»Manchmal waren wir vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort«

Foto: Imagewandel. »Beton ist heute ein akzeptiertes Baumaterial, unverzichtbar im Tiefbau und insbesondere in der Architektur ein sehr gerne verwendeter Werkstoff.« Foto: Imagewandel. »Beton ist heute ein akzeptiertes Baumaterial, unverzichtbar im Tiefbau und insbesondere in der Architektur ein sehr gerne verwendeter Werkstoff.«

Fast drei Jahrzehnte lang drehte sich im Berufsleben von Frank Huber alles um Zement und Beton. Als Geschäftsführer der Agentur »Zement & Beton« hat er maßgeblich dazu beigetragen, das Image von Beton sowohl in der Fachwelt als auch der breiten Öffentlichkeit zu verbessern. Ende August geht Huber in den wohlverdienten Ruhestand. In einem sehr persönlichen Abschiedsinterview lässt er 29 Berufsjahre Revue passieren, redet über Meilensteine und Rückschläge und darüber, worauf er stolz ist. Zum Drüberstreuen gibt es auch die eine oder andere Anekdote.

Report: Ihr berufliches Leben steht seit 29 Jahren im Zeichen von Zement und Beton. Was waren damals die Rahmenbedingungen für die Branche?

Frank Huber: Da gab es eigentlich keine Rahmenbedingungen, wir standen absolut am Anfang. Die Ziegelindustrie war da schon deutlich weiter mit Produktinnovationen und Marketing. Wir hatten mit dem Begriff »Wohnbeton« begonnen und damit nicht wirklich reüssiert: Wie soll man auch den Beton zum Wohnen erklären, damals hat die Agentur­meinung zur Werbestrategie zu kurz gegriffen – alles eine Lernphase.

Report: Mit welchen zentralen Herausforderungen sahen sich die Hersteller damals konfrontiert?

Huber: Erstmalig standen Umweltanforderungen zur Diskussion. Wir sind dann 1995 proaktiv in die Diskussionen eingestiegen. Seither begleiten uns die Themen Emissionen, die Verwertung von Altstoffen und Grenzwerte täglich.

Zusätzlich kam die damals wachsende Gruppe von Baubiologen und sprach äußerst negativ vom Baustoff, sprach sogar vom totgebrannten Zement und vom kalten Beton, was heute beim Thema Bauteilaktivierung der wichtigste Vorteil ist (lacht). Es brauchte leider sogar rechtliche Schritte, um zu einem neuen Gesprächsbeginn zu kommen. Aber der Neubeginn in der Kommunikation mit dem IBO war einmalig.

Um sich breiter aufzustellen, war ich in eine ihrer Sitzungen als Industrievertreter mit eingeladen. Als die Sprache auf fremde Zuhörer kam, zogen alle BaubiologInnen den Kopf ein, nur wir »Fremden« ragten aus der Masse hervor, ich musste lachen! Ich wurde vorgestellt und in der Kaffeepause haben dann die Gespräche begonnen – gemeinsame Studien folgten

Report: Welchen Stellenwert hatte Beton in der Gesellschaft?

Huber: Beton wurde als notwendiges Baumaterial abgetan, schlecht geredet beziehungsweise gar nicht diskutiert. Der Industrie wurde bewusst, dass die Öffentlichkeitsarbeit bisher stiefmütterlich behandelt worden war, die Vorteile des Materials dokumentiert und verbreitet werden mussten.

Report: Wie würden Sie die Situation heute bewerten?

Huber: Da hat sich sehr viel getan! Und die Basis war und ist noch immer, dass wir drei – die Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie, die Agentur »Zement & Beton« und Smart Minerals, früher das Zementforschungsinstitut – gemeinsam auftreten konnten und es auch tun. Forschung und Innovation als gesicherte Basis für alles Weitere hat uns damals schon begleitet und tut es auch jetzt. Das gibt Handlungsspielraum und Stärke für die Öffentlichkeitsarbeit. Ich kann mich, wenn ich Fragen habe, einfach umdrehen und bekomme eine gute Antwort, das hilft enorm! So sehe ich Beton heute als akzeptiertes Baumaterial, unverzichtbar im Tiefbau. Insbesondere in der Architektur ist Beton ein sehr gerne verwendeter Werkstoff.

Report: Wenn Sie die drei Jahrzehnte Revue passieren lassen: Was waren aus Ihrer Sicht die wesentlichen Meilensteine?

Huber: Meilensteine waren etwa die Betontechnologie-Kurse, die ich mitbetreuen durfte, um die Technologie in der Fachwelt zu verankern, und die jetzt im ausgebauten Maße auch beim ÖBV in bester Qualität auf einer anderen Ebene angeboten werden. Ein weiterer Meilenstein war die gemeinschaftliche Betonwerbung mit dem Verband der Österreichischen Beton- und Fertigteilwerke. Ich bin letztens die Werbestrategien dieser drei Jahrzehnte durchgegangen und es war hochinteressant, die Überlegungen der Agenturen und die folgenden Umsetzungen aus heutiger Sicht nachzuvollziehen. Und aus dieser gemeinschaftlichen Vorgangsweise entwickelte sich das Betonmarketing Österreich, damals ein Highlight in der europäischen Szene der Zement- und Betonproduzenten. Die jüngsten Meilensteine sind die tollen Projekte: die Thermische Bauteilaktivierung, energiesparende Betonstraßen, das Thema CO2-Aufnahme von Beton etc., also auch zukünftige Entwicklungen.

Report: Welche Rückschläge gab es?

Huber: Echte Rückschläge gab es eigentlich nicht, oder ich habe sie einfach ignoriert und in die Zukunft geblickt. Besser gedacht, wenn man die Zeit bekommt, langsam zu wachsen, zu agieren, zu überlegen, sich zu orientieren – und da ein hohes Lob an die eigene Industrie, die mir große Freiheiten gelassen hat –, gibt es keine Rückschläge. Wenn man nicht von 0 auf 100 muss, sondern einen Fuß vor den anderen setzen und sich entwickeln darf, sind Rückschläge eigentlich ausgeschlossen.

Report: Was sind persönliche Highlights? Worauf sind Sie nach 29 Jahren stolz?

Huber: Stolz, ja, auf unsere Zeitschrift! Die hat sich zu einem Vorzeigeprodukt für Leser mit Sammlerleidenschaft, insbesondere bei Architekten, entwickelt.
Stolz bin ich auch auf die Concrete Student Trophy, die von uns entwickelt wurde und interdisziplinäres Arbeiten fördert. Es ist bemerkenswert, was die Studententeams da ohne den Leistungsdruck im Berufsleben hervorbringen. Das gehört weiter gefördert. Proholz hat das nach zehn Jahren erkannt und hat nun das Format praktisch 1:1 übernommen, die haben aus der Ausschreibung ganze Absätze kopiert. Darauf könnte man auch stolz sein (lacht).

Und dann gibt es noch etliche kleinere Projekte, die viel Spaß gemacht haben, wie beispielsweise die Betonkanuregatta, die Kommunikation mit den ChemielehrerInnen sowie das Konvolut der Schul­broschüren, das Projekt Industriefußböden bis hin zur Erstellung unseres Beton-Image-Filmes und so weiter.

Report: Was waren technologisch die spannendsten Innovationen und Neuentwicklungen in dieser Zeit? Was hat sich als Fehlinvestition oder Fehlentwicklung entpuppt?

Huber: Fehlinvestitionen gab es nicht – wenn, dann kam eine Entwicklung vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort. So ging es uns etwa bei der thermischen Bauteilaktivierung. Da waren wir knapp zehn Jahre zu früh dran. Von der Systematik perfekt haben wir damals am falschen Ort begonnen, wir hatten überlegt, wie wir die Energie aus dem Boden holen können, jetzt und heute ein Teilaspekt. Zweitens war die Bauphysik noch nicht beim Passivhaus angelangt. Die Entwicklungen dieser zehn Jahre haben uns natürlich in die Hände gespielt, so wie jetzt auch das volatile Energiedargebot. Jetzt ist die Systematik – mit der Energiespeicherung als zweite »Kernkompetenz« von Beton neben der Tragfähigkeit – genau am Punkt, wird allgemein mit Interesse verfolgt und in die Überlegungen der Diskussionspartner aufgenommen – das Ergebnis der Klima- und Energiestrategie zeigt das expressis verbis auf.

Eine weitere Neuentwicklung nach dem Stahlbeton und Spannbeton waren der Faserbeton, der Hochleistungsbeton, Carbonbewehrung und der sogenannte UHPC. Alles Neuentwicklungen, die noch nicht in Masse auftreten, aber sehr wohl zeigen, wohin die Reise geht – und die wird noch weiter gehen.

Report: Gibt es eine Anekdote aus den 29 Dienstjahren, die Ihnen spontan einfällt?

Huber: Da gibt es viele, auch solche zum Schmunzeln, die sind aber nicht für die breite Öffentlichkeit gedacht (lacht). Es gibt aber auch harmlosere: Gleich am Anfang meiner Laufbahn hat man mir erklärt, dass es viel wichtiger sei, die Titel der hochrangigen Personen zu kennen. Dabei habe ich mir als visueller Typ schon schwer getan, mir die Namen zu merken.

Ich erinnere mich auch daran, dass ich mal eine Podiumsdiskussion mit Dominique Perrault leiten musste. Zwei Gäste machten sich einen Jux draus, auf Französisch ohne die Notwendigkeit eines Übersetzers direkt in die Tiefen der Seele Perraults zu bohren. Ich wusste nicht, wie ich diese höchst despektierliche Diskussion abbrechen könnte, da kam mir der liebe Gott zu Hilfe, legte irgendwo eine Sicherung, sodass nur noch die grünen Fluchtwegschilderln sichtbar waren – der Abend war gerettet, ich bat die Gäste unter Gelächter zum Buffet einen Stock tiefer, wo alles gut beleuchtet war.

Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass es mir immer furchtbar auf den Keks gegangen ist, dass es in unserer langjährigen Bleibe in der Reisnergasse nicht möglich war, am Freitagnachmittag Druckwerke in den dritten Stock liefern zu lassen, da der Lift von Freitagmittag bis Montagfrüh aus Sicherheitsgründen abgedreht wurde. Also ließ ich mich zum Liftwart einschulen und konnte den Lift, solange ich wollte, in Betrieb halten. Ich durfte sogar einmal eine Kollegin aus dem steckengebliebenen Lift retten!

Report: Letzte Frage: Wo sehen Sie die Zukunft der gesamten Branche?

Huber: Die Zement- und Betonindustrie sollte sich weiterhin und noch intensiver auf gemeinsame Zukunftsziele verständigen und gemeinsame Forschung betreiben. Umweltthemen, wie derzeit die CO2-Aufnahme von Beton und auch die Langlebigkeit für einen zukunftsfähigen Baustoff, liegen mir besonders am Herzen.

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