Passivhaus – Klimaretter oder Kostentreiber?

Passivhaus –  Klimaretter oder Kostentreiber? Foto: Thinkstock

Das Passivhaus entzweit die Branche. Für die einen ein wesentlicher Mosaikstein zur Erreichung der globalen Energie- und Klimaziele sowie Garant für leistbares Wohnen durch niedrige Energiekosten. Für die anderen nicht mehr als ein Marketing-Gag, dessen tatsächlicher Energieverbrauch in der Praxis deutlich höher ist als berechnet. Zuletzt hat eine Studie im Auftrag des Verbands der gemeinnützigen Bauvereinigungen GBV für viel Wirbel gesorgt. Zentrale Aussage: »Die Mehrkosten der Errichtung sind über die geringeren Energiekosten nicht refinanzierbar.« Der Bau & Immobilien Report hat den Initiator der Studie, GBV-Obmann Karl Wurm, und Johannes Kislinger, Obmann der IG Passivhaus, zum verbalen Schlagabtausch gebeten.

Pro - Die Vorwürfe gehen ins Leere
»Die Passivhaustechnologie hat in den letzten 20 Jahren zu einer qualitativen Revolution des Bauens in Europa geführt. Trotzdem gerät das Passivhaus besonders gern unter Beschuss. Aktuelles Beispiel ist die GBV-Studie. Aber die Diskussion leidet unter unvollständigen und unrichtigen Argumenten: Ein Passivhaus weist in der Praxis den prognostizierten Energieverbrauch auf, wenn es professionell geplant und entsprechend ausgeführt wurde. Der Energieausweis ist nicht das taugliche Planungsinstrument für ein Passivhaus, denn die angenommene – theoretische – Raumtemperatur von 20 Grad entspricht nicht dem Leben. Die Diskrepanz zwischen dem theoretischen Energieverbrauch (20 Grad) und dem subjektiven Empfinden (22–23 Grad) ist einleuchtend und der damit höheren Energieverbrauch (um 22–23 Grad zu erreichen) logische Folge. Das erklärt die Abweichungen von manchmal bis zu 25 % (bei sehr wärmeliebenden Nutzern) gegenüber dem anerkannten Passivhaus-Projektierungs-Paket (PHPP) des Passivhausinstituts Darmstadt.

Auch der Vorwurf der Mehrkosten geht ins Leere. Diese werden in der Regel mit Lüftungsanlage, Dreifachscheibenverglasung und Dämmung argumentiert. Faktum ist, dass Fenster ohne Dreifachverglasung nicht mehr Stand der Technik sind. Der Einbau einer Lüftungsanlage ist angesichts der Luftdichtheit von Gebäuden zwingend nötig, um Schimmel zu vermeiden.

Was tatsächlich an Mehrausgaben bleibt, sind Kosten für Wärmebrückenfreiheit und eine optimierte Dämmung, die sich jedoch im Regelfall durch Einsparungen in der Heizungstechnik kompensieren lassen. Dürfen wir uns leisten, auf Klimaschutz aus Kos­tengründen zu verzichten? Ein Passivhaus rechnet sich alleine schon, weil es aktiven Klimaschutz bedeutet. Es ist Zeit, über den Tellerrand hinaus zu blicken.«
Johannes Kislinger, Obmann IG Passivhaus


Contra - Das Passivhaus rechnet sich nicht
»Bis dato verlief die Diskussion über Kosten und Nutzen von Passivhäusern eher entlang von Glaubensbekenntnissen, wissenschaftlich abgesichertes, hartes Faktenmaterial zu diesem kontroversen Thema war spärlich gesät. Das lag vor allem an einem nicht ausreichenden empirischen Datenfundus. Das ist jetzt anders. Erstmals liegt eine breit angelegte Evaluierung der Investitions- und Nutzungskosten von energetischen Maßnahmen in GBV-Wohngebäuden (321 Objekte, 14.220 Wohnungen) vor. Eines der zentralen Ergebnisse: Das Passivhaus rechnet sich nicht. Erstens: Passivwohngebäude verbrauchen in der Realität doppelt so viel Energie wie theoretisch kalkuliert. Zweitens: Die höheren Investitionskosten im Passivhaus lassen sich durch die laufenden Energieeinsparungen nicht wettmachen. Werden die Inves­titions- und Energiekosten auf eine laufende Miete umgerechnet, zeigt sich im Passivhaus ein Kostenmalus von 300 Euro pro Wohnung und Jahr gegenüber dem günstigeren Niedrigenergiegebäude. Letzteres erweist sich in Summe auch als der kostenoptimale Gebäudetyp.

Diese Ergebnisse mögen den einen oder anderen einschlägigen Branchenvertreter zuwiderlaufen. Gefragt ist aber kein Schrebergartenfokus und ein ›Wünsch-dir-was‹ durch ständiges Hochlizitieren kostentreibender energetischer Anforderungen, sondern eine Gesamtperspektive für das sozial und wirtschaftlich Vertret- und Machbare. Und da zeigen die steigenden Wohnkosten, zurückgehenden Realeinkommen und rückläufigen Wohnbauförderungsmittel unzweideutig, dass der Preis für geringe Energieeinsparungen zu unvertretbaren Mehrkosten ein zu hoher ist. Zahlen tun ihn die Bewohner.«
Karl Wurm, Obmann des Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen Österreichs GBV

Last modified onDienstag, 27 Mai 2014 20:09
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