacoby LLP. Sie haben mir – und vielen anderen Hausbesitzern in Princeton – einen Vorschlag gemacht: Klagt die Gemeinde. Ihr zahlt zu viel Grundsteuer! Der Angelpunkt: Der Verkehrswert einer Liegenschaft ist die Basis der Berechnung der Grundsteuer, die von der Gemeinde eingehoben wird. Mit diesen kommunalen Steuereinnahmen werden dann hauptsächlich die Schulen und die lokale Polizei bezahlt. Die Gemeinde beschäftigt einen eigenen Schätzmeister, der jährlich ermittelt, was ein Objekt nun am Markt tatsächlich wert ist.

Falsche Schätzung heißt auch gleich falsche Steuern. Das eröffnet ein breites Feld für Streitereien, wenn man sie haben will. Jetzt sind die Princetonians keine notorischen Streithansln, und es wird interessant sein zu sehen, ob es Hooten & Jacoby gelingt, die Leute auf eine Idee zu bringen und sich ein lukratives Geschäftsfeld zu eröffnen. Ihr Angebot: »Wir klagen, es kostet Sie nichts, Sie tragen kein Risiko. Und am Ende kriegen Sie vielleicht 40 Prozent der Steuer zurück.« Verlockend, nicht wahr? Trotzdem habe ich abgelehnt. Die Schulen funktionieren wunderbar, die Polizei auch. Das Geld ist bei einer funktionierenden Gemeinde besser aufgehoben als bei nimmersatten Anwälten, die Streit säen und goldene Nasen ernten.

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