»Die Digitalisierung hat auch Grenzen«

»Die Digitalisierung hat auch Grenzen«

Im Interview mit dem Bau & Immobilien Report spricht Ishap-Geschäftsführer Thomas Korol über das Ziel einer europäischen Personaldokumentation, welche Rolle Predictive Analytics für Haftungsausschlüsse spielen kann und die Grenzen der Digitalisierung im Bauwesen.

Report: Ishap gibt es seit 2008. Die digitale Baudokumentation ist generell noch eine relativ junge Disziplin. Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Thomas Korol: Ich war damals Bauleiter für mehrere Reihenhaus-Projekte in Niederösterreich. Bei einem dieser Projekte hatte ich eine Schwerpunktkontrolle von Finanz und  Gebietskrankenkasse. Als wir die Unterlagen vorlegen mussten, brachte mein Polier eine Mappe mit ein paar Zetteln. Da wurde mir bewusst, dass etwas falsch läuft. Denn woher sollte er auch Bescheid wissen, er ist ja kein Jurist. Da habe ich erkannt, dass man ein Tool braucht, mit dem auch all jene im operativen Bereich umgehen können, die über keine kaufmännische Ausbildung oder bürokratisches Wissen verfügen.
Im Laufe der Zeit sind diese Dokumentationspflichten immer stärker zentralisiert worden. Die Idee für die Zukunft ist, dass der Polier auf der Baustelle den Ausweis von Arbeitern eines Subunternehmens scannt und rotes oder grünes Licht erhält. Das wird auch heute schon immer öfter so abgewickelt.

Report: Wie sah das 2008 aus?

Korol: Die Idee dafür war schon dieselbe, ich habe aber erkannt, dass die Branche noch nicht so weit war. Da dachte man, man hätte mit der Software mehr Arbeit und dafür soll man auch noch zahlen (lacht). Wir haben dann aber festgestellt, dass die Erstellung eines klassischen Baustellenausweises im Word rund 15 Minuten in Anspruch genommen hat. Bei unserer Lösung wurde mit dem Handy ein Foto gemacht und wenige Sekunden später hatte man den Ausweis in der Hand. Dieser Mehrwert wurde von der Branche rasch erkannt. Das war unser Startschuss, bis es zur Arbeitsmarktöffnung kam.

Report: Was passierte dann?

Korol: Wir hatten die ehrliche Sorge, dass unsere Idee mit der Öffnung stirbt. Wir dachten, dass es mit der EU-Erweiterung weniger Dokumente geben wird. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Mit Unterscheidung EU neu, EU alt und nicht-EU ist eine echte Matrix an Dokumenten entstanden. Heute haben wir einen drei-bis viermal so hohen Dokumentationsaufwand wie 2008. Dazu kommt, dass auch die Strafen deutlich strenger geworden sind. Aber auch die Betrugsszenarien haben sich unheimlich entwickelt. Heute läuft der Sozialversicherungsbetrug über den Insolvenzausgleichsfonds und das Arbeitslosengeld.
  

Report: Wie sehr hat sich die Branche seit der Gründung von Ishap 2008 in Sachen Digitalisierung geöffnet?

Korol: Es ist auf jeden Fall zu einem Wandel gekommen. Das hat aber eine Zeit lang gedauert. Und zwar deswegen, weil der Österreicher anscheinend gerne erst aus Fehlern lernt. Durch die unmittelbare Betroffenheit durch Strafzahlungen wegen Schwarzarbeit oder Betrugsszenarien haben sich die Unternehmen geöffnet und für Lösungen wie die unsere interessiert.

Report: Das Beste, was Ishap passieren kann, sind also strenge Kontrollen?

Korol: Nein, das Beste, was uns passieren kann, ist, dass der Kunde unser System verwendet und kein Schaden entsteht. Mittlerweile verwenden unser System in Österreich fast 4.000 Firmen. Durch diese zentralisierte Lösung erleichtern wir sowohl den Firmen als auch den Behörden die Arbeit.

Vor zwei Jahren haben wir auch begonnen, gemeinsam mit den Behörden an einem Frühwarnsystem zu arbeiten. Dabei führen wir für diese Predictive Analytics Informationen aus dem Firmenbuch, der Gewerbedatenbank, der Scheinfirmen- und HFU-Liste zusammen. Intelligente Algorithmen erkennen Auffälligkeiten und schlagen Alarm, bevor etwas passiert.

Report: Was sind die größten Auffälligkeiten?

Korol: Veränderungen von Firmen oder Personen in Form von Adressänderungen, neue Gesellschafter oder Geschäftsführer. Ein wichtiges Indiz ist auch die Vorgeschichte der handelnden Personen. Wenn ein Gesellschafter zuvor schon bei sechs Konkursunternehmen Gesellschafter war, dann läuten die Alarmglocken.  Da gibt es jetzt Überlegungen mit dem Finanzministerium, dass wir unseren Private Hub mit dem Public Hub der Behörden zusammenschließen, um noch auf viel detailliertere Informationen etwa zu Verstößen gegen das Lohn- und Sozialdumpingbekämpfungsgesetz oder das Ausländerbeschäftigungsgesetz zu kommen. Das ist ja nicht nur für öffentliche, sondern auch für private Auftraggeber interessant.

Wir liefern dazu nur die Daten, die Bewertungskriterien kommen vom Kunden. Der Kunde entscheidet welche Risikofaktoren für ihn wichtig sind und welche weniger.

Report: Was wird in der Personaldokumentation von den Kunden am stärksten nachgefragt?

Korol: Am stärksten nachgefragt werden Lösungen, die es Unternehmen einfacher machen, Haftungen auszuschließen. Das geht klar in Richtung Predictive Analytics. Denn wenn man auf der Baustelle ein Unternehmen hat, das kurz vor dem Konkurs ist, dann ist es für den Bauleiter zu spät, um rasch und kostengünstig zu Ersatz zu kommen. Wenn man das Risiko aber schon im Vorfeld kennt, kann man ganz anders darauf reagieren. Das wird für die Unternehmen immer mehr zur Notwendigkeit.
 
Report: Wie digital oder analog sind denn die Baustellen heute aus Ihrer Sicht?

Korol: Es gibt schon viele tolle Entwicklungen, die vielleicht oft nicht so sehr im Rampenlicht stehen. Etwa dass man heute mit digitalen Geräten Distanzen ausmisst und kein Band mehr ausrollen muss. Generell finde ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Es gibt in der Bauwirtschaft aber auch Grenzen der Digitalisierung.

Report: Welche Grenzen sehen Sie?

Korol: Zum einen im Handwerk selber. Aber auch bei den Plänen vor Ort. Es wird eine große Herausforderung werden, bei hellem Sonnenlicht mit einem Bewehrungsplan auf einem Tablet zu arbeiten. Man muss sich auch die Frage stellen, wo es vernünftig ist, auf Fortschritt zu setzen, und wo vielleicht bewährte Mechanismen und Prozesse sinnvoller sind.
Aber gerade in der Bürokratie, der Personal- und Gebäudedokumentation sehe ich schon noch großes Potenzial.

Report: Woran arbeiten Sie aktuell? Geht es darum, die bestehenden Lösungen zu verfeinern oder haben Sie auch neue Ideen im Kopf?

Korol: Wir haben sehr viele Ideen. Aber neue Ideen bedeuten natürlich auch immer einen großen zusätzlichen Aufwand. Und ich habe gelernt, dass es wichtig ist, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Was uns in der Personaldokumentation im Moment ein großes Anliegen ist, ist die europäische Vernetzung in der Personaldokumentation. Denn natürlich wollen Unternehmen bei Entsendungen wissen, ob die Arbeiter im Heimatland tatsächlich angemeldet sind. Deshalb versuchen wir jetzt mit dem Dachverband der Bauindustrie, der FIEC, Musterdatenbanken zu entwickeln, um auch zu zeigen, wie eine Lösung für eine EU-ID aussehen könnte.

In der Gebäudedokumentation geht der Trend nicht nur in Richtung Digitalisierung sondern ganz stark in Richtung Lebenszyklus. Da geht es auch um Informationsautomatisierung, dass die Nutzer etwa über Aufzugswartungen oder Ähnliches informiert werden. Dahin geht die Reise und darauf sind wir vorbereitet. Der erste Schritt muss aber bei den Bestandsobjekten gemacht werden. Alle Bauträger, Genossenschaften und Hausverwaltungen müssen sich im Klaren sein, dass sie alle relevanten Unterlagen wie Pläne und Bewilligungen digital sichern und abrufbar haben.

Was wir auch noch sehen, ist, dass die Vernetzung eine immer wichtigere Rolle spielt. Auch die Vernetzung zwischen verschiedenen Softwareprodukten. Wir werden nicht mehr nur SAP-Schnittstellen brauchen, sondern auch Schnittstellen zu anderen Software-Produkten. Da werden die Kooperationen unter den Softwareherstellern immer wichtiger, deshalb müssen wir uns mehr vernetzen.

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