Der Architekt in Zeiten von BIM

Foto: Der deutsch-amerikanische Ingenieur John August Roebling war einer der bedeutendsten Ingenieure und Baumeister des 19. Jahrhunderts. Die Entwicklung der Bautechnik und die voranschreitende Spezialisierung im Brückenbau macht dieses Projekt möglich. Roebling erlebte die Einweihung des Bauwerks nicht mehr. Seine Frau übernahm die Bauleitung und stellte die Brooklyn Bridge nach seinem Tod fertig. Im Mai 1883 wurde sie eingeweiht Foto: Der deutsch-amerikanische Ingenieur John August Roebling war einer der bedeutendsten Ingenieure und Baumeister des 19. Jahrhunderts. Die Entwicklung der Bautechnik und die voranschreitende Spezialisierung im Brückenbau macht dieses Projekt möglich. Roebling erlebte die Einweihung des Bauwerks nicht mehr. Seine Frau übernahm die Bauleitung und stellte die Brooklyn Bridge nach seinem Tod fertig. Im Mai 1883 wurde sie eingeweiht

In den letzten 30 Jahren hat der Architekt kontinuierlich an Befugnis und Entscheidungshoheit verloren. Das ändert sich jetzt. Dank Building Information Modeling wächst der Einfluss der Architekten wieder. Er wird zum Koordinator und Treiber des gesamten Planungs- und Modellierungsprozesses.

Als Generalist, Baumeister und Koordinator stand der Architekt über Jahrhunderte hinweg für den gesamten Planungsprozess, den Bau und die Steuerung der Baustelle ein. Grundlegend veränderte sich diese gewachsene Rolle erst mit der Spezialisierung auf Bauwerkstypologien. Mit der Entwicklung der Ingenieurtechnik im 18. Jh. etablierten sich dann Planer-Fachdisziplinen. Sie bedeuteten letztlich die »Aufspaltung« des Baumeisters zum Architekten, Hochbauer, Wasserbauer, Statiker oder TGA-Fachplaner. Der Architekt wurde damals Bestandteil eines Entwerfer- und Planer-Gefüges.


Mit diesem Status konnten sich die Architekten bis in die 1980er-Jahre gut arrangieren. Sie hatten ihre Rolle im Planungs- und Bauprozess als Vermittler zwischen Planungspartnern oder als Projektsteuerer und schufen über die Jahre fruchtbare Allianzen zwischen Architekt und Ingenieur. Ihre Zusammenarbeit befand sich in einem subtilen Gleichgewicht, das jedoch kippte. Der Architekt verlor in den letzten 30 Jahren an Entscheidungshoheit und Befugnis und sah sich neuen Protagonisten wie dem (Gesamt)Projektsteuerer, dem externen Controller oder dem Bauherrnvertreter gegen. Kostensensibilität, wachsende Komplexität der Bauabläufe sowie neue Auftraggeberstrukturen sind wesentliche Gründe hierfür.

Architekt als BIM-Verfasser

Aktuell wächst der Einfluss der Architekten wieder. Building Information Modeling (BIM) ist hierfür der Treiber. Die sich festigende digitale BIM-Planungsmethode ermöglicht es, komplexe Planungs- und Bauabläufe in der Hand des Architekten zu bündeln. Dass dies möglich wird, ist, vereinfacht gesagt, dem 3D-Gebäudemodell zu verdanken. Digitale Gebäudemodelle dienen als zentrale Daten- und Informationspools für den Planungsprozess und die Bauphase bis in den Betrieb. Der Verfasser eines BIM-Modells ist der entwerfende Architekt. Er pflegt die Teilplanungen der Ingenieure ein und verwaltet sie. Damit kommt ihm eine umfassende Steuerungsrolle zu. Neue Arbeits- und Handlungsfelder ergeben sich daraus; erste Spezialisierungen von Architekten auf BIM-Planungsleistungen zeigen, wohin die Reise geht.

Koordinator und Treiber

Bild oben: Sébastien Le Prestre arbeitete Ende des 17. Jahrhunderts im Dienste des Sonnenkönigs Ludwig XIV und war einer der ersten Ingenieure im heutigen Sinne. In über 50 Dienstjahren plante er 33 Festungsbauten, lieferte für über 400 Projekte Planungsleistungen und modernisierte unzählige Festungsanlagen in Europa. 

 

Die Modellkoordination, die der Architekt leistet, ist wesentlich und neu im BIM-Prozess. Seine Koordinationsleistung dient schlussendlich der Erstellung des sogenannten »as built«-Modells (das Datenmodell, in dem das tatsächlich erstellte Bauwerk und alle Anpassungen im Planungs- und Bauverlauf erfasst sind). Die Rolle des Architekten als Koordinator macht ihn zum Treiber im gesamten Prozess, denn er legt gemeinsam mit dem Bauherrn fest, welche Daten sein Gesamtmodell umfassen soll (über die sog. Auftraggeber Informationsanforderung, kurz: AIA) und welche Teilmodelle mit welchen Daten und wann von den Fachplanern zu liefern sind (erfasst im BIM Projektabwicklungsplan, kurz: BAP).

Dass in der Datenerfassung, Koordination und Verwaltung des Gebäudemodells wichtige Pluspunkte zur konventionellen 2D-CAD-Planung liegen, erkennen ebenso die Software-Hersteller. CAD-Planungssoftware, Statikprogramme, AVA-Lösungen, Projektsteuerungs-Tools oder FM-Programme verankern BIM und machen es über das plattformübergreifende IFC-Format zur Basis eines verlustarmen Datenaustausches.

Graphisoft beispielsweise, Hersteller der BIM-Software Archicad, sieht den essenziellen Nutzen für den Architekten schon lange. Für Holger Kreienbrink, Leiter Produktmanagement, ist klar: »BIM ist ein Werkzeug, das es dem Architekten mit dem Gebäudemodell erlaubt, ungeahnte Transparenz und Tiefgang in seine Planung zu bringen – wenn er das wirklich will. Der BIM-Prozess macht es möglich. Und die Bandbreite der Nutzungen, die das virtuelle Gebäudemodell für ihn bieten kann, ist aktuell noch gar nicht abzusehen.«

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