Zwischenrufe aus Übersee

Wie ein Europäer den Alltag an der US-amerikanischen Ostküste erlebt.

So nah und trotzdem fern

Als Grenzgänger zwischen Europa und den USA lebe ich nun schon seit mehr als vier Jahren den permanenten Perspektivenwechsel und zunehmend fällt es mir schwer den Interpreten der jeweils anderen Seite zu geben. Die Amerikaner wollen von einem Europäer wissen, was sich am alten Kontinent tut und sie geben offen zu, dass sie selbst nicht einen blassen Schimmer haben, wie die Welt jenseits des Altantik so tickt. Manchmal habe ich den Verdacht, es interessiert sie auch nicht wirklich, weil sich in ihnen das Konzept des musealen Europas gefestigt hat: Europa ist der Flecken Erde, den man bereist, wenn man sich anschaun will, woher man kommt. Es ist die Vergangenheit. In einem Land das manisch besessen ist von der gestaltbaren Zukunft, ist die Strahlkraft des Historischen begrenzt.

 

Die Europäer hingegen kennen die USA, behaupten sie zumindest. Schließlich sind sie mit US-Filmen und Fernsehserien aufgewachsen. Diese vermeintliche Nähe gibt ihnen auch das Recht zu kritisieren und das tun sie mit Leidenschaft. Sie haben uns die Wirtschaftskrise eingebrockt, die Amis, sie führen permanent Krieg und außerdem sind sie ignorant und können Austria und Australia nicht auseinander halten, sagen ausgerechnet jene, die mit Sicherheit Kentucky nicht auf der Landkarte ausmachen könnten.

Wenn ich mir in einem Gespräch mit einem Österreicher das Leben leicht machen will, rede ich über den Militarismus, die fehlende soziale Absicherung, das marode Gesundheitssystem der USA und ernte wohlwollendes Nicken. Der Versuch die Faszination des Landes, das immer noch unbegrenzte Möglichkeiten hat, zu beschreiben hingegen, erfährt zwangsläufig eine Entgegnung: „Ja, aber....“

Dabei weiß ich nicht mit wem die Unterhaltung schwieriger ist: mit jenen, die sich für die Fakten nicht (mehr) interessieren, weil sie ihren Blick längst Richtung Asien gewendet haben, oder mit denen, die vorgeben sich auszukennen und in Wahrheit bestenfalls an der Oberfläche schwimmen.

„Seit Bush bin ich nicht mehr in die USA gereist“, sagt mir jetzt ein IT-Techniker bei einer Party in der Wiener Innenstadt. „Die amerikanische Politik ist eine Katastrophe.“ Ich ahne was er meint, aber bin mir sicher, dass er nicht die leiseste Ahnung hat, was unter amerikanischer Politik eigentlich zu verstehen ist. Denn was aus Washington kommt, macht in Wirklichkeit nur einen kleinen, wenn auch sehr sichtbaren Teil des amerikanischen politischen Systems aus. Politik findet dort auf lokaler Ebene statt. Die Kommunen organisieren sich selbst, wählen ihre Richter, ihre Strafverfolger, ihren Sheriff. Sie wählen die Leiter ihrer Schulen und entscheiden über Fragen, wie sie zusammenleben wollen direkt in lokalen Volksabstimmungen. Demokratie ist dort ein lokales Fest, das jährlich am ersten Dienstag nach dem ersten Montag im November gefeiert wird. Von einem Election Day, wie ihn die Amerikaner zelebrieren, können Europäer nur träumen. Aber ich sehe schon, das geht wieder viel zu weit und ich fange mir gleich einen Konter ein, ehrlich gesagt, höre ich ihn schon: „Ja, aber müssen die überall als Weltpolizist auftreten wegen des Öls...“

 

 

USA – Insel der Glückseligen?
Qualitätsland Österreich? Eine Mär?