Zwischenrufe aus Übersee

Wie ein Europäer den Alltag an der US-amerikanischen Ostküste erlebt.

Tuvia ganz allein

Mit dem zweiten Bestseller in Folge ist Tuvia Tenenbom zum Superstar der Autorenszene geworden. Mit »Allein unter Juden« liefert er einen Reisebericht über das Land seiner Herkunft und überrascht mit seinem Urteil: »Der Konflikt ist nicht zu lösen! Wir leben weiter ...«

Tuvia ist ein guter Freund. Wegen ihm wäre ich fast zum Judentum konvertiert, weil für ihn, meinen Rabbiner, die Fragen wichtiger sind als die Antworten. Genau das Richtige für einen Journalisten. Es gibt keine Dogmen, es gibt nur die Suche nach Wahrheit. Aber der kurzen Versuchung, religiös zu werden, bin ich nicht erlegen. Es zweifelt sich besser allein als in Gemeinschaft, und genau das hat sich Tuvia auch gesagt, als er sich aufmachte, um seine Reiseberichte zu verfassen, die nun die Bestsellerlisten stürmten. Er ist immer allein, einmal unter Deutschen, einmal unter Juden, demnächst – das wird sein dritter Streich – unter Amerikanern.

»Allein unter Deutschen« (Suhrkamp) war das Ergebnis einer sechsmonatigen Tour durch Deutschland und führte dazu, dass Spiegel & Co den Antisemitismus­streit ausriefen. Tuvia entdeckte, dass die führende europäische Industrienation gar keine Juden braucht, um gegen sie zu sein. Ihr Antisemitismus ist ein Selbstläufer und er zeigt sich in den eigenartigsten Formen: Der linke Antisemitismus befeuert sich durch den »Kampf« gegen das Kapital und die ominösen Ostküstenkreise, die ja irgendwie überall ihre Finger drinnen haben. Den Rechten genügt die Intellektualität des Judentums, um ein Feindbild auszumachen.

Ein Meisterwerk
Nach dem enormen Erfolg seines Erstlingswerkes beauftragte der renommierte Suhrkamp-Verlag Autor Tuvia Tenenbom mit der Fortsetzung der Serie. »Allein unter Juden« ist sein 474 Seiten starker Bericht darüber, was er in Israel, dem Land seiner Herkunft, erlebt hat.

Es ist ein Meisterwerk. In jeder Zeile spürt man, dass der Autor zwar in dieser Kultur groß geworden ist, ihre Sprachen versteht, aber trotzdem genügend Distanz entwickelt hat, um alle Seiten in Frage zu stellen: die Ultraorthodoxen, die Glauben zum Vorstadttheater machen, die politisch Korrekten, die alles lieben außer sich selbst, die Gutmenschen, die aus Europa kommen, um zu helfen, dabei aber nur ihre eigenen Vorurteile bedienen und eine psychoanalytisch spannende Befreiung erleben, wenn sie die Opfer von ehedem zu den Tätern von heute stempeln können.

Tuvia, der Menschenfreund, redet mit allen: Abgeordneten, Botschaftern, Beduinen, Huren, Rabbinern, Geheimdienstchefs und tut,was er zur Kunstform erhoben hat: Er fragt! Wehe dem, der ihn mit billigen Antworten abzuspeisen versucht, der bekommt die Sprachgewalt Tuvias zu spüren, die deshalb so vernichtend wirkt, weil sie sich mit Humor tarnt. Tuvias Texte sind amüsant und immer wieder ertappt man sich dabei, laut zu lachen, wo sich doch gerade menschliche Abgründe auftun.

Der Deckmantel der Humanität
Die europäischen Gutmenschen von Ärzte ohne Grenzen, Rotem Kreuz und Co haben es Tuvia Tenenbom besonders angetan, weil sie unter dem Deckmantel der Humanität nur den Konflikt schüren. Es hat sich eine Industrie entwickelt, die mit Geschichten von Leid und Unterdrückung die Geldquellen Europas und Amerikas erschließt und das Lied vom bösen Juden singt.

Warum, fragt Tuvia, wollen alle einen Konflikt in einem so kleinen, eigentlich unbedeutenden Land lösen, wo sie doch vor der eigenen Haustür genug zu tun hätten? In Wahrheit arbeiten die Friedensstifter ihr eigenes schlechtes Gewissen ab. Die nahöstlichen Kulturen verstehen sie nicht, weil sie nicht zu verstehen sind. Völlig unterschiedliche Denkwelten prallen aufeinander, die in Wirklichkeit, in Tuvias Wirklichkeit, nicht versöhnlich sind, was ihn nicht daran hindert, im Beduinenzelt mit der ersten Frau seines Gastgebers zu flirten und am Tisch mit Palästinensern das Brot zu brechen. Denn Tuvia, der seine Glaubensgemeinschaft verlassen hat, um allein zu sein, glaubt zwar nicht mehr an biblische Wunder, aber er hängt von ihnen ab.

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