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Der verflixte War for Talents - lieber einen Kampf gegen Halbwahrheiten

Wir verzeichnen derzeit über 300.000 Arbeitslose. Trotzdem wird nach Lehrlingen und Fachkräften geschrien und versucht, sie aus dem Ausland zu rekruitieren. Da darf man sich doch die Frage stellen, wie dieser Widerspruch aufzulösen ist. Ob da eine Willkommenskultur ausreicht?

Wo sind die Lehrlinge jener Lehrwerkstätten, die in den letzten Jahren geschlossen wurden? Wo sind die Bildungseinrichtungen, die neben Allgemeinwissen berufsspezifisches Wissen vermitteln (Modell Felbertal Gymnasium)? Wo sind jene gezielten Maßnahmen, die aus Drop-out-Studenten noch gute Facharbeiter oder HTL-Absolventen zu machen vermögen? Wo ist jene Informationskampagne, die aus Jus-Absolventen und Betriebswirten integrierbare Mitarbeiter für die Wirtschaft schafft?

Nun, was den „War for Talents“ anlangt, so will eben jeder nur die Besten. Mit anderen Worten: Man möchte immer noch auf dem Papier unter Dutzenden auswählen können. Bei den nicht so Cleveren und Leistungsfähigen will man sich die Mühen einer qualifizierenden Einschulung ersparen, ebenso wie den Betrieb einer eigenen Lehrwerkstätte. Auch hier hat die Einführung staatlicher Einrichtungen zu einer weiteren Reduktion geführt. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass das gesamte Thema Personal ausgelagert wurde und weiter wird. Das ist nicht unbegründet, denn die arbeits- und sozialrechtlichen Auflagen gestalten sich immer härter und kostspieliger. Was aber sind die eigentlichen Gründe für diese Entwicklung? Kosten und Mangel an Flexibilität sind wohl die entscheidenden Kriterien – auch leicht nachvollziehbar in einer Zeit des rapiden Wandels, der verkürzten Produktionszyklen, einer Just-in-Time-Strategie und einer Beschleunigung vieler Dienstleistungen, frei nach den Grundsätzen: der Schnelle frisst den Langsamen – oder positiv formuliert: wer schnell hilft, hilft doppelt.

Ein weiteres Hindernis liegt bei den jungen Bewerbern selbst. Ihre mangelnde Mobilität und auch die meist – wie in einer Kienbaum-Studie ausgewiesen – schlechte Vorbereitung für die Bewerbung, insbesondere die mangelnde Qualität der Bewerbungsunterlagen, sollte durch entsprechende Maßnahmen wohl leicht zu beheben sein. Allerdings ist es wohl nicht nur die unprofessionelle Erstellung als vielmehr die mangelnde Einstellung zu der Frage wie ich einen – den richtigen – Beruf ergreife. Spätestens hier landen wir bei der Erziehung, beim familiären Umfeld, bei den relevanten Einflussgrößen, die Jugendliche beeinflussen. Wo sind Vorbilder, wo gibt es noch echte Orientierungshilfen, wo fachlich kompetente Beratung, wo das Gefühl der Sicherheit, eine richtige berufliche Entscheidung getroffen zu haben? Wo gibt es kompetente Auskunft über künftige oder gerade im Wandel begriffene Berufsbilder? Hier bedarf es eines intensiveren Austausches eines möglichst vorurteilsfreies aufeinander Zugehens.

Aber auch den Personalisten und Recruitern sei in ihr Stammbuch geschrieben, dass über das Manko "Fettfleck auf dem Bewerbungsschreiben" hinweggesehen werden sollte. Es gibt auch hier eine Bringschuld an Information. Ein Lebenslauf sollte nicht als Auswahlkriterium dienen, um über einen Menschen, den man nicht kennt, ein Urteil zu fällen. Oder glaubt wirklich jemand, dass man einen Menschen über einen einseitigen oder mehrseitigen Lebenslauf wirklich bewerten kann, ob er das Talent darstellt oder nicht?

Wer sind nun die Krieger und Soldaten in diesem Krieg um Talente, wer die Angreifer, wer die Verlierer, wer die Betroffenen? Ist dies der Ausdruck einer extremen Situation, einer verzweifelten Suche nach Mitarbeitern, die es vielleicht gar nicht gibt, oder ist es der überzogene Wettbewerb, die Gier nach Erfolg durch den Einsatz talentierter Krieger? Welches Menschenbild haben wir bei dieser Suche nach Mitarbeitern, die das Unternehmen vielleicht schon im darauffolgenden Jahr verlassen, wenn ihnen anderswo ein besseres Angebot gemacht wird? Wie nachhaltig ist denn diese Suche nach den Talenten, wenn wir das Wesentliche aus dem Auge verloren haben. Verlaufen wir uns da nicht in eine Sackgasse?

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