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Tempo 140 – Fortschritt oder Rückschritt?

 

Tempo 140 soll uns in die Zukunft bringen? Mit den Argumenten der Zeitersparnis und dass solche Geschwindigkeiten im Vergleich zu den 1970iger Jahren jetzt technisch möglich sind, werden ersten Teststrecken eröffnet und kostenintensiv beworben. Da diese Diskussion häufig emotional geführt wird, möchte ich in diesem Kommentar einige Fakten bereitstellen, die seitens des Verkehrsministeriums gerne vernachlässigt werden:

Die Grenzen der Physik kann man nicht überlisten

Ich habe mir zu dem Thema eine Fachmeinung eingeholt. Dr. Mario Buchinger ist promovierter Physiker und erklärt das Problem mit höheren Geschwindigkeiten wie folgt:

Der Straßenverkehr lässt sich vereinfacht wie ein Mehrteilchensystem in zwei Dimensionen beschreiben: Jedes dieser Teilchen bewegt sich mit einer individuellen Geschwindigkeit. In solchen Systemen weiß man, dass mit zunehmenden Deltas der individuellen Geschwindigkeiten die Staueffekte zunehmen. Mit ähnlichen Geschwindigkeiten (z.B. 80 oder 90 km/h für LKWs und 100 bis 120 km/h für PKWs) sind somit die Deltas der Geschwindigkeiten und damit die Stauanfälligkeit geringer.

Oder anders gesagt: Höhere Geschwindigkeiten führen also in den meisten Fällen nicht zu einer Zeitersparnis, sondern eher zu einer erhöhten Reisedauer, da die Staubildung zunimmt.

Tatsächliche Zeitersparnis

Ich erspare Ihnen jetzt die detaillierten Berechnungen der Zeitersparnis auf verschiedenen Strecken. Zur groben Übersicht: Von Salzburg nach Wien über die A1 würde sich die Fahrtdauer um etwa 9 Minuten verkürzen, von Wien nach Graz über die A2 etwa 6 Minuten, wenn die Geschwindigkeit von 140 km/h dauerhaft gefahren wird.  

Die eine Betonung liegt hier auf „würde“. Da auf der A1 und der A2, wie auch auf den meisten anderen Autobahnen, ein hohes Verkehrsaufkommen herrscht, kann man die Geschwindigkeit nicht durchgängig fahren. Wir sind vor Kurzem auf der A1 von Wien nach Salzburg gefahren. Dort befinden sich zwei der Tempo 140-Testzonen. In beiden Abschnitten war der Verkehr am frühen Nachmittag (zwischen 13.00 und 15.00 Uhr) so dicht, dass man nicht einmal 130 km/h fahren konnte.

Die andere Betonung liegt auf „dauerhaft“. Es geht nicht um die Spitzengeschwindigkeit, sondern darum das Tempo gleichmäßig zu halten. Achten Sie mal darauf, fahren Sie selbst oder haben Sie einen Tempomat? Da ich meistens mit dem Tempomat fahre, fällt mir auf, wie viele Leute zwischen 120 und 135 km/h hin und her pendeln.

Außerdem ist es auf vielen Strecken baulich nicht möglich so schnell zu fahren. Geht man davon aus, dass auf der Hälfte der Strecke das Tempo 140 überhaupt möglich wäre und auch tatsächlich gefahren wird, schrumpft der Zeitvorteil auf etwa 4 Minuten im Vergleich zu Tempo 130.

Umweltbelastung

In der ganzen Diskussion wird seitens des Verkehrsministerium ein Thema meist komplett ausgeklammert oder klein geredet: Der höhere Abgasausstoß durch die höheren Geschwindigkeiten. Das österreichische Umweltbundesamt hat errechnet (Link), dass der durchschnittliche CO2-Ausstoß durch Tempo 140 um 10,6 % steigt. Der Stickstoff-Ausstoß erhöht sich dann um +16,4 %, die Feinstaub-Belastung sogar um +18,6 %.

Diese Zahlen sind, wie bereits erwähnt, Durchschnittswerte. Durch starkes Beschleunigen von Stauende zu Stauende dürften die Emissionswerte weitaus höher sein. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein paar Sekunden mehr wert sind.

Würde man das Tempo auf 100 km/h auf Autobahnen heruntersetzen, könnte man dadurch 10,2 % CO2, 19,3 % Stickstoff und 10,6 % Feinstaub im Vergleich zu Tempo 130 einsparen. Ich wohne im transitgeplagten Tirol, wo bereits die entsprechende Regelung für Tempo 100 gilt. Hier verstehe ich Leute nicht, die jetzt Tempo 140 haben wollen.

Sicherheit

Auch wenn die Fahrzeugsicherheit besser geworden ist und höhere Geschwindigkeiten technisch möglich sind, so hat der Mensch diese Lernkurve nicht entsprechend mitgemacht. Die häufigste Unfallursache ist Unachtsamkeit. Der VCÖ hat berechnet (Link), dass Telefonieren am Steuer die Reaktionszeit durchschnittlich um 0,5 Sekunden verlängert, das Schreiben von SMS oder Bedienen von Navigationsgeräten um etwa zwei Sekunden. Das bedeutet bei Tempo 130 einen längeren Bremsweg von 20 bis 72 Meter, bei 140 km/h verlängert sich die zurückgelegte Strecke entsprechend.

Ich bin viel auf Langstrecken unterwegs und merke wie gestresst viele Autofahrer sind. Eine höhere Geschwindigkeit verlangt mehr Aufmerksamkeit und ist auf Dauer anstrengender. Was hilft es vier Minuten früher, dabei aber viel gestresster, am Ziel zu sein?

Das Fazit zu Tempo 140

Die Idee des österreichischen Verkehrsministers geht zu Lasten unserer Gesundheit und der Umwelt, denn der Abgasausstoß und die Gefahren erhöhen sich dadurch noch weiter. Aufgrund der hohen Verkehrsdichte ist der Vorschlag nicht sinnvoll. Gelassenheit zahlt sich weiterhin aus, denn im Stau sind alle gleich schnell. Und dort verbringen der österreichische Autofahrer bzw. die österreichische Autofahrerin durchschnittlich 25 Stunden pro Jahr.

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