Axel Dick & Qualität

Projektleiter, Autor diverser Studien, Fachartikel und Kommentare
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Qualität bleibt wichtigster Erfolgsgarant für die Lebensmittelbranche

Auf Einladung von Quality Austria trafen sich heute zum 5. Mal die Top-Entscheider der Lebensmittelbranche, um zu diskutieren, was die Branche aktuell bewegt. Wie gehen die Verantwortlichen mit den Herausforderungen zwischen Pferdefleischskandal und Preisabsprachen um? Renommierte Experten aus verschiedensten Bereichen gaben Einblicke und sprachen über Mitarbeiterführung und Energiemanagement, Lebensmittelsicherheit und Überwachung sowie über Logistik und Compliance. Eines wurde dabei besonders deutlich: Qualität ist und bleibt ein wesentlicher Faktor für wirtschaftlichen Erfolg.

 

DI Alfred Greimel, Branchenmanagement Lebensmittel, Land- und Forstwirtschaft bei Quality Austria, gab in seinem Beitrag einen detaillierten Einblick in die gegenwärtige Situation der Branche: Die Zertifizierungen im Lebensmittelsektor steigen laufend – zuletzt je nach Standard um bis zu 27 %. Audits spielen im Bereich Lebensmittelsicherheit also eine immer wichtigere Rolle. Zusätzlich zu den 32.000 bis 35.000 amtlichen Kontrollen pro Jahr will die Zulassungsstelle HDE nun die IFS-Anforderungen durch unangemeldete Audits weiter anheben. Weiters müssen sich Lebensmittelhersteller überlegen, wie sie mögliche Sabotageakte im Sinne von Food Defense unterbinden. Dies ist eine mittelbare Folge der amerikanischen Terrorprävention. „Einerseits kann man davon ausgehen, dass das Niveau der Produktsicherheit bei Lebensmitteln noch nie so hoch war wie heute, andererseits werden weitere Anforderungen folgen, die aber KMUs vor neue Herausforderungen stellen“, betont Greimel in seinem Vortrag.

 

Nachhaltiger Erfolg durch Effektivität und Effizienz

Mitarbeiterführung ist eine der Königsdisziplinen im Management. Dr. Walter Bänziger, Leiter des Segments Qualitätsmanagement der Rauch Gruppe, thematisierte in seinem Vortrag, wie man Menschen bewegt und sicher zum Erfolg führt. Grundvoraussetzung dafür ist, dass man ihre zentrale Rolle erkennt und danach handelt. Das funktioniert am besten in einem teamorientierten und hierarchieübergreifenden Ansatz. „Oberstes Ziel ist die gemeinsame Optimierung von Prozessabläufen. Das kann nur realisiert werden, wenn die Potentiale von Mitarbeitern erfolgreich geborgen und gleichzeitig die natürlichen Barrieren überwunden werden“, so Bänziger. Hier sei es besonders wichtig, dass ein Verständnis geschaffen werde für die gemeinsamen Ziele und Markterwartungen. „Wer nachhaltigen Erfolg sicherstellen will, darf seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht bevormunden, er muss sie bewegen. Hier muss an erster Stelle Wissen und Erfahrung freigesetzt werden, damit es zu einer Bereitschaft für aktive Teilnahme kommen kann“, resümierte Bänziger.

 

Lebensmittelsicherheit durch Monitoring und Kontrolle

DI Dr. Helmut Gaugitsch, Abteilungsleiter Landnutzung & Biologische Sicherheit beim Umweltbundesamt spannte in seinem Beitrag den Bogen zur Produktkontrolle. Derzeit werde eine Zunahme von Berichten über kritische Stoffe in Produkten beobachtet, so Gaugitsch: „Das wiederum führt zu einem wachsendem Bewusstsein der Konsumentinnen und Konsumenten und zu mehr Unsicherheiten in Bezug auf Gesundheitsgefahren.“ Die Liste der kritischen Stoffe sei jedenfalls lang. Sie umfasst etwa Kunststoffweichmacher wie Phthalate, aber auch Dimethylfumarat, das in der Textilienbehandlung eingesetzt wird oder das in Thermopapier enthaltene Bisphenol A, die Mineralölrückstände MOSH und MOAH und andere Stoffe, die etwa bei der Oberflächenbehandlung oder als Pestizide Anwendung finden. Der Nutzen von Produktkontrollen liegt damit auf der Hand: Sie sind als Gewährleistung für Produktsicherheit unumgänglich und dienen der Überwachung von Gesetzen und Beschränkungen. Gaugitsch: „Produktkontrollen fungieren also als deutliches Signal an Hersteller und Händler. Gleichzeitig leisten sie einen wichtigen Beitrag für das Aufzeigen von Gesetzeslücken.“

 

Im Anschluss meldete sich DI Peter Herbst, Leiter Hygiene Institutional der Firma Ecolab zu Wort. Er ging in seinem Beitrag auf die Bedeutung des Bakteriums Listeria monocytogenes für den Handel ein. Laut jüngsten Erhebungen in den USA endeten im Jahr 2011 266 von 1662 Listerien-Infektionen mit dem Tod. Das entspricht einer Rate von fast 16 %. Eine Risikobeurteilung ergab, dass 83 % der Erkrankungen in Verbindung standen mit Waren, die im Handel geschnitten wurden. Weitere Ergebnisse: Ca. 60 % der Geschäfte wurden positiv auf Listeria monocytogenes getestet. Das Bakterium kam häufiger auf Nicht-Lebensmittel-Kontaktflächen vor als in Kontaktbereichen. Auch Böden und Abflüsse waren teilweise stark belastet. „Die Herausforderung liegt darin, dass das Bakterium ubiquitär ist und Biofilme bilden kann. Dadurch sind Risiken schwer vorhersehbar. Eine effiziente Grundreinigung als Teil einer optimierten Sanitationsstrategie kann die Situation signifikant verbessern“, so Herbst. Weitere Maßnahmen sind konsequentes Training, laufende Temperaturkontrollen und das regelmäßige Einholen von Fachinformation.

 

Rohstoffbeschaffung und Lebensmittelüberwachung in einer globalisierten Welt

In einer zunehmend globalisierten Wirtschaftswelt verdient die Rohstoffbeschaffung besondere Aufmerksamkeit. Welche Rolle dieser Aspekt in der Praxis spielt, beleuchtete Mag. Rudolf Berger, Geschäftsführer von Fleischwaren Berger in seinem Beitrag über Regionalität und Authentizität. Ende des 18. Jahrhunderts wurden 99% aller Nahrungsmittel in einem Umkreis erzeugt, der vom Verbraucher von seinem Kirchturm aus zu überblicken war. Die Anforderungen an das Thema Regionalität sind heute naturgemäß andere: „Es geht vor allem darum, das Bedürfnis nach Überschaubarkeit, Zuverlässigkeit und Vertrauen ernst zu nehmen“, betonte Berger. „Für Konsumentinnen und Konsumenten ist heute nicht nur wichtig, wo ein Schwein aufwächst, sondern vielmehr, was es frisst und woher das Futter kommt.“ Österreich ist – wie ganz Europa – von Eiweißimporten abhängig und führt bis zu 600.000 Tonnen jährlich ein. Fleischwaren Berger substituiert u.a. konsequent Soja aus Lateinamerika durch heimische Eiweißträger. Das Unternehmen agiert mit klarem regionalen Fokus unter dem Motto „so nahe wie möglich“: Die Mastbetriebe liegen in einem Umkreis von 50 Kilometern rund um Sieghartskirchen in Niederösterreich, das Mastfutter stammt aus einem Umkreis von 500 Kilometern. Das ist eine Besonderheit bei konventioneller Fleischerzeugung, Berger denkt aber bereits weiter: „Regionalität ist nur ein Teil der Antwort auf die Kundenerwartung. Wir erwarten zusätzliche Ansprüche bei der Tierhaltung in den nächsten Jahren.“

 

Die Herausforderungen und Grenzen der Lebensmittelüberwachung lotete Dr. Christa Wentzel von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) aus. Dabei ging sie auf die Frage ein, ob Szenarien wie der Pferdefleischskandal zu verhindern sind: „Der Wissensvorteil liegt hier klar auf Seiten der Betrüger: Sie kennen nicht nur die Art sondern auch den Ort der Manipulation. Aus dem BSE-Skandal haben wir gelernt, dass man möglichst früh in der Kette ansetzen muss.“ Das System der Lebensmittelkontrolle ist dreistufig. Die EU überprüft die relevanten nationalen Behörden, die ihrerseits die Lebensmittelunternehmen genau unter die Lupe nehmen. Aber auch die Eigenkontrolle der Lebensmittelunternehmen selbst ist wesentlich. Pro Jahr werden 40.000 Betriebskontrollen durch die Lebensmittelaufsicht und Landesveterinärbehörden durchgeführt. Die Kontrollfrequenz ergibt sich aus der jeweiligen Risikobewertung. Aus einer Stichprobe kann mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auf die Grundgesamtheit geschlossen werden. Pro Jahr werden über 30.000 Routine- und Verdachtsproben gezogen. Die Europäische Kommission hat einen Fünf-Punkte-Aktionsplan (2013-2014) erstellt, um Betrug im Lebensmittelsektor optimal zu bekämpfen.

 

Legal Compliance: Rechtssicherheit, Zertifizierungen und Schulungsmaßnahmen

Eckehard Bauer, MSc, Prokurist Business Development bei Quality Austria brachte den Einstieg in den letzten Programmpunkt zum Thema Compliance. Rechtssicherheit ist aufgrund der Komplexität des Themas ein Grundanliegen von Unternehmen. Gleichzeitig bestätigen auch Kunden den hohen Stellenwert von Zertifizierungen. Aber was bedeutet das für die Unternehmen? Rechtsrisken stellen eine von zehn Risikokategorien dar und sind für jedes Unternehmen je nach Größe, Prozessen und Produkten unterschiedlich relevant und fortlaufend ein potentielles Thema aufgrund der ständigen Weiterentwicklung der Gesetzgebung, der technischen Standards“, so Bauer. Der Schlüssel liegt im systematischen Management der Risken bzw. im konkreten Fall des Rechtsmanagements. Der in den Managementnormen geforderte systematische Ansatz zwingt die Unternehmen in jedem Fall, eine klare Ist-Analyse durchzuführen, Ziele zu definieren, entsprechend technische, organisatorische und personelle Maßnahmen umzusetzen und durch interne Audits und Bewertungen der umgesetzten Präventions- und Korrekturmaßnahmen einen Prozess der ständigen Verbesserung sicherzustellen. Geforderte Dokumentationen von Aufzeichnungen unterstützen im Fall des Falles die Rückverfolgbarkeit und Nachweisführung, dass alle Anforderungen eingehalten werden. Externe Audits durch akkreditierte Zertifizierungsstellen bescheinigen die Erfüllung der Normanforderungen, erhöhen die Umsetzungskonsequenz und zeigen weitere Verbesserungspotenziale auf.

 

Rechtsanwalt Dr. Hanno Wollmann brachte zum Abschluss die aktuelle Diskussion um Preisabsprachen auf den Punkt: Wo liegen die Grenzen von vertikalen Preisdiskussionen zwischen Handel und Industrie? Das Thema stößt derzeit auf großes Medienecho. In den Ermittlungen der Bundeswettbewerbsbehörde gegen SPAR ist es sogar zu Vorwürfen gekommen, dass die Behörde Spionagesoftware eingesetzt haben soll. Dabei sind vertikale Preisdiskussionen zwischen Industrie und Handel nicht das wichtigste Anliegen, mit dem sich das Kartellrecht zu befassen hat, bestätigt Wollmann: „Ohne Zweifel gibt es bestimmte Verhaltensweisen im Einkauf, die mit den Anforderungen des heutigen Kartellrechts unvereinbar sind. Die Grenze des Zulässigen ist etwa überschritten, wenn der Handel die Zustimmung zu einer Erhöhung seines Einkaufspreises davon abhängig macht, dass seine Mitbewerber den Verkaufspreis für den betreffenden Artikel auf ein bestimmtes Niveau anheben. Auf der anderen Seite sind Gespräche über die preisliche Positionierung eines Artikels tägliches Brot im Markenartikelgeschäft, ist doch der Preis ein Teil des Markenimages.“ Diskussionen darüber würden auch weiterhin – in einem gewissen Rahmen – notwendig und erlaubt sein. Der Entwurf der Bundeswettbewerbsbehörde für „Leitlinien zu vertikalen Preisbindungen“ sei eine begrüßenswerte Initiative, weil dadurch die Transparenz für die Marktteilnehmer erhöht werde. In seiner derzeitigen Fassung sei der Entwurf allerdings von extremer Vorsicht geprägt, so der Rechtsanwalt. Da und dort sei der Leitfaden strenger als das Gesetz und es werde noch weiterführender Diskussionen bedürfen.

 

Axel Dick

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