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Warum kein Stein auf dem anderen bleibt

Was Professor Michael Bartz und ich gemeinsam haben, neben unserer Freundschaft, ist, dass uns das Thema »Neue Welt der Arbeit« stark beschäftigt. Für uns beide ist es einer der wesentlichsten Trends und Veränderungen, die auf die moderne Geschäftswelt zukommen. Deshalb haben wir uns entschieden, all unser Wissen, unsere Erfahrungen und Studienergebnisse zu Papier zu bringen. Bücher gibt es bereits dazu am Markt. Die Frage, einfach ein weiteres Sachbuch zum Thema  schreiben, hat uns lange beschäftigt. Wir entschieden uns dagegen und haben nun begonnen, das Sachthema »Neue Welt der Arbeit« als Geschichte zu erzählen.

Doch nicht nur das. Viele großartige Persönlichkeiten aus dem Geschäftsleben beschäftigen sich mit der neuen Welt der Arbeit ebenso wie wir. Wir freuen uns, dass uns hochrangige Topmanager Einblick gewähren in ihre Expertise, ihr Wissen und ihre Erfahrung. Dies taten sie in Form von Interviews, die im Buch nachzulesen sind. An dieser Stelle möchten wir uns bei all unseren hochgeschätzten Interviewpartnern bedanken: Rudolf Kemler (ÖIAG), Jochen Borenich (Kapsch BusinessCom;), Johannes Kopf (AMS), Brigitte Ederer (ehem. Siemens), Gerald Hübsch (Energie AG OÖ), Marcus Frantz (OMV), Georg Obermeier (Microsoft), Thomas Kralinger (Kurier und Mediaprint), Willibald Cernko (Bank Austria), Theodor Hebnar (Wiener Wohnen Kundenservice), Michael Korbacher (Google), Rudolf Hammerschmid, (Rosenbauer), Monika Kircher (Infineon), Günter Thumser (Henkel) und Martin Katzer, T-Systems.
Viktoria als Beispiel

Unsere Geschichte handelt von einer Geschäftsführerin namens Viktoria Frey, die ein alteingesessenes Industrieunternehmen leitet. Es hat seinen Sitz in Österreich und Produktionsstätten in sieben weiteren Märkten mit einem weltweiten Netz an Verkaufs- und Marketingbüros. Die rund 5.000 Mitarbeiter versorgen die Industrie mit hochwertigen Produkten. Man ist stolz darauf, einer der führenden Business-to-Business-Anbieter zu sein und setzt, so wie auch schon in den 30 Jahren zuvor, auf Qualität und Innovation. Die Umsatzeinbußen vor einigen Jahren wurden überwunden, die Strategie dementsprechend angepasst und nach und nach konnte das Umsatzniveau von vor dem Einbruch wieder erreicht werden. Die Krise war überwunden.
Doch Viktoria lernt sehr schnell, dass man in dieser Position scheinbar nie zur Ruhe kommt und hinter der letzten gut überstandenen Krise gleich die nächste Talfahrt auf sie wartet. Und sie kommt, in Form eines quasi sicher geglaubten Auftrags, den das Unternehmen verliert. Ein langjähriger Kunde, mit dem man bereits ein beinahe freundschaftliches Verhältnis pflegte, vergibt den Auftrag an einen der größten Konkurrenten.

Gemeinsam mit den Topmanagern des Unternehmens begibt sich Viktoria auf die Suche nach den Ursachen und muss erkennen, dass noch weitaus größere Herausforderungen vor ihr liegen. Nach vielen Gesprächen mit ihren Kollegen und einigen teilweise bitteren Erkenntnissen beginnt sie eine Strategie zu entwickeln, um ihr Unternehmen auch aus dieser Krise sicher herauszuführen. Denn die Arbeitswelt ist im Wandel begriffen und verändert sich in einem Maße, dem sich kaum ein Unternehmen entziehen kann.

Der Wunsch – ja, beinahe die Forderung der Mitarbeiter – nach mobilem und flexiblem Arbeiten ist dabei nur ein kleines Element, das es zu berücksichtigen gilt. Denn langsam, aber sicher können wir uns den Folgen der schiefliegenden Alterspyramide mit ihrer drohenden Überalterung auch aus wirtschaftlicher Sicht nicht mehr entziehen und immer mehr Firmen beginnen die Auswirkungen zu erahnen. Immer weniger junge, erfolgshungrige »high potentials« drängen ins Arbeitsleben – Leute, die mit viel Energie und hoher Effizienz an die Arbeit gehen. Es sind Menschen, die sich ihrer Vorzüge aber auch bewusst sind und Forderungen stellen, die sie auch – besonders im Blick auf die erwähnte Alterspyramide – stellen können. Denn bereits jetzt entbrennt ein sogenannter »war for talents«, die Bemühungen und Strategien von Unternehmen, diese jungen high potentials für sich zu gewinnen. Es gibt heute Schätzungen, die sagen, dass im Jahr 2050 zwischen 15 und 30 Prozent weniger Erwerbstätige verfügbar sein werden als im Jahr 2000. Die zu erledigende Arbeit verteilt sich also auf immer weniger Schultern. Und hier ist, wie oftmals im Leben, Attraktivität gefragt. Nicht in Form von glänzenden Haaren oder weißen Zähnen, sondern in Form von »employer branding« – oder auch, wie attraktiv man als Unternehmen und Arbeitgeber auf potenzielle Mitarbeiter wirkt. Diese Attraktivität wird auch dadurch bestimmt, in wie weit eine Firma bereit ist, sich gemäß der Bedürfnisse neuer Mitarbeiter zu verändern.

Dass es nicht damit getan ist, Mitarbeitern einen Laptop zu geben und ihnen mobile Arbeitsweise zuzugestehen, werden Sie wahrscheinlich bereits ahnen. Dennoch ist die mobile Arbeitsweise und die Tatsache, dass Arbeit als Bezeichnung für einen bestimmten Ort an Bedeutung verliert, einer der Grundpfeiler der neuen Welt der Arbeit.

Viele Herausforderungen
Unternehmen, die auch in Zukunft erfolgreich sein wollen, müssen sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen. Eines davon ist die gesteigerte Komplexität durch die Verschiedenheit der Arbeitsstile im Unternehmen. Jemand Mitte 20 arbeitet anders und mit anderen Werkzeugen als jemand Mitte 50. Beide Arbeitsweisen haben ihre Berechtigung. Einfach einen Arbeitsstil, ein Tool, eine Vorgehensweise für alle auszurollen und zu verlangen, wird nicht mehr genügen. Auch werden alternative Beschäftigungsformen Einzug halten. Diese, wie etwa Pflege- und Karenzfreistellungen, werden teilweise geprägt sein durch die fortschreitende Alterspyramide, aber es wird auch immer mehr zum Thema, beruflich nicht nur »auf ein Pferd zu setzen«. Viele Menschen streben bereits nach Teilzeitjobs, die sie parallel betreiben und die oftmals inhaltlich wenig miteinander gemein haben. Besonders in der Generation Y geht es neben Leistung auch um Selbstverwirklichung und Lebensfreude.

Diversität ist das neue Schlagwort, über das Generationen in der Arbeit zusammengeführt werden. Führungskräfte müssen mehr Vertrauen in ihre Mitarbeiter legen, allein deshalb, da viele von ihnen aufgrund des steigenden Anteils von mobilen Arbeitsweisen nur mehr wenig Zeit an ihrem Schreibtisch verbringen werden. Und während man den mobilen Arbeitsstil mit Performance-Management messbar machen kann, fällt dies bei Projekten, die abseits der eigenen Linientätigkeit laufen, schon um einiges schwerer. Wie wollen Sie denn einen Mitarbeiter am Jahresende beurteilen, wenn er meist in Projekten arbeitet, die nicht mit der Linientätigkeit korrelieren?

Direkte Betroffenheit
Während Generationen zusammengeführt werden, lösen sich Unternehmensgrenzen immer mehr auf. Besonders wenn es um Prozesse und Durchläufe geht, in denen der Kunde direkt betroffen ist. End-to-end und Customer Experience sind Schlagworte, die in aller Munde sind und in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen werden. Sei es eine Bestellung eines Produktes oder einer Dienstleistung oder einfach nur eine Auskunft oder Beschwerde – oftmals wird der Kunde über den Status seiner Anfrage komplett im Dunkeln gelassen. Es entsteht der Eindruck, als würde er sein Anliegen über einen hohen Zaun ins Unternehmen hineinwerfen und es danach im Dunkeln zu lassen, mit der Hoffnung, jemand auf der anderen Seite hätte sein Anliegen aufgefangen. Fragt er nach, kommt er meist in Kontakt mit Personen, die mit seinem Anliegen nicht vertraut sind und wird zigmal weiterverbunden und hat am Ende vielleicht das Glück, tatsächlich eine korrekte Auskunft zu erhalten. Besonders schwierig wird es für Kunden, wenn ihr Anliegen von einem unternehmensfremden Lieferanten erledigt wird, einem Subunternehmer also. »Aber es ist mir als Unternehmer doch nicht zumutbar, dass ich jeden Arbeitsschritt meiner Sub-Lieferanten kenne«, werden Sie nun vielleicht denken. Und dennoch, aus Kundensicht ist es sehr wohl so, dass der Kunde sich zu jedem Zeitpunkt Auskunft über sein Thema erwartet (und zwar ohne es jedes Mal fünf Personen von neuem erzählen zu müssen). Unternehmensgrenzen bestehen also in gewisser Hinsicht nur mehr auf dem Papier. Vernetzung ist das neue Zauberwort. Dies bedeutet natürlich auch, Einblick zu gewähren in Ihre Prozesse, und zwar sowohl dem Kunden als auch anderen Lieferanten und Partnern, und geht über Markt- und Absatzplanung, gegenseitige Vorfinanzierungen bis hin zu gemeinsam entwickelten Strategien.

Wichtig war uns, in diesem Buch viele Anwendungsfälle aus der Praxis mit konkreten Handlungsoptionen zu verknüpfen – um einen Überblick zu geben, welche Aspekte, Themen und Anliegen auf Unternehmer zukommen, die ihre Firma fit machen wollen für die neue Welt der Arbeit. Wie sehr wir damit einen Nerv getroffen haben, zeigt sich durch die vielen erfolgreichen Interviewpartner, die mit ihrem Wissen und ihrer langjährigen Expertise einen wertvollen Beitrag zu unserem Buch gebracht haben.

Report-Kolumnist Thomas Schmutzer serviert in seinem neuen Buch »New World of Work – Warum kein Stein auf dem anderen bleibt« gemeinsam mit Michael Bartz Erfahrungen aus der Arbeitswelt im Wandel und liefert praktische Hilfestellungen für Unternehmensorganisationen. Weitere Infos hier.

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