»Man darf nicht immer auf die Nachfrage warten«

Foto: »Neue Entwicklungen müssen nicht zwingend teuer sein. Denken Sie an die Automobilbranche: Wenn Sie heute ein Auto ohne elektrische Fensterheber haben wollen, müssen Sie wahrscheinlich einen Aufpreis zahlen«, sagt Ewald Müller. Foto: »Neue Entwicklungen müssen nicht zwingend teuer sein. Denken Sie an die Automobilbranche: Wenn Sie heute ein Auto ohne elektrische Fensterheber haben wollen, müssen Sie wahrscheinlich einen Aufpreis zahlen«, sagt Ewald Müller.

Der Bau & Immobilien Report hat Alukönigstahl-Geschäftsführer Ewald Müller auf der BAU in München getroffen und mit ihm über neue Produkte, Technologien und Strategien gesprochen. Auf Produktseite heißt Barrierefreiheit jetzt auch tatsächlich barrierefrei, technologisch geht es vor allem um die Vernetzung von Prozessen. Und strategisch denken heißt bei Alukönigstahl, nicht immer auf den Kunden zu warten.

Report: Die Weltleitmesse für Architektur, Materialien und Systeme in München ist immer auch ein Fenster in die Zukunft. Welche Trends sehen Sie?

Ewald Müller: Die fortschreitende Urbanisierung und die Verknappung des Raumes führt dazu, dass Wohnen in Zukunft höher wird. Das ist ein internationaler Trend und dafür gibt es auch in Wien aktuell einige Beispiele. Wenn zunehmend in die Höhe gebaut wird, kommt man an Schiebelösungen, wie wir sie in Kooperation mit unserem langjährigen Partner Schüco anbieten, nicht herum. Ich bin auch überzeugt, dass wir uns mit unseren Produkten und Lösungen ein Stück weit vom Rest des Marktes absetzen konnten.

Report: Woran machen Sie diesen Vorsprung gegenüber den Mitbewerb fest?

Müller: Nehmen wir das Beispiel Barrierefreiheit. Das ist ein Thema, das uns schon lange fasziniert. Barrierefreiheit ist in Österreich mit 18 mm definiert. Das war uns zu wenig bzw. zu viel. Bei uns heißt Barrierefreiheit heute tatsächlich 0 mm. Das ist für Schiebetüren ein großer Schritt und wird in Zukunft ein absolutes Muss sein. 

Auch an elektronischen Steuerungen führt kein Weg vorbei. Das muss auch nicht zwingend teuer sein. Denken Sie an die Automobilbranche: Wenn Sie heute ein Auto ohne elektrische Fensterheber haben wollen, müssen Sie wahrscheinlich einen Aufpreis zahlen (lacht). So sehe ich auch die Entwicklung im Gebäudebereich. 

Ein großes Thema sind auch die Lebenszykluskosten. In Smart Buildings geht es um Sensorik und die Vernetzung aller Komponenten der Gebäudehülle. Damit können auch Wartungsintervalle verlängert werden. Da sprechen wir dann vernünftigerweise nicht mehr von höheren Errichtungskosten, sondern von geringeren Gesamtkosten über den gesamten Lebenszeitraum betrachtet.

Report: Die höheren Anfangskosten schrecken aber immer noch viele Bauherrn ab?

Müller: Ja, aber das ist der falsche Weg. Es kann ja auch nicht sein, dass die gesamte Last dem Mieter übertragen wird. Da wird den späteren Nutzern eine vermeintliche niedrige Miete vorgegaukelt, aber von den Wartungskosten spricht niemand. Das ist nicht fair. Als Marktführer sehen wir uns auch in der Pflicht, Trends zu setzen. Über die Menge wird es auch zu einer vernünftigen Preisgestaltung kommen.

Report: Sie haben auch die Sensorik angesprochen. Welche Rolle spielt die predictive Maintenance, die vorausschauende Wartung?

Müller: Das ist ein ganz wichtiges Thema. Wir bauen heute verstärkt Sensoren in unsere Produkte ein. Damit kann der Metallbauer exakt ablesen, in welchen Bereichen Wartungsbedarf besteht und den Nutzer entsprechend informieren. Auch das senkt langfristig die Kosten.

Report: Wird das von Kundenseite auch bereits nachgefragt?

Müller: Als Trendsetter darf man nicht immer auf die Nachfrage warten. Es geht nicht immer nur darum, Prozesse besser zu machen, sondern Prozesse anders zu machen. Es war immer unsere Rolle, neue Entwicklungen anzustoßen. Gerade beim Thema der vorausschauenden Wartung bin ich überzeugt, dass es nicht lange dauern wird, bis wir von einer echten Marktdurchdringung sprechen können.

Report: In welchen Segmenten sehen Sie für Alukönigstahl das größte Wachstumspotenzial?

Müller: Traditionell hat Aluminium im Commercial-Bereich immer eine große Rolle gespielt. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Das größere Wachstums­potenzial liegt aber sicher im Residential-Bereich, der bislang fast aluminiumbefreit war. Durch die steigende Bedeutung von Themen wie Nachhaltigkeit und Lebenszykluskosten haben wir auch hier gute Argumente. Das soll keine Kampfansage gegen andere Werkstoffe sein, aber wir sind überzeugt, dass sich Aluminium auch im Wohnbereich durchsetzen wird.

Report: Wie ist 2018 für Alukönigstahl gelaufen?

Müller: Das lässt sich nicht verallgemeinern. In Österreich war 2018  ein sehr spezielles Jahr. Durch massiv gestiegene Kosten einzelner Gewerke haben auch die Preise enorm angezogen. Gerade im Wohnbau sind die Generalunternehmerpreise für Projektentwickler in kürzester Zeit um rund 50 Prozent gestiegen. Das und die hohe Auslastung der Unternehmen hat dazu geführt, dass viele Projekte in der Pipeline geblieben sind, weil die Finanzierung nicht gepasst hat. Man musste  bei der Finanzierung nachjustieren, neue Wirtschaftlichkeitsberechnungen anstellen und vielleicht auch das Gebäude selbst optimieren. Das hat zu einem gewissen Verzug geführt und Projekte wurden von 2018 auf 2019 geschoben. Die Folge ist, dass wir extrem gut ins Jahr 2019 gestartet sind.

Wir konnten in Österreich die Marktführerschaft nicht nur verteidigen, sondern, wie ich glaube, auch leicht ausbauen. Auch in vielen ausländischen Märkten haben wir unser mittelfristiges Ziel der Marktführerschaft erreicht. Südosteuropa brummt, da verzeichnen wir im Schnitt zweistellige Wachstumsraten.

Report: Von hohen Wachstumsraten im südosteuropäischen Raum berichten derzeit viele Unternehmen. Allerdings klagen auch viele, dass es mit der Zahlungsmoral und der Rechtssicherheit nicht allzu weit her ist. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Müller: Nein, das können wir in keiner Weise bestätigen. Wir sind ja auch schon lange in diesen Märkten aktiv. Das war anfangs schon auch ein Abenteuer, aber heute ist die Rechtssicherheit kein Thema mehr. Man darf diese Länder auf keinen Fall unterschätzen. Der Boom wird dort auch noch länger anhalten.

Report: Der Bauboom hat aber auch seine Schattenseiten. Neben steigenden Kosten bekommen bekanntlich viele Unternehmen auch den Facharbeitermangel zu spüren ...

Müller: Das ist richtig und in Südosteuropa ist die Situation sogar noch schlimmer als in Österreich. In Ländern wie Rumänien oder Bulgarien sind die Bevölkerungszahlen rückläufig. Gut ausgebildete Fachkräfte zieht es in den Westen. Das verschärft den Kampf um die Mitarbeiter enorm.

Report: Wie führen Sie diesen Kampf? 

Müller: Wir investieren sehr viel in die Ausbildung. Wir haben eigene Ausbildungsakademien und E-Learning-Plattformen.

Report: Ist es dafür nicht zu spät, wenn jetzt die Arbeitskräfte fehlen?

Müller: Um ehrlich zu sein, bei diesem Thema ist man immer zu spät. Das gilt aber für die gesamte Branche. Ich glaube aber auch, dass es derzeit ein Umdenken gibt und viele Unternehmen wieder verstärkt in die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Das ist auch eine Frage der Kultur. Wir müssen uns wieder stärker mit dem Menschen beschäftigen.

Report: Das Personalthema ist ein großes Thema der Branche, ein anderes ist die Digitalisierung. Womit beschäftigt sich Alukönigstahl?

Müller: Das ist ein Riesenthema bei uns. Ein Drittel unseres Messeauftritts ist der Digitalisierung vorbehalten. Das ist für ein produktorientiertes Unternehmen schon sehr ordentlich. Nachhaltig digitalisierte Prozesse sind heute ein Muss, um effizient zu bleiben. Ein Gebot der Stunde ist auch die Vernetzung, die prozess­orientierte Verbindung von Abläufen. Eine echte Vernetzung kann auch kostendämpfend wirken. Wir haben immer Produktionsspitzen und gleichzeitig anderswo Produktionskapazitäten. Durch eine geschickte Vernetzung auch der Metallbauer untereinander kann man hier ausgleichend wirken und damit das Gesamtgewerk wirtschaftlicher machen.  
All diese Themen kommen schneller auf uns zu, als wir jetzt vielleicht noch glauben. Das ist nicht aufzuhalten, deshalb wollen wir die Entwicklung nutzen, und zwar usergerecht nutzen.

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