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Mehrwert für ManagerInnen

Durst nach der gleichen Freiheit

Knapp vier Jahre ist es nun her, dass RIM mit dem „Storm“ die erste Touchscreen-Variante seiner E-Mailing-Machine vorgestellt hatte. Nun, die Songtexte der Handset-Branche sind in der Zwischenzeit komplett umgeschrieben. Heute hat der kanadische Hersteller im Vergleich zur Konkurrenz einiges an innovativen Touch verloren. Die Geräte werden dennoch fleißig genutzt und Kreativdirektorin Alicia Keys singt von „BlackBerry“ nun auch im Firmennamen, den Research in Motion zugunsten seines wichtigsten Produkts spät geändert hat. Der Fokus aufs Wesentliche, das Texten von Mails mithilfe einer physischen Tastatur, ist dennoch gefährdet. Der jüngste Wurf, der „BlackBerry 10“, basiert in der Touchscreen-Variante Z10 im Look and Feel auf dem De-facto-Standardgerät iPhone. Äußerlich ist die Brombeere kaum noch von den iOS- und Android-Geräten dieser Welt zu unterscheiden. Die User freut das: Sie haben nun endlich für die weiterhin besten Businessprozesse (die saubere Trennung von privat und Büro in Apps und Oberfläche mit einem Wisch (sic!)) eine trendige Verpackung und müssen sich nicht mehr für ihr Endgerät genieren. Für den modernen Arbeiter, dem es in der kolportierten neuen Welt des Arbeitens stets auch nach Freizeit dürstet, liefert der BlackBerry entsprechende Kamera- und Rechenleistung und Social-Media-Verknüpfungen. Wer weiterhin Funktion vor Aussehen wählt, greift nach dem Tastenmodell Q10.Das ist die neue Freiheit, die wir meinen: unsere Telefone, Rechner, Tablets schauen alle gleich aus. Sie kommen aus den gleichen Fabriken, werden kopiert, und als "beste gleiche" unter ihresgleichen großmundig als neu erfunden verkauft - siehe auch alle bekannten Hersteller aus Asien. Die haben das lückenlos umgesetzt, was Apple vorgemacht hat.

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Die Amish, der Bischof und die Regeln

Laptop, iPhone, Facebook und Co – die Teens sind fest verankert im Zeitalter des Internet. Wenn meine Kinder etwas ausgefressen haben, nehm ich ihnen für einen Tag, ein Wochenende, in schlimmen Fällen eine Woche ihr Handy und/oder ihren Laptop weg. Das hat die Wirkung noch nie verfehlt. Sie sind abhängig von ihrer Elektronik und das nutze ich weidlich aus, um durchzusetzen, was ich für pädagogisch wertvoll halte. Jetzt wollte ich ihnen zeigen, dass es auch anders geht, dass es eine Welt außerhalb unserer Realität gibt. Wir haben uns ins Auto gesetzt, sind drei Stunden lang ins tiefste Pennsylvania gefahren und mitten im Amish-Land gelandet, dort, wo man heute noch so lebt wie vor 300 Jahren, oder sagen wir: fast so. Kein Strom, kein Auto, keine Elektronik, Leben in Einfachheit und Gottgefälligkeit – das wollen die Amish, deren Wurzeln ins 16. Jahrhundert im Elsaß und in der Schweiz zurückreichen und die untereinander Pennsylvania-Deutsch sprechen, das sich so anhört wie eine Kreuzung aus Vorarlbergerisch und Holländisch.</p><p>Doch die geplante pädagogisch wertvolle Reise entwickelte sich anders als erwartet. Denn was zeigen sollte, was einfaches Leben bedeutet, geriet zu einem Lehrstück in kreativer Regelauslegung, in dem die Obrigkeit zwar nicht ignoriert, aber doch ziemlich an der Nase herumgeführt wird. Die Amish rund um Turbotville haben einen sehr praktischen Weg gefunden, ihr Fortkommen zu sichern – und das im wahrsten Sinnes des Worte. Der Bischof, das durch Los bestimmte Oberhaupt des jeweiligen Clans, legt fest, was die Gemeindemitglieder dürfen und was nicht, er hat absolute Macht. Wenn er vorschreibt, dass Traktoren gut sind, aber Pferdekutschen nicht, dann gilt sein Diktum. Wenn er vorschreibt, dass Hosenträger nur über Kreuz getragen werden dürfen, dann hat das Geltung. Wenn also ein neuer Bischof auf Lebenszeit per Los bestimmt wird, kann die Gemeinde nur beten, dass nicht der Dorftrottel gewinnt.</p><p>Der Amish-Bischof von Turbotville etwa hält Fahrräder für Teufelswerk, während Roller durchaus akzeptabel sind. Deshalb sieht man in der Gegend Erwachsene mit Strohhut, Leinenhemd und schwarzer Weste auf Rollern mit überdimensionalen Rädern auf den Straßen. Eigentlich verwenden sie Fahrradreifen, die sie mit einem Trittbrett und Lenkgestänge verbinden. Sie beweisen damit, dass sie die Macht des Bischofs respektieren, aber dennoch ihre individuellen Antworten finden. Das gilt auch für Autos , die in einem derart riesigen Land ohne funktionierendes öffentliches Verkehrsnetz unabdingbar sind. Amish dürfen keine eigenen besitzen, aber mitfahren dürfen sie – und so hat jeder der »normalen« Bauern der Gegend eine Amish-Familie quasi adoptiert. Gute Nachbarschaft ist eben ein religiöses Grundprinzip und es sichert die komfortable Fahrt zum nächstgelegenen Einkaufszentrum.</p><p>Der Amish-Bischof von Turbotville etwa hat auch bestimmt, dass die Bauernhöfe seiner Gemeinde nicht mit der Außenwelt verbunden sein dürfen, sprich: Telefonanschlüsse und Stromleitungen sind untersagt, weil die Netze eine körperliche Verbindung mit den anderen darstellen. Jacob, der Bauer, den wir besuchten, hat sein Telefon deshalb in einem kleinen Wetterhäuschen untergebracht, und zwar am Grundstückrand, auf öffentlichem Besitz, nicht auf dem eigenen. Und sein Sohn, kaum 20, aber mit Vollbart, steht abends immer dort und ist mitteilsam.</p><p>Jacob&nbsp; hat den Bischof auch beim Strom wörtlich genommen: Sein Hof hängt nicht am Netz, aber im Stall steht eine Dieselgenerator, der die Melkmaschinen und die Förderbänder betreibt. Im Wohnhaus hängen die Petroleumlampen und das Gebot, einfach zu leben, wird eingehalten. Vom einfachen Arbeiten hat der Bischof offensichtlich nichts gesagt.<br>Auf der Heimfahrt waren meine Kinder erstaunlich gut gelaunt und ich wurde den Verdacht nicht los: Sie hatten etwas gelernt, etwas, das seit Hunderten Jahren unverändert gültig ist: Keine Regel ist so gut, dass sie nicht umgangen werden könnte ...<br><br></p>

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